[Anhang.]
No. 307.
Strafanstalt zu Lucca. Brief des Gefangenen Antonino M…[69]
Den 18. September 1892.
Teurer, edelmütiger Bruder!
Gern hätte ich Dir schon früher geschrieben, wenn es erlaubt gewesen wäre. Wir haben einen neuen Direktor bekommen, eine große edle Seele, und auf meine Bitte hat er mir gern gestattet, Dir zu schreiben. Seit mehreren Tagen liege ich zu Bett wegen Nervenschwäche; meine Beine wollen mich nicht mehr tragen; und was ich für Schmerzen habe, weiß nur Gott im Himmel, aber größer und schlimmer sind meine moralischen Schmerzen. Seit einem Jahre bin ich in dieser Zelle und verbringe meine traurigen Tage damit, Gott den Herrn anzuflehen um Vergebung für meine großen Verbrechen, für meine Thorheiten, meine schlechten Handlungen, meine Verworfenheit. Wenn Du mich sehen könntest, würde Dein gerechter Zorn dahin schwinden, und Du würdest weinen, daß Du mir nicht verziehen hast – denn Du würdest nur einen Schatten Deines Bruders sehen, in einem Jahr ist mein Haar und mein Bart grau geworden bei dem Gedanken an meine Verworfenheit; zu sehr haben mir die angedrohten Strafen des Herrn das Herz zerrissen und nur zu gerecht ist seine Rache. Mein Leib ist krank und hinfällig unter seiner Geißel geworden; ich finde keinen Frieden in mir, wenn ich an meine schwere Sündenschuld denke. Zu groß ist meine Verworfenheit, und alle meine Kraft reicht nicht aus, um Gott zu versöhnen; Tag und Nacht lastet der Druck meiner Sünden auf meiner Seele.
Ich habe Gott von mir gewiesen und mir mein Elend selbst geschaffen, deshalb leide ich gerecht.
Ich weiß, daß Gott mir diese schwere Züchtigung zufügt, und daß Du lieber Bruder, und alle meine Angehörigen, die ihr so gut und so edelmütig seid, von Gott als Werkzeug seines Willens ausersehen seid, um einen Verderbten, einen Verbrecher, einen Verworfenen zu strafen. Ich denke an die alten Zeiten, wo der Herrgott die ganze Welt wegen eines meinem ähnlichen Verbrechen gestraft hat[70] und ich erkenne, daß in allen seinen Werken die furchtbare Gerechtigkeit herrscht. Diese Gerechtigkeit hat mich getroffen und Tag und Nacht liege ich mit der Stirn im Staube und flehe um Mitleid, um Verzeihung.
Bald wird meine arme Seele vor ihrem Richter stehen – und deshalb fühle ich die Pflicht in mir, Dich von ganzem Herzen demütig um Verzeihung zu bitten, für alles Übel und alle Undankbarkeit, die ich Dir neun Jahre lang erwiesen habe, auch Dein liebes Weib, Deine Söhne, unsere lieben Schwestern, alle unsere Landsleute bitte ich um Verzeihung, und bereue alles Üble, das ich gethan, allen Kummer, den ich verursacht habe. Ich würde leichter sterben, wenn ich Dir die Hand küssen könnte, die Hand, die mir so lange Jahre hindurch nur Gutes erwiesen hat. Ich erkläre, daß bei allen unsern Streitigkeiten stets ich die Ursache, der Missethäter gewesen bin. Deinen Edelmut habe ich stets mit Undankbarkeit und Schlechtigkeit vergolten. Verzeih' mir, um der bitteren Schmerzen willen, die ich leide. Ich verzeihe allen und insbesondere auch den Zeugen, die falsch geschworen haben.
Mein lieber Bruder, um unserer lieben Eltern willen verzeihe mir!! Ich umarme und küsse Dich und alle die Unseren, verzeiht mir von Herzen.