Vielleicht ist seine Ascetik nur eine Folge der Camorra. Die alte Camorra war in der That sehr abergläubisch und religiös; ihre Mitglieder trugen Medaillen und Rosenkränze und eine der camorristischen Zeremonien, nämlich die, um sich unsichtbar zu machen, vollzog sich in der Weise, daß man sich eine Wunde am Arm beibrachte und die geweihte Hostie darüber legte.
[17] Diese Thatsache ist von großem diagnostischen Wert und läßt in M… einen Epileptiker vermuten. Man muß beachten, daß er nicht empört ist, weil er sich der Camorra beugen muß, sondern weil es sich um eine falsche Camorra handelt.
[18] Man ersieht daraus, wie stark die Verbrechereitelkeit bei M… war, trotz seiner Beteuerungen gegenüber dem Camorristen Sansosti.
[19] Es ist merkwürdig, wie M… sich hier als Rächer der verletzten Moral aufspielt, man möchte sagen, daß er die Rolle des Uninteressierten hervorkehren will, während er vielleicht nur seinem Spitzbubeninstinkt gehorcht, um nicht als der Urheber dieser Camorraszene entdeckt zu werden. Man thut gut, nicht zu vergessen, daß der ganze Zorn gegen Pescari nicht davon herrührt, daß er die Camorra herausgefordert hatte, sondern sich für einen Camorristen ausgegeben hatte, ohne es zu sein. Man möchte glauben, daß M…, obgleich er es nicht bekennen will, ein Haupt der Camorra gewesen ist. Seine Handlungsweise ist dieselbe, wie sie Pucci (Archivio di Psichiatria, V. Jahrgang 1884) und Alongi (La camorra Studio di Sociologia criminale, Torino, Bocca 1890) bei den Häuptern der Camorra beschreiben.
[20] Man sieht, wieviel dem System eines Spezialkorps für die Gefängniswache widerspricht. Es existiert militärische Disziplin, aber der Soldat wird von den Gefangenen unterhalten, und sucht aus seinem traurigen Geschäft soviel wie möglich herauszuschlagen.
[21] Das ist das große Verbrechen. M…, der dem Sansosti erklärte, daß er auf den rechten Lebenspfad zurückkehren und von der Camorra nichts mehr wissen wolle, obgleich er sie wer weiß wie oft zu seinen Gunsten in Anspruch genommen hat, kehrt aus bloßem Wunsch nach Rache zu ihr zurück. Das Unrecht des Pescari, das ersieht man aus dem folgenden, war, sich als »Guappo« aufgespielt zu haben, ohne es wirklich zu sein. Daraus ersieht man, wie die verbrecherische Assoziation, wovon die Camorra ein Beispiel bildet, ein Versuch der antisozialen Elemente ist, um andere soziale Kriterien aufzustellen, die ihrem Temperament mehr entsprechen.
[22] Auch dies ist eine charakteristische Bemerkung. Man möchte sagen, daß M… die ganze Gemeinheit der Verleumdung kennt, gerade in dem Augenblick, wo er eine schlimme Intrigue anzettelt.
[23] Diese wohlwollende, fast furchtsame Redensart ist keine Übertreibung. Die Camorra behauptet sich noch heute in den südlichen Gefängnissen, dank dieser Höflichkeit der Gefängnisdirektoren. Diese armen Büreaukraten wissen, daß in einer Epoche politischer Wandlungen das beste, was sie thun können, ist, ihren Vorgesetzten keinen Ärger zu machen.
Wenn sie durch die Energie ihrer Maßregeln üble Laune erregt und sich der Gefahr eines Aufstandes ausgesetzt hätten, so hätten sie den Schaden einer Versetzung gehabt. Wenn sie dagegen ihren Gefangenen gegenüber ruhig blieben, konnten sie ihr Leben unbemerkt verbringen. Es ist übrigens nicht lange her, daß infolge eines Aufstandes in einem Bagno das Ministerium eine Untersuchung angeordnet hatte. Es handelte sich um eine durch das Essen veranlaßte Unzufriedenheit. Wenn es sich um einen Bauernaufstand gehandelt hätte, hätte man die Leute eingesperrt und die einzige Untersuchung, die angestellt worden wäre, wäre die durch die Gerichtsbehörde gewesen, welche ihr Urteil ausgesprochen hätte, ohne daß das Essen besser geworden wäre.
[24] Dies ist ein sehr wichtiges Argument, ein neuer Beweis dafür, was die positive Schule immer behauptet hat, daß das Gefängnis so, wie es in der klassischen Schule hergerichtet ist, die voll Sentimentalität war, nicht bleiben kann. Man halte diese Worte des M… mit den andern zusammen, die Lombroso gesammelt hat (Palimsesti del Carcere): »Ich bin glücklicher als St. Petrus. Hier werden wir von Lakaien bedient. Welches Wohlleben! Hier ist es besser wie auf dem Lande.« – »Triumph! Ich bin wegen Diebstahls verhaftet, an dem ich unschuldig bin. Lebt wohl Freunde. Thut mir um der Barmherzigkeit willen den Gefallen, flieht nicht aus diesem Gefängnis, hier ißt, trinkt und schläft man und braucht nicht zu arbeiten« – und man wird folgenden Ausruf eines Gefangenen nicht ganz ungerechtfertigt finden: »Hier behandelt man uns zu gut und übt zu viel Rücksicht.« Und den Schluß aus diesen Prämissen hat der berühmte Dieb Leblanc sehr gut zu ziehen gewußt, der dem Polizeipräfekten Gisquet sagen mußte: