Professor Lombroso hat in seinen Palimsesti del Carcere einige dieser Schriften gesammelt, die alle sehr verworren sind und oft den Eindruck der Verrücktheit machen. Zum großen Teil stammen sie von Verbrechern, welche pathologisch dem M… ähnlich, d. h. moralisch irre und epileptisch sind.
M… ist kein Schriftsteller, um so wunderbarer ist seine mechanische Art zu erzählen und sein Versuch, den Ereignissen und den begleitenden Umständen eine gewisse objektive Darstellung zu verleihen. Er hat Phantasie im Übermaß, oft entdeckt man in der verschwommenen Form die Tendenz, zu abstrakten Begriffen zu gelangen, aber, wie er sagt, seine Feder vermag dem Faden seines Gedankens nicht zu folgen.
Wenn man ihn genauer definieren will, so ist er ein Graphomane; die regelmäßige, gedrängte Schreibart, die in langen und geraden Linien seine großen Blätter bedeckt, die Vorliebe für gewisse Konstruktionen, die Wiederkehr der Widmungen und die Wiederholung gewisser Phrasen in einer gegebenen Form lassen es vermuten. Aber was mich in dieser Ansicht noch mehr bekräftigt, sind folgende zwei Thatsachen.
- Die vollständige Nutzlosigkeit der Memoiren, die anstatt ihn zu rechtfertigen bezüglich der Verbrechen, wegen deren er bestraft wurde, noch andere nicht minder schwere ans Licht bringen, wie z. B. das schamlose Verhältnis mit dem Korporal Alfonso S… und den Mordversuch auf den Lieutenant.
- Die zweite Thatsache ist etwas verwickelter. Die Thätigkeit des Schriftstellers richtet sich nach gewissen Graden der Kulturhöhe und des sozialen Nutzens. Ein Volk fängt an, Bücher zu besitzen, wenn es zu einem gewissen Grade der Entwicklung gediehen ist, wo diese Form einer präziseren geistigen Manifestation sich ihm als ein Fortschritt darstellt. Die wilden Völkerschaften schreiben keine Bücher, so lange ihr Dach bedroht, ihr Lebensunterhalt dürftig und ihr Leben stets gefahrumgeben ist. Die Abessinier, welche doch das erste Volk Afrikas sind, haben als ganze Litteratur einige Gebetbücher, welche nur von den Priestern verstanden werden. Und die Buschmänner hatten einige Fabeln und Sprichwörter in den Zeiten ihres Glücks, aber nach ihrem Verfall verloren sie auch diese primitive Litteratur. So geht es auch mit den Menschen. Wenn ein Individuum ohne Bildung, ohne höheres Wissen, dessen Existenz stets eine Kette von Elend war, litterarisch thätig ist, so ist das entschieden eine anormale Erscheinung.
Er mag ein Genie sein, aber da die Genies sich leider nicht an jeder Straßenecke finden, so wird er in 999 Fällen unter 1000 ein Narr sein.
Antonino M… konnte kein regelrechter Schriftsteller sein, da er es auch nicht als Mensch war, höchstens konnte der Mangel an moralischem Bewußtsein ihm den Vorzug einer auffälligen innerlichen Aufrichtigkeit geben …
Unter diesem Gesichtspunkt sind seine Memoiren ein wichtiges Dokument für das Studium gewisser »Aufrichtigkeiten« alter und neuer Schriftsteller. Von den Bekenntnissen J. J. Rousseau's bis zu den Memoiren Casanovas, bis zu gewissen Hymnen Paul Verlaine's auf sein péché radieux, um von anderen übel berufenen Zeitgenossen zu schweigen, und bis zu dieser Selbstbiographie herab – das psychologische Phänomen ist immer dasselbe und läßt sich in zwei Formeln zusammenfassen: Mangel an moralischem Bewußtsein und Eitelkeit.
Ich glaube, daß die Intelligenz sehr wenig mit dem moralischen Bewußtsein zu thun hat: Pritchard, Pinel, Nicholson, Maudsley, Tamassia – alle stimmen darin überein, daß sie bei den moralisch Irren den Intellekt vollständig in Ordnung fanden. Höchstens könnte nach Zelle, Mac Ferland, Gray eine gewisse Schwäche oder Unregelmäßigkeit vorliegen oder nach Campagne eine Absonderlichkeit[5], die sich aber, wie Morel bemerkt, in einem besonderen intellektuellen Habitus, in einer Gewandtheit im Sprechen, Schreiben oder einer Kunstfertigkeit mit Vorherrschung der Tendenz zum Paradoxen äußern kann. Und Venturi glaubt, daß, während bei Verbrechern die gewöhnliche Intelligenz mangelhaft ist, die höhere Intelligenz nicht selten vorkommt.
Das Wort Aufrichtigkeit ist eines von denen, deren Bedeutung oft mißbraucht werden: es kann nicht absolut verstanden werden, weil die Aufrichtigkeit meist eine subjektive ist, sie ist, sozusagen dem Lügen entgegengesetzt. Aufrichtigkeit besteht trotz gewisser konventioneller Formen, wie z. B. die Scham, der Anstand &c., welche die Wahrheit verbergen und dennoch nicht Lüge genannt werden können; wie übrigens auch der Wilde und das Kind immer lügenhafter sind, als der zivilisierte Mensch, trotzdem sie durch Scham oder Anstand nicht befangen sind.
Venturi macht gegenwärtig in einer Abhandlung, welche in der von Tonnini in Palermo veröffentlichten Revue erscheint, die Lüge zum Gegenstand des Studiums und faßt sie als ein Phänomen der Degeneration auf, das seinen Ursprung in den Familien hat, aus denen die Lügner hervorgehen. Ebenso möchte ich sagen, weshalb könnte nicht auch die Aufrichtigkeit, wenn sie sich mit unwiderstehlicher Tendenz und ohne Nutzen für das Individuum selbst äußert, eine Thatsache degenerierter Anlage sein, eine jener Äußerungen des Verbrecher-Charakters, der sich oft mit der Eitelkeit vermengt, einer jener Defekte, deren die Verbrecher so voll sind?