Ich will hier keine Psychophysiologie der Aufrichtigkeit schreiben, um so weniger, als es für das, was ich sagen will, mir genügt, eine anerkannte Wahrheit anzuführen: nämlich daß wir mit Vernunft aufrichtig sind, insofern wir unnütze Vorurteile bekämpfen, aber daß das keine normale und gesunde Aufrichtigkeit mehr ist, die nicht die Bedeutung fühlt, welche gewisse Gewohnheiten mit dem Gange der Entwicklung genommen haben. Wer nicht den Druck der Scham empfindet, wenn er seine sexuellen Schändlichkeiten aufdeckt und sich ohne Schaudern einer Blutthat rühmt, der thut nicht mehr und nicht weniger als der Wilde, in dem das Gefühl der Scham noch nicht erweckt ist und der barbarische Krieger, der sich den Skalp der getöteten Feinde als Trophäe an den Gürtel hängt.
Diese Dinge mit liebevoller Genauigkeit zu erzählen und mit Wohlgefallen zu anatomisieren, das ist etwas, was der normale Mensch vergebens versuchen wird. Jeder wird in seinem Leben seinen abnormalen Impuls gehabt haben, aber er wird sich bemühen, ihn zu vergessen; und nicht einmal einer besonderen Anstrengung wird es dazu bedürfen, denn bei den nicht degenerierten Menschen unterdrückt die Vernunft, der kritische Sinn gewissermaßen automatisch die Abnormalität des Aktes.
Den moralisch Irren fehlt dieser kritische Sinn, die Intelligenz gehorcht den Impulsen und hemmt sie nicht, sie dient ihnen gern und sucht sie zu rechtfertigen. Sie töten – und sie werden beweisen, daß das Leben eines Menschen das eines andern wert ist. Sie verführen ein unerfahrenes Mädchen und verlassen es – und sie werden das Recht der freien Liebe predigen. Sie sind Päderasten – und sie werden sagen, es ist erlaubt, weil es möglich ist.
Im Leben stellt sich das deutlicher dar, als geschrieben. Denn beim Schreiben schärft sich die Intelligenz, ein Schimmer von Verständnis für das, was schändlich und unehrenhaft ist, bricht sich Bahn, es giebt keinen Menschen, er sei denn Idiot, der so niedrig ist, daß er nicht ein Streben nach etwas besserem oder weniger Unvollkommenem fühlt. Aber ein anderes ist die Moralität, ein anderes die Erkenntnis des Moralischen.
Zuweilen giebt sich wohl ein solch kleiner Fonds von kritischem Sinn zu erkennen, und daraus resultieren dann die lyrischen Stellen, die anscheinenden Gewissensbisse. Aber die Erzählung geht weiter, ohne Rückhalt, und der Verfasser zeigt sich in der Aufdeckung der Thatsache, so wie er wirklich ist, mit einer Selbstgefälligkeit, wie sie nur ein Exhibitionist haben kann, der seine Geschlechtsorgane zeigt.
Die Eitelkeit ist das erste Agens; ihre autobiographischen Erzählungen entspringen der Vermutung, daß sie hervorragend interessante Individuen sind, und daß ihre Erlebnisse große Bedeutung haben. Und da sie einen großen Teil ihres Seelenlebens ausmachten, so empfinden sie das Bedürfnis, sie sich wieder vor ihr geistiges Auge zu führen.
Es ist dasselbe Bedürfnis, welches viele ungebildete Menschen empfinden, sich den Namen ihrer Geliebten oder ihre Verbrechen in die Haut zu tätowieren. Es wird genügen, das schöne Beispiel eines Verbrechers zu zitieren, den Prof. Santangelo[6] beschreibt und der 106 Tätowierungen auf dem Leib trug, aus denen man seinen ganzen Lebenslauf rekonstruieren konnte.
M… ist ein vollendeter Typus des moralisch irren und epileptischen Schriftstellers; der Mangel an kritischem Sinn und Gerechtigkeit tritt klar hervor, und die Eitelkeit zeigt sich auf jeder Seite des Buches. Wenn er studiert hätte, würde er als Schriftsteller manchem Zeitgenossen ebenbürtig zur Seite treten. Die Kenntnis der Moral würde tiefer gewesen sein und festeren Halt gewonnen haben. Statt dessen mußte er nun notwendiger Weise auf dieser Stufe litterarischer Entwickelung stehen bleiben, wo der Intellekt die Dinge in der Gestalt sieht, wie sie den andern erscheinen; die unbewußte Nachahmung hat noch nicht der unmittelbaren selbständigen Anschauung Platz gemacht, welche die Originalität ausmacht.
So ist für ihn der große Meister des Stils Francesco Mastriani, jener populäre Zola, der den Naturalismus zur Trivialität und die Romantik zur weichlichen Sentimentalität herabgezogen hat.
Und diese Empfänglichkeit, diese unbewußte Zugänglichkeit für fremde Einflüsse zeigt sich besonders in seinen Dichtungen. Neue Wörter, die er liest, bleiben ihm haften, wenn er ihnen auch nur schwer einen ihm verständlichen Sinn beizulegen vermag, den er durch eine volksetymologische Deutung zu ermitteln und durch entsprechende orthographische Abänderungen festzuhalten sucht.