[69] Dieser Brief des Antonino M… bildet ein merkwürdiges und wichtiges psychologisches Dokument. Zwar giebt ihm der Bruder eine ziemlich einfache Deutung, daß er nämlich dazu dienen soll, sein Mitleid zu wecken, um die weitere Sendung der fünfzehn Lire monatlich zu erreichen, aber es ist unleugbar, daß im Stil eine gewisse Überzeugung sich bemerkbar macht. M… hat immer einen Hang zur Religiosität, zum Mystizismus gezeigt, das beweisen seine spekulativen Versuche, und auch sein zur Ascetik neigender Fatalismus. Die vollständige Einsamkeit und etwaige religiöse Lektüre müssen auf seinen – was Form und Abstraktion anbelangt – leicht suggestionierten Geist ein, man kann wohl sagen, psychologisches Wunder bewirkt haben. Die Tendenz seines leidenschaftlichen Gigantismus, die Venturi in seinem Gutachten so vorzüglich hervorgehoben hat, und welche Übergänge und halbe Maßregeln nicht zuläßt, und in Antithesen lebt, scheint ihn auch hier zum Exzeß geführt zu haben.

Vielleicht war der mächtigste Faktor die Unmöglichkeit, sich zu bewegen. Wenn der Teufel alt wird, so wird er Eremit, sagt das Sprichwort, und es ist bekannt, daß die Dirnen, wenn sie altern, unter die Betschwestern gehen: dasselbe scheint mit M… der Fall zu sein. Und da er ein Epileptiker ist, so ist dabei nichts zu lachen, es würde vielmehr eine besondere psychische Bildung vorliegen, wie bei dem Koch Berardi, der, nachdem er gemordet hat, mit Skapularen behängt, im Namen der Religion den König schmäht.

Bei der Psychologie der Heiligen, mit der Professor Lombroso sich beschäftigt, wird er sich sicher mit diesem seltsamen Zusammenhang auseinandersetzen müssen. Es genügt, an den Epileptiker Sankt Paulus und so viele andere Menschen zu erinnern, die in der Blüte ihrer Jahre einen verworfenen Lebenswandel führten, und im Alter heilig gesprochen wurden, um zu begreifen, daß das Phänomen nicht ungewöhnlich ist und in anderer Form auf dem Gebiet der Pathologie der Seele wiederkehrt.

[70] Er meint die Sündflut, welche den Mord Abels durch Kain rächte.