Wir liebten uns die Tage, die sie in Coccorino blieb, und ihre Mutter war mit unserer Liebe zufrieden. Und wollt ihr es glauben? Niemand dachte daran, daß ich vom Gesetz verfolgt wurde, der Gefahr ausgesetzt, eine Verurteilung zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit zu erhalten, niemand dachte daran, nicht einmal ich.

Nach einigen Tagen reisten meine Tante und ihre Tochter wieder ab, ich will nicht von der bitteren Trennung sprechen; wir reichten uns die Hände; Vincenzina und ich küßten uns und unsere Wangen bedeckten sich mit heißen Thränen. Wir setzten unsere Liebe im Briefwechsel fort. Heiß und zärtlich waren die Briefe Vincenzinas, und heißer und verliebter waren die meinen, die ich ihr täglich zukommen ließ. Es entstand eine mächtige Eifersucht zwischen mir und meinem Vetter Antonino, dem ersten Liebhaber Vincenzinas, den sie plötzlich verließ, indem sie mich an die Stelle ihres ersten Liebhabers treten ließ. Wenn nicht die Verhältnisse gewesen wären, wer weiß, was zwischen den leidenschaftlichen Liebhabern vorgekommen wäre.

Ich begab mich Nachts einige Male nach Parghelia in das Haus Vincenzinas, dort in einem Winkel der Kammer neben einander sitzend, schworen wir uns ewige Liebe, ewige Treue.

Eines Tages gelangte ein Freibrief auf acht Tage an mich, den mir Herr Bruno Chimirri, mein Anwalt in Catanzaro schickte. Von einigen meiner Vettern begleitet, begab ich mich nach meinem Hause in Parghelia.

Ich vergaß mitzuteilen, daß während meiner Verborgenheit meine beiden Schwestern sich mit zwei Spilingoten verheirateten, Antonio M… und Giuseppe M…, beides Vettern. Die beiden Ehen wurden geschlossen, ohne daß ich etwas davon wußte. Mein Onkel, der Priester Girolami M…, Bruder meines verstorbenen Vaters, ein sehr gelehrter und wissenschaftlicher Mann, aber unkundig der Ränke dieser Welt und einfältig wie ein Kind, möchte ich sagen, willigte in die Ehe ein; man lockte ihn dadurch, daß man ihm zu verstehen gab, jene gewaltthätigen Männer seien Mordkerle und von allen gefürchtet, und daß dadurch, daß er mit ihnen verwandt würde, er und die Familie geachtet und gefürchtet sein würde. Armer blinder Herr!!…

Doch zu mir zurück und man verzeihe die Abschweifung.

Zu Hause fand ich Domenico M…, den Vater des eben erwähnten Antonio, der trotzdem die Mütze eines Kapitäns der Nationalgarde trug. An jenem Tage aßen und tranken wir vergnügt, aber am Abend gingen meine Vettern von Coccorino weg. Am folgenden Tage nach dem ersten Aufenthalt in meinem Hause begab ich mich zu meiner Geliebten Vincenzina, und an jenem Tage blieb ich bei ihnen zum Essen. Eine Tante von mir, eine Nonne, dumm und boshaft wie Proserpina, brachte uns ein fettes Huhn, um mein letztes Mahl mit Vincenzina zu feiern.

Jener Tag ist ein Tag der Freude und der Liebe für mich gewesen; die hübsche, rosige Hand meiner Geliebten reichte mir einen Flügel des Huhnes dar, dann einen Becher voll schäumenden Weins, indem sie mit der größten Anmut von der Welt sagte:

»Trink, Antonino, trink auf mein Wohl.« Und ich trank begeistert, berückt, indem ich ihr in die schwarzen leuchtenden Augen schaute.

Nachdem das Liebesmahl beendet, trat Vincenzina, ihre Mutter und ich zu einer geheimen Ratssitzung zusammen und begannen zu erwägen, wie Vincenzina und ich uns durch unlösbare Banden knüpfen sollten. Nach verschiedenen Meinungsäußerungen wurde beschlossen, den Pfarrer zu rufen und uns in Gegenwart zweier Zeugen heimlich zu verbinden. So geschah es. Nachdem der ehrwürdige Erzpriester Don Girolamo Toccane gerufen war, ein alter und hinfälliger Mann, und zwei Zeugen, wurde er veranlaßt, sich zu setzen. Kaum saß er, so pflanzte ich mich vor ihm auf und sagte mit fester, deutlicher und lauter Stimme zu ihm: