Neues Unheil hatte diese Verbindung im Gefolge.
Das knappe ererbte Vermögen konnte nicht ausreichen, außerdem hatte er keinen Hang zur Arbeit, war liederlich, rauchte, trank und gefiel sich darin, sich vor den andern beim Kaufen hervorzuthun. Sein Bruder stand ihm immer als derjenige vor Augen, der den größeren Teil des väterlichen Vermögens geerbt hatte, daher sein Haß, sein unbändiger Neid, seine Rachgier gegen ihn. Er erzählt selbst einen weiteren Grund und dieser bestand darin, daß seine beiden Tanten zu Gunsten des Sohnes des Michele testiert und so Antonino des zu erwartenden Erbteiles beraubt hatten.
So waren genug psychologische und thatsächliche Motive vorhanden, um zu begreifen, in welcher Gemütsverfassung Antonino gegen seinen Bruder war, und früher oder später mußte der angesammelte Haß zum Ausbruch kommen. Es war eine Lawine, die sich losgelöst hatte, und immer wachsend, dem Abgrund zurollte, die Hindernisse, die sich ihr in den Weg stellten, zerstörend. Antonino, der sich mehr und mehr in seinen Zorn verbiß, machte kein Hehl aus seinem Haß, er sprach öffentlich davon und von seinen Rachegedanken, und schürte dadurch noch mehr den Brand in seinem Innern; vielleicht dienten auch die Ermahnungen der Vorsichtigen und die Vorhaltungen der Ruhigen dazu, seine Lust am Schrecklichen und seine Neigung zur Rache noch zu verstärken.
Sein argwöhnisches Temperament war eine natürliche Folge seiner Eitelkeit. Der übermäßigen Anmaßung entsprach immer der Argwohn, daß ihm von seiten der andern nicht mit der nötigen Achtung begegnet werde und daher die fortwährende Tendenz, sich verfolgt zu glauben. Daher auch die übertriebene falsche Auslegung der Worte, der Absichten, der Thaten anderer, besonders der Personen, denen er stärkere Aufmerksamkeit schenkte und von denen er für seinen Haß und seine Drohungen Kränkungen, Beleidigungen, Verachtung und Unbill zu empfangen glaubte. Zuerst mußte die Schwägerin den Ausbruch des Sturmes spüren. Eines Tages begab er sich in das Haus seines Bruders, und man weiß nicht aus welchem Grunde, genug, er bedrohte sie mit einem Revolver, der Bruder kam dazu, und es gelang ihm das Blutvergießen zu verhindern, aber Antonino brachte ihm eine Bißwunde in die Hand bei, mit welcher er ihm den Revolver entriß. Es erfolgte die Klage und trotz der heuchlerischen Verteidigung, der demütigen Erklärungen und der wortreichen Beredsamkeit wurde Antonino zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Es würde dieses Vorkommnisses nicht bedurft haben, um Antonino zu allen Frevelthaten gegen seinen Bruder fähig zu machen, aber es diente ihm in der Öffentlichkeit als Rechtfertigung für seine schon offen ausgesprochenen Blut- und Rachegedanken.
Von diesem Augenblick ab war das Leben des armen Michele eine fortwährende Angst und Aufregung; er traute sich nicht die Nase aus dem Fenster zu stecken oder die Füße vor die Thür zu setzen, ohne die Überzeugung zu haben, daß er von seinem Bruder getötet würde, der ihm coram publico unaufhörlich nachstellte und den Augenblick nicht erwarten konnte, wo er seinem Bruder den Rest geben würde.
Antonino erklärte öffentlich: Was mache ich mir aus dem Gefängnis!? Ein halber Tag oder zwanzig Jahre sind mir einerlei; ich werde Mann und Frau umbringen und dann bin ich zufrieden.
Er wußte, daß die Freunde seines Bruders ihn durch einen Pfiff herauszurufen pflegten, und so versuchte er eines Abends, ihn auf dieselbe Weise an das Fenster zu locken. Aber der Bruder merkte, woher der Pfiff kam, und antwortete nicht. Ein anderes Mal lauerte er ihm auf und trat endlich mit einer Flinte bewaffnet in das Haus seines Bruders.
Öfter sah man ihn mit der Flinte am Fenster der Küche stehen und warten, daß der Bruder sich am Fenster seiner gegenüber liegenden Küche zeige. So fest stand bei ihm der Plan, daß er Frau und Kinder fortschickte und allein blieb, um sich ganz der Überwachung seines Bruders und der Ausführung des Mordes zu widmen. Und so trat denn endlich am 29. September 1889 das ein, was notwendig eintreten mußte.
Es war ein Sonntag, und Antonino M… pflegte alle Sonntag seine Familie, die er leidenschaftlich liebte, in Tropea zu besuchen. Diesen Sonntag blieb er in Parghelia; er wollte ein Ende machen. Er nahm eine Doppelflinte, lud sie mit Schrot und mit einer Kugel und stellte sich auf die Lauer. Aber der Bruder kam nicht, er war drüben in der Küche mit seiner Frau und einer Tante und zerkleinerte Holz. Antonino lief hinzu, um in die Küche zu eilen, aber das Fenster war sehr hoch. Er nahm eine Leiter, stellte sie ans Fenster, stieg hinauf, sah den Bruder bei der Arbeit, nahm die Flinte und schoß zweimal auf seinen Bruder, den er am Kopfe verwundete.
Kaum war das Verbrechen verübt, so lud er von neuem und entfloh. Um freien Durchgang zu haben, rief er: »Platz da, Platz da!« Niemand hielt ihn an, denn alle kannten seinen blutdürstigen Charakter sowie seine Geneigtheit zu Gewaltthätigkeiten, und wer ihn sah, floh entsetzt beiseite.