Einen Monat wohnte ich in der Zelle, jeden Morgen kam der Arzt oder der Wundarzt, um mich wie gewöhnlich zu untersuchen, wobei er mir von Zeit zu Zeit ein Fläschchen Medizin verschrieb. Der Reporter der beiden camorristischen Parteien erschien regelmäßig, ich aber war klug und sagte, daß ich nichts brauchte. Als der Monat der Einzelhaft um war, wurde ich in das Krankenhaus gebracht, um meinen schlechten Gesundheitszustand zu bessern.

Hier suchte mich D. Gennarino mit seinen Genossen auf, erzählte mir Wunder was für Schlechtigkeiten von Borghese und meinen Landsleuten und versuchte mir einzureden, daß ich zu ihnen gehören müsse.

Ich gab ihnen zu verstehen, daß es meine feste Absicht sei, neutral zu bleiben, und daß ich es nicht für anständig und eines ehrenhaften Mannes für würdig halte, gegen meine Landsleute zu konspirieren, und daß es auch für ein Mitglied der ehrenhaften Sekte der Camorra sich nicht schicke, gegen die Anhänger seiner Gesellschaft aufzutreten, daß ich sie alle gleichmäßig liebte und achtete als meine Genossen und Leidensgefährten, und erinnerte an einen Artikel unseres Statuts, welcher besagt:

»Wenn sich ein Zwiespalt der Parteien in der Camorra und unter den Camorristen zeigt, so kann jeder Genosse sich neutral zeigen, ohne irgend ein Gesetz zu verletzen. Artikel 151.

Gezeichnet: Cirillo Capucci, Ettore Longo, G. Buongiovanni.«

»Gestempelt.«[33]

»Sie haben Recht, lieber Freund«, sagte mir das Gesellschaftshaupt, »aber Sie dürfen auch für Ihre Landsleute nicht Partei nehmen.«

»Nein, ich bin neutral und der Freund und Bundesgenosse aller.«

»Ihre Hand!«

»Hier ist sie!«

Wir schüttelten uns die Hände und sahen uns in die Augen. Abends kam Borghese, der berühmte Camorrist, aus Reggio di Calabria; nachdem er wegen eines in Procida verübten Verbrechens fünfzehn Jahre im dortigen Bagno gewesen war, war er zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt; er war der Meister der Schneiderstube und hatte eine kleine Einnahme von monatlich zwanzig Lire, ohne irgend etwas zu thun, und erfreute sich nicht geringer Achtung und Rücksicht von Seiten seiner Vorgesetzten.[34]

»Landsmann und Genosse«, sagte er, nachdem er mich umarmt hatte, »ich freue mich, Sie zu sehen, ein neuer Genosse wird unserer Gesellschaft eingereiht werden; verlangen Sie aber auch, wenn Sie etwas brauchen. Es schmerzt mich, Sie leiden zu sehen, aber bald hoffe ich, werden Sie so gesund und blühend sein, wie Sie jetzt krank sind. Ich habe mit dem Herrn Direktor gesprochen, Sie werden ebenfalls zu mir in die Schneiderstube kommen. Die elenden Kanaillen, die Neapolitaner, werden wir über die Klinge springen lassen!!!«