Als noch zwei Monate fehlen, rief der Direktor mich und sagte:

»599, Sie müssen noch zwei Monate verbüßen; wenn Sie wollen, lassen Sie sich den Bart und die Haare wachsen.« Als der Tag der Freiheit sich näherte, konnte ich Nachts nicht mehr schlafen und baute Luftschlösser. Meine Gefährten thaten sich zusammen, um ein prunkvolles Mahl zu veranstalten und so meine Freiheit zu feiern.

Der Direktor wurde um seine Erlaubnis gebeten, daß wir uns alle in einem großen Zimmer zusammen finden durften, um den letzten Tag meiner Gefangenschaft zu feiern, als Beweis unserer Treue, Liebe und Achtung. Am Vorabend vor meiner Befreiung waren wir einundzwanzig vereint, und aßen und tranken heiter, die Trinksprüche galten alle mir, die einen wünschen mir Glück, die andern langes Leben, und alle diese Wünsche kamen aus aufrichtigen aber unglücklichen Herzen; wir hatten Kuchen, Süßigkeiten, Liqueure, Caffee und auch die so sehr verbotenen Cigarren. Am Abend umarmten und küßten wir uns, Thränen feuchteten mir die Wangen, während einer sagte:

»599, denken Sie an mich im Reich der Lebenden.«

Ein anderer:

»Werden Sie mir schreiben, um mich zu trösten?«

Ein dritter umarmte mich und flüsterte mir ins Ohr:

»Werden wir uns wiedersehen, Genosse?«

Am Morgen wurde ich von den Gefangenen unbeobachtet nach dem Bureau des Rechnungsführers gebracht, man gab mir mein Geld und einen Brief an den Delegierten in Neapel. Ich vergaß zu erwähnen, daß ein Landsmann, der Spediteur Cosmo C… in Neapel, mir einen Anzug besorgt hatte, den ich nunmehr statt der Gefängnistracht anlegte.

Der Direktor kam, fragte mich, ob ich etwas vorzubringen hatte, und hielt mir dann eine schöne Predigt, wie ich mich in Zukunft betragen solle.