Wenn man in den bayrischen Bergen wohnt, bekommt man vielleicht einen Adler (siehe [bunte Tafel VI]) zu sehen. Aber im allgemeinen sieht man hauptsächlich Falken und Eulen.

Ihr werdet sicher schon auf einem Spaziergange durch die Felder einen Vogel mit langen spitzen Flügeln und fächerförmigem Schwanz in der Luft haben schweben sehen. Es ist der Turmfalke. Seine Flügel schlagen die Luft so schnell, daß man kaum sehen kann, wie sie sich bewegen, und doch steht er ganz still auf derselben Stelle, was man Rütteln nennt. Seine hellen Augen sehen scharf auf die Erde herunter. Jetzt steigt er ein wenig höher und schwebt eine kurze Strecke weiter. Nun steht er wieder still auf einer Stelle, und plötzlich schießt er herab. Er hat eine Maus im Grase gesehen, und wenn er sich wieder erhebt, hat er sie in den Klauen.

Landleute schießen wohl manchmal Turmfalken, weil sie meinen, daß sie junge Rebhühner und Hühner stehlen. Doch tun sie dies nur in der höchsten Not, wenn sie nichts anderes finden, denn ihre gewöhnliche Nahrung besteht in Mäusen, Fröschen, sowie in Heuschrecken und anderen Insekten. Sie stiften also mehr Nutzen als Schaden.

Wenn du keine Gelegenheit hast, dir irgend einen Raubvogel lebendig oder tot anzusehen, so magst du auf den [bunten Tafeln VI] und [VII] betrachten, wie sich Raubvögel von anderen Vögeln unterscheiden. Sieh die langen Zehen und die scharfen Krallen des Adlers oder des Turmfalken an. Sie durchdringen die Haut eines jeden Tieres, das sie ergreifen. Der gekrümmte Schnabel ist sehr stark und hat scharfe Kanten, so daß er wie eine Schere schneidet. Der Oberschnabel ist spitz und ragt wie ein Haken über den unteren hinweg. Einige starke Hiebe mit dem grausamen Schnabel töten schnell die kleine Maus oder die größeren Tiere, die ganz verschlungen oder in Stücke gerissen werden. Nach einiger Zeit werden die haarige Haut und die Knochen in Ballen („Gewölle“ nennt man sie) ausgeworfen. Die Füße und Beine eines Raubvogels sind mit Schuppen bedeckt, so daß er in einem Kampfe durch Schnabelhiebe oder Bisse nicht leicht verletzt werden kann.

Goldadler.

IV. 6.

Die Flügel des Turmfalken sind stark und spitz; er kann schnell fliegen oder sich in der Schwebe halten, wie es ihm gefällt. Er ist ungefähr so groß wie eine wilde Taube. Rücken und Flügel sind hellbraun, und der Schwanz ist grau mit einem schwarzen Querbande und weiß an der Spitze. Die langen Schwungfedern der Flügel sind schwarz, die Brust gelblich mit braunen, länglichen Flecken.

Ein anderer gemeiner Falke ist der Sperber, welcher dunkelgraue Flügel hat und eine gelblichweiße Brust mit braunen Querstreifen. Er rüttelt nicht, sondern streicht an den Hecken entlang auf der Suche nach Vögeln und Mäusen. Er richtet sehr großen Schaden an, da er ein großer Räuber unter den Singvögeln und dem Nutzgeflügel ist. Aber er ist auch nützlich, indem er Mäuse und Insekten vernichtet und verhindert, daß die kleinen Vögel, die Korn fressen, zu zahlreich werden. Das Weibchen dieses Raubvogels ist größer als das Männchen.

Die Eulen haben ebenso wie die Falken krumme Schnäbel und lange scharfe Krallen. Aber ihr Schnabel ist nicht so kräftig, und ihre Füße sind auch zum Klettern geeignet. Von ihren vier Zehen stehen drei nach vorn und eine nach hinten wie bei den meisten Vögeln, aber sie können die äußere Vorderzehe so drehen, daß dann zwei nach vorn und zwei nach hinten stehen wie beim Spechte.