Im März und April werdet ihr an den Zweigen runde, weiche, walzenförmige Gebilde sehen, so groß wie Fingerhüte, die bald auf der einen, bald auf der anderen Seite des Zweiges wachsen. In diese stecken die Bienen ihre Köpfe hinein. Ihr erinnert euch an die Kätzchen, die wir im ersten Buch auf den Nußbäumen sahen. Diese weichen Gebilde, die sich dicht an die Weide schmiegen, sind auch Kätzchen. Bei Weiden stehen sie nach oben, anstatt wie bei dem Nußbaum nach unten zu hängen, und bei der Salweide umfassen sie den Zweig.

Aber nun möchte ich, daß ihr noch weiter aufpaßt. Der Baum, unter dem ihr gerade sitzt, hat hoffentlich breite gelbe Kätzchen (vergl. [bunte Tafel II]), und wenn ihr einen Zweig abpflückt und ihn genau anseht, werdet ihr sehen, wie die gelben Staubbeutel rund um die Kätzchen herumstehen. Aber ihr findet vielleicht ganz in der Nähe einen anderen Baum derselben Art, auf dem die Kätzchen weich und grau sind (vergl. [bunte Tafel II], 1). Sie sind viel länger und schmäler als die gelben Kätzchen.

Blüten der Salweide.

1. Blüte mit Fruchtknoten. 2. Blüte mit Staubgefäßen. L. Blattschuppe. H. Honigdrüse. O. Fruchtknoten. S. Staubgefäß.

Pflücke einen Zweig von jedem dieser Bäume und nimm ihn mit zur Schule. Wenn ihr die Kätzchen zerpflückt, so werdet ihr finden, daß jedes derselben aus winzigen Blüten besteht. Bei den gelben Kätzchen besteht jede Blüte nur aus einem kleinen schuppigen Blatte (L, 2) mit zwei Staubgefäßen. Nein! Ich habe etwas vergessen. Es ist noch etwas anderes dabei, denn unten an dem schuppigen Blatt sitzt ein kleiner Becher (H), der einen Tropfen Honig enthält. So sind, wie ihr seht, sehr viele Tropfen Honig in einem Kätzchen.

Wenn ihr nun die grauen Kätzchen zerpflückt, so werdet ihr denselben Honigbecher (H) unten an der Blütenschuppe finden, aber anstatt der Staubgefäße bemerkt ihr einen kleinen Fruchtknoten (O) in der Form einer Flasche mit einer verschrumpften Narbe.

Nun könnt ihr auch sehen, wozu der Honig dient. Da die Staubgefäße und Fruchtknoten auf verschiedenen Bäumen sitzen, so müssen die Blüten die Bienen in die Versuchung bringen, den Blütenstaub fortzutragen. Es ist klug, Weiden dahin zu pflanzen, wo in der Nachbarschaft Bienen gehalten werden; denn diese holen im Frühling eine Menge Honig aus ihnen heraus. Die Korbweide, die in Sümpfen wächst, und deren Zweige zu Körben verarbeitet werden, blüht zu derselben Zeit wie die Salweide. Aber die gemeine Silber-, auch Kopfweide genannt, die oft ein großer Baum wird, und die Bruch- oder Knackweide, deren Zweige beim Versuche, sie zu biegen, so leicht brechen, blühen später, erst nachdem die Blätter hervorgewachsen sind. Alle blühen aber immerhin noch frühzeitig, und wenn die winzigen, mit weißem Flaum bedeckten Samen aus den Kätzchen herausgeweht sind, benutzen manche Vögel sie beim Nestbau.

Ein anderer Baum, der blüht, ehe die Blätter kommen, ist die deutsche Pappel, die fast überall wächst. Pappeln haben zwei Arten von Blüten auf verschiedenen Bäumen wie die Weiden. Aber sie haben keinen Honig, und so kommen keine Bienen in ihre Nähe. Ich denke, daß ihr bald erraten werdet, wie die Übertragung des Blütenstaubes geschieht, wenn ihr Pappeln in eurer Nähe habt und sie beobachtet. Die stürmischen Aprilwinde schwingen die lang herabhängenden Kätzchen hin und her und der trockene Blütenstaub wird durch die Luft von Baum zu Baum geweht.