Lektion 9.
Wie die Pflanzen sich schützen.
Im Mai sind an den Hecken eine Menge von Blumen zu finden. Ich habe keinen Platz, sie euch alle zu beschreiben. Ihr solltet auf eurem Schulwege von jeder Sorte eine pflücken und euren Lehrer darnach fragen. Auf Abhängen und im Walde versteckt, findet man die wilden Hyazinthen, die rote Kuckuckslichtnelke und die lieblichen Sternmieren mit Blüten wie reine weiße Sterne und mit schmalen spitzen Blättern, die im Volksmunde auch Hühnerdarm oder Vogelmiere heißen.
Die Wiesen sind nun ganz gelb vom Hahnenfuß, die Gräben blau vom Vergißmeinnicht, und den kleinen, blauen Ehrenpreis kann man überall finden. Er hat einen dünnen, schwachen Stengel, und seine zwei Staubgefäße stehen wie Hörner aus den vier blauen Blumenkronblättern hervor. Binnen kurzem wird die hohe Wiesenspierstaude mit ihren zierlichen weißen Blütentrauben am Ufer der Flüsse und an feuchten Stellen blühen, und der hübsche, kleine Horn- oder Schotenklee wird Hecken und Felder schmücken.
Ihr werdet diese kleine Blume wahrscheinlich sehr gut kennen! Sie erhebt sich nur wenig über die Erde und sieht aus wie eine sehr kleine gelbe Erbsenblüte. Ungefähr vier oder fünf kleine Blüten wachsen auf jedem Stengel und die Knospen haben hellrote Streifen. Wenn die Schoten reif sind, stehen sie nach außen wie die Zehen eines Vogelfußes.
Diese Blumen und viele andere kann man auf den Feldern und in den Hecken finden, und ihr wißt nun, wie man ihre Fruchtknoten und Staubbeutel finden kann, und ihr werdet gewiß auf die Bienen und anderen Insekten achten, die kommen, um Honig und Blütenstaub zu holen.
Wenn ihr eure Augen offen haltet, so werdet ihr bald sehen, daß auch andere Geschöpfe zu den Pflanzen und Blumen kommen, die ihnen nicht so nützlich sind wie die Bienen. Da ist die Kuh, welche sehr viel von ihren Blättern beim Grasen frißt. Da ist der Esel, der mit Vorliebe Disteln sucht. Da ist das Kaninchen, das am Abend aus seinem Bau herauskommt, um an den zarten, jungen Schößlingen zu knabbern, und da sind die kleinen Feldmäuse, die die Erde wegkratzen und von dem dicken Stamm und den Wurzeln unter der Erde fressen.
Nun will ich euch von einigen Pflanzen erzählen, die sich selbst schützen, und vielleicht könnt ihr noch einige andere dieser Art ausfindig machen. Da haben wir zuerst die Anemone und die Wiesenbutterblume. Beide haben bittere Blätter, welche auf der Zunge brennen, wenn man in sie hineinbeißt. Wenn man über ein Feld geht, auf dem viele Butterblumen stehen, so wird man finden, daß die Kühe und Schafe sie möglichst unberührt stehen lassen. Wenn sie die Blätter fressen, so werden sie doch die Blüten vermeiden, die am bittersten sind. So hindern diese Pflanzen die Kühe, sie zu vernichten. Auch die Blätter des wilden Storchschnabels haben einen unangenehmen Geruch und Geschmack.
Dann haben die Farnkräuter sehr viel bitteren Gerbstoff in sich. Ihr werdet finden, daß, wenn Kühe oder Schafe an einer Stelle weiden, wo diese Pflanzen wachsen, sie dieselben nicht berührt haben. So schützen sich die Farnkräuter.
Auch der Sauerklee schmeckt sehr scharf, und der Ehrenpreis verursacht ein trockenes Gefühl im Munde, wenn man die Blätter ißt. Der Aronsstab hat so giftige Beeren, Blätter und unterirdische Knollen, daß kein Tier von den über der Erde liegenden Teilen fressen und keine vorsichtige Feldmaus unter der Erde daran nagen wird.
Dann gibt es Pflanzen, die Dornen an ihrem Stamme haben. Kühe und Pferde fressen nicht gern Stechginster, denn er verletzt ihr empfindliches Maul. Dies sind nur einige wenige Beispiele. Ich kann euch nicht mehr anführen, weil ich euch noch etwas weit Merkwürdigeres erzählen will.