Lektion 9.
Das Hummelnest.

(Siebentes Vollbild.)

Vorigen März, als die Tage anfingen warm zu werden, sahen wir eine große Hummel über das Feld dahinsummen.

„Paß auf, Peter“, sagte Grete, „das ist eine Hummel, die den ganzen Winter geschlafen hat. Sie wird ein Nest bauen wollen.“ So folgte Peter ihr. Sie flog zu einem Abhang und kroch zwischen einigen Grasbüscheln in die Erde. Peter pflanzte einen Stock als Merkzeichen an der Stelle auf, und wir gingen alle Tage hin, um sie zu beobachten.

Meistens fanden wir sie beschäftigt, kleine Moosstückchen in das Loch zu schleppen. Aber wir sahen nicht hinein, aus Furcht sie zu stören. Nach vierzehn Tagen erlaubte uns Paul, das Nest zu untersuchen, und, im Grase verborgen, fanden wir einen kleinen Moosballen, der mit Wachs ausgepolstert war. Er sah aus, wie eine kleine umgedrehte Untertasse. Wir hoben ihn auf und fanden darunter einige flache Taschen, einige von der Größe eines Markstückes, andere nicht größer als ein Zweipfennigstück. Sie bestanden aus braunem klebrigen Wachs, und als wir eine öffneten, fanden wir im Innern sieben zierliche Eier, so klein wie Mohnsamen, und einige kleine braune Kugeln. Diese bestanden, wie Paul sagte, aus Blütenstaub mit etwas Honig gemengt und werden „Bienenbrot“ genannt. In einer anderen Tasche fanden wir Larven, die schon ausgekrochen waren. Diese fraßen von den braunen Kügelchen.

Ein Hummelnest.

Das Hummelweibchen war sehr unruhig, während wir ihr Nest betrachteten. Sie saß ganz in der Nähe. Wir konnten sehen, wie groß und kräftig sie war. Es war ein schönes Tier. Der braune Körper war mit weichen gelben Haaren bedeckt, und dazwischen lagen Streifen von schwarzen Haaren. Ihre breiten Flügel glänzten hell in der Sonne. Sie stach uns nicht. Paul sagt, daß Hummeln sehr gutartig seien. Aber sie war in Angst, daß wir die Larven beschädigen würden, die zu Arbeiterinnen heranwachsen sollten. Wir legten die Decke wieder auf und warteten zwei Monate bis zum Juni. Wir fürchteten, daß bei der Heuernte die Pferde auf das Nest treten könnten. Dann statteten wir ihm wieder einen Besuch ab.

Oh! wie groß war es jetzt! Ein großes rundes Moosdach war mit Wachs ausgefüttert und so fest, daß wir es mit einem Messer zerschneiden mußten. Der einzige Weg, auf dem die Hummeln in ihr Nest gelangen konnten, führte durch einen langen Tunnel unter der Erde. Unter dem Dach lag eine Anzahl von schmutziggelben seidigen Kokons. In diesen saßen die Larven, die zu Hummeln heranwachsen. Die Kokons waren mit Wachs zusammengeklebt. Einige waren offen, denn die jungen Hummeln waren schon ausgekrochen. In diesen war Honig.

Viele Hummeln schwärmten ein und aus. Alle diese waren aus den Eiern ausgekrochen, die das Hummelweibchen in zwei Monaten gelegt hatte. Sie waren sehr geschäftig, um Honig und „Bienenbrot“ für die Larven herbeizutragen. Aber sie speichern, wie Paul sagt, keinen Honig auf wie unsere Bienen. Denn wenn kaltes, feuchtes Wetter einsetzt, sterben sie alle, mit Ausnahme einiger Hummelweibchen. Diese kriechen in Erdlöcher oder in warme Heuhaufen und schlafen, bis der Frühling wiederkehrt.