c. 25, 1. Das Epos, Probleme und Lösungen.
[1]. Über die Probleme[77] (kritische Bedenken) und deren Lösungen (Widerlegungen), auf wie vielen und wie beschaffenen Gesichtspunkten sie beruhen, wird man sich durch folgende Betrachtung ein klares Bild machen können. Da nämlich der Dichter ebenso wie der Maler oder irgend ein anderer bildschaffender Künstler ein nachahmender Darsteller ist, so muß er notwendigerweise stets eine bestimmte von drei möglichen Arten nachahmend darstellen, nämlich entweder (1) wie die Dinge waren oder sind oder (2) wie man sagt, daß sie seien oder wie sie zu sein scheinen oder (3) wie sie sein sollen. Diese Dinge werden nun dargestellt durch die allgemein gebräuchliche Ausdrucksweise oder auch durch Glossen und Metaphern oder was es sonst noch von Wandlungen des sprachlichen Ausdrucks gibt, denn diese (Freiheiten) gestatten wir ja den Dichtern.
[2]. Dazu kommt ferner, daß die Richtigkeit in der Politik und der Dichtkunst sowenig als in irgend einer anderen Kunst oder Wissenschaft und der Dichtkunst ein und dasselbe bedeutet. In der Dichtkunst selbst gibt es zweierlei Fehler, der eine betrifft ihr Wesen, der andere ist rein äußerlich.
[3]. Hat sich der Dichter zum Vorwurf genommen ‹etwas richtig› nachahmend darzustellen, ‹verfehlt aber sein Ziel› aus eigenem Unvermögen, so liegt der Fehler in der Dichtkunst selbst; wenn er dagegen den Vorwurf richtig gestellt, aber Unmögliches geschildert hat, wie z.B. ein Pferd, das mit beiden rechten Beinen zugleich ausschreitet, oder was sonst in jeglicher Kunst, wie der Medizin oder irgend einer anderen, welcher Art auch immer, ein Fehler sein würde, so betrifft dieser nicht das Wesen der Kunst. Man muß daher nach diesen Gesichtspunkten die tadelnden Einwürfe in den Problemen betrachten und lösen (widerlegen).
[4]. Erstens also was die Lösungen in bezug auf die gegen die Kunst als solche gerichteten Einwürfe betrifft Wenn Unmögliches dargestellt wurde, so liegt zwar ein Verstoß vor, aber die Sache hat doch ihre Richtigkeit, falls damit der Zweck der Dichtung erreicht wird; der Zweck nämlich ist, wie bereits erwähnt wenn der Dichter eine erschütterndere "Wirkung, sei es in dem betreffenden Teil oder in einem anderen, damit erzielt. Ein Beispiel bietet jene Verfolgung des Hektor.[78] Wenn es aber möglich war, den Zweck, sei es in höherem oder geringerem Grade, auch entsprechend der in diesen Dingen herrschenden Kunstregel zu erreichen, so hat es mit dem Fehler nicht seine Richtigkeit, denn, wenn es irgendwie angeht, soll überhaupt keinerlei Fehler begangen werden.
[5]. Man kann ferner die Frage aufwerfen, worin denn der Fehler begangen ist, ob gegen die Kunstregel oder irgend etwas anderes Zufälliges; denn weit geringer ist das Versehen, wenn jemand z.B. nicht wußte, daß die Hindin keine Hörner hat[79], als wenn er sie ohne (eigentlich) nachahmend darzustellen gezeichnet hätte.
[6]. Wenn ferner getadelt wird, daß die Darstellung nicht wahr sei, müßte man den Einwand so entkräften: Aber vielleicht wie sie sein sollte, wie ja auch Sophokles gesagt hat, er stelle Menschen dar, wie sie sein sollen, Euripides aber, wie sie sind.
c. 25, 7. Probleme und Lösungen.
[7]. Läßt sich aber keins von beiden behaupten, so kann man sich darauf berufen, daß man eben so sagt, wie in den Erzählungen über die Götter. Vielleicht ist es aber weder besser sie so darzustellen, noch der Wahrheit entsprechend, sondern es verhält sich möglicherweise damit so, wie es bei Xenophanes lautet[80] (1461a) ‹....›, dann (erwidere man), allein man sagt nun einmal so.
[8]. Anderes wiederum ist zwar vielleicht nicht zweckmäßiger, aber eswar tatsächlich einmal so, wie z.B. das über die Waffen Gesagte: "Aber die Lanzen | standen empor auf dem Fuße des Schaftes[81], solchen Brauch nämlich befolgte man damals, wie auch heute noch die Illyrier.