[9]. In der Beurteilung der Frage, ob das von jemand Gesagte oder Getane sittlich gut oder nicht ist, muß man nicht nur die Handlung und die Eede selbst in Betracht ziehen und darauf achten, ob sie edel oder gemein ist, sondern auch den Handelnden oder Redenden ins Auge fassen (und untersuchen) im Verhältnis, zu wem oder wann oder zu wessen Gunsten oder zu welchem Zweck (es geschieht), z.B., ob eines größeren Gutes wegen, das erreicht, oder eines größeren Übels wegen, das verhütet werden soll.

[10]. Andere Einwände muß man durch Beobachtung des sprachlichen Ausdrucks beseitigen, z.B. durch Annahme einer Glosse. "Die Mäuler zuerst."[82] Vielleicht meint nämlich (der Dichter) mit dem Worte ourēas, nicht "Maultier", sondern die "Wächter". Und von Dolon sagt er: "Der von Gestalt (eidos) zwar häßlich"[83]. Damit bezeichnet er nicht einen unebenmäßigen Körper, sondern ein häßliches Gesicht; gebrauchen doch die Kreter das Wort eueides (= schöngestaltet) im Sinne von euprosōpon (= schön von Antlitz). Ferner, "Mische reineren Wein" (zōróteron),[84] d.h. nicht ungemischten Wein, wie für Trunkenbolde sondern (mische) "schneller."

[11]. Ein anderes ist metaphorisch gesagt z.B.

"Alle nunmehr, so Götter wie rossegerüstete Krieger
Schliefen die ganze Nacht"

und doch heißt es unmittelbar darauf

"Siehe, so oft er sein Aug' hinwandte zum troischen Felde.
Der Syringen und Pfeifen Getön und der Menge."[85]

Jenes, "Alle" wird an Stelle von "Viele" metaphorisch gesagt, denn ein "Alles" ist nur eine Art des "Vielen".

Auch jenes "allein nicht teilnimmt"[86] ist metaphorisch zu verstehen, denn das "bekannteste" ist (hier) das "alleinige".

[12]. Ferner kann man auf Grund der Prosodie (Einwände widerlegen), wie Hippias der Thasier dies tat in jenem "wir gewähren (dídomen) ihm aber"[87] und "Das zum Teil durch den Regen verfault"[88].

c. 25, 13. Probleme und Losungen.