Madame Turner dankte dem Knaben unter Thränen für den neuen Beweis seiner Liebe, und Daniel gab sich mit den innigsten Danksagungen der Hoffnung hin, daß sein Geschick eine günstige Wendung nehmen möge.
Als die Sonne versunken war und Turner daran erinnerte, daß die Pferde in das Fort hereingebracht werden müßten, sagte Carl: »Ich will sie zum Wasser führen und sie dann wieder in das Gras bringen; wir wollen sie während der Nacht draußen lassen. Es zeigt von Mißtrauen gegen die Delawaren, wenn wir sie hereinholen.« Turner stimmte seiner Ansicht bei, und Carl tränkte nun die Pferde und band sie dann wieder in die Weide, seinem Rappen aber gab er dabei einen Platz nicht weit von dem Zelte des Häuptlings. Nachdem er in das Fort zurückgekehrt war und die Seinigen mit Daniel in dem Speisezimmer versammelt fand, ging er in seine Stube und schrieb schnell einen Abschiedsbrief an alle seine Lieben. Er theilte ihnen den Grund mit, weßhalb er sie verließ, sagte ihnen, daß es ihn hoch beglücke, sie allen Gefahren zu überheben, und bat sie, sich nicht über sein Entfernen zu grämen, da es ihm ja gut gehen würde, und er sie im nächsten Herbst besuchen wolle. Er schloß den Brief mit der Bitte, ihm nicht zu folgen, da er fest entschlossen sei, bei den Delawaren zu bleiben, und ihn nichts vermögen werde, in das Fort zurückzukehren. Er richtete diese letzten Worte insbesondere an Daniel, beschwur ihn, nun treulich bei den Seinigen auszuhalten, und dadurch Carls Schritt zu heiligen. Die Thränen, welche während des Schreibens seinen Augen entquollen, gestatteten ihm kaum, den Brief zu beenden, und er mußte sich wiederholt dabei unterbrechen. Als er ihn endlich geschlossen hatte, richtete er die Aufschrift an seinen Onkel, und verbarg dann das Schreiben in seiner Lederjacke. Er steckte nun schnell alle Gegenstände, die er mitnehmen wollte, in seine Jagdtasche, hing dieselbe neben seine Waffen, und ging dann zu den Seinigen, um mit ihnen das Abendbrod zu verzehren. Mit schwerem Herzen setzte er sich an dem Tische nieder, es war ja zum letzten Male, daß er sich hier mit seinen Lieben versammelte, und unbemerkt wischte er die Thränen von seinen Augen, die er nicht zurückhalten konnte. Sein Schweigen und sein Ernst fiel nicht auf, denn auch die Anderen saßen bekümmert und wortkarg da, und dachten an das Schicksal Daniels, welches erst morgen entschieden werden sollte. Carl erhob sich zuerst, um sich zur Ruhe zu begeben, und die Anderen folgten seinem Beispiel; denn die Stimmung war zu traurig, um ein längeres Zusammensein zu veranlassen. Carl küßte die Seinigen, wie er immer zu thun pflegte, wenn er ihnen eine gute Nacht wünschte; er küßte sie aber inniger, heißer und länger als sonst, denn er nahm einen stummen Abschied von ihnen. Er weinte dabei bitterlich, welches man der Ungewißheit über Daniels Schicksal zuschrieb, und Turner suchte Carl zu beruhigen, und tröstete ihn mit dem Vertrauen auf den Allmächtigen, der ihnen beistehen würde. Alle begaben sich nach ihren Ruhestätten, doch der Schlaf blieb ihnen noch lange fern, und erst gegen Mitternacht hatten die Bewohner des Forts die Augen geschlossen; nur Carl war noch wach, fühlte von Zeit zu Zeit auf dem Zifferblatt seiner Uhr, wie spät es sei, und lauschte nach den Athemzügen Daniels, ob derselbe auch fest schlafe. Es war schon lange nach Mitternacht, als er sich leise von seinem Lager erhob, sich schnell ankleidete und den Brief an seinen Onkel auf den Tisch legte. Dann schnallte er die Revolver und das Jagdmesser um, hing die Jagdtasche über seine Schulter, nahm die Jaguarhaut und seine wollene Decke, ergriff die Büchse und schlich vorsichtig in den Hof hinaus. Pluto kam freudig zu ihm herangesprungen, Carl aber wies ihn liebkosend zur Ruhe, und schritt nach dem Thore, welches er geräuschlos öffnete. Er ging hinaus, trug sein Gepäck an die vordere Wand der Pallisaden, und kehrte noch einmal in das Fort zurück, um sein Sattelzeug zu holen. Als er wieder durch das Thor hinausschritt, wollte Pluto ihm folgen, er drückte den Hund aber schmeichelnd zurück, und schob das Thor hinter sich zu. Nun eilte er mit Sattel und Zeug den Hügel hinab zu dem Zelt des Häuptlings, wo dieser ihn beim Feuer freudig empfing und ihm sagte, daß Alles zur Abreise bereit sei.
Carl lief nun noch einmal zu den Pallisaden hinauf, um seine dort niedergelegten übrigen Sachen zu holen, sandte noch einen heißen innigen Abschied aus der Tiefe seines Herzens an alle seine Lieben, und ging dann wieder zu Leopard, dessen Zelt bereits zusammengepackt war und auf den Rücken eines Pferdes gebunden wurde. Carl führte seinen Rappen zum Feuer, legte ihm schnell das Reitzeug und Gepäck auf, wobei der Häuptling ihm behülflich war, und stieg dann in den Sattel, während die Indianer sich zu Pferde um ihn sammelten und freudig in ihm ihren neuen Gefährten begrüßten. Bald war nun auch der Häuptling zu Roß, und der Reiterzug setzte sich, mit ihm und Carl an der Spitze, in Bewegung, während dieser seinen thränenschweren Blick auf die dunklen Umrisse des Forts gerichtet hielt, und im Stillen den geliebten dort Ruhenden sein letztes heißes Lebewohl sagte. Lautlos zogen sie in eiligem Schritt durch die dunkle Nacht dahin, und bald war der letzte Lichtschein der verlassenen Lagerfeuer und die schwarze Form der Pallisadenwände ihren Blicken entschwunden.
In dem Fort aber herrschte Todtenstille, denn selbst das gewohnte Geräusch, welches die Pferde während der Nacht dort zu erregen pflegten, unterbrach die Ruhe nicht.
Der Morgen graute und Daniel erwachte mit dem festen Entschluß, sich heute dem Häuptling zu überliefern, wenn die bevorstehende Unterhandlung mit demselben keinen friedlichen Vergleich herbeiführen sollte. Er erhob sich leise von seinem Lager, um seinen Freund Carl nicht im Schlafe zu stören, da gewahrte er, daß Carls Bett leer war. Der Neger erschrak und richtete seinen nächsten Blick nach der Wand, wo die Waffen des Knaben zu hängen pflegten; sie waren fort. Jetzt sah er den Brief auf dem Tische liegen und erkannte die Handschrift seines Freundes, denn dieser hatte ihm ja Unterricht im Schreiben ertheilt. Ein Brief von Carl, an seinen Onkel gerichtet, – was konnte die Veranlassung dazu sein – warum war Carl nicht hier? Der Neger zitterte am ganzen Körper, mit dem Brief in der Hand stürzte er hinaus in den Hof und nach dem Thore – das Thor war offen, und die Indianer waren verschwunden! Wie gelähmt stand Daniel da, und sah auf den Brief, der in seiner bebenden Hand zitterte; das Papier sagte ihm, was der Knabe für ihn gethan hatte. Ohne Worte, ohne Thränen sank er auf die Kniee und preßte den Brief zitternd mit beiden Händen auf sein Herz. Er wußte nicht, was er that, wußte nicht, was er thun sollte, das Geschehene war zu ungeheuer, zu schrecklich, als daß er es hätte fassen können, es drückte ihn, wie ein riesiges Unglück zu Boden und preßte ihm das Herz und die Brust zusammen.
Plötzlich aber fuhr er auf, stürzte in das Fort hinein zu Turners Haus und schrie:
»Carl ist fort, Herr Turner, Carl ist fort!«
»Was sagst Du, Carl fort?« rief Turner, aus dem Zimmer hervorspringend, und ergriff hastig den Brief, den ihm der Neger entgegenstreckte.
»Er ist fort, Herr, er ist mit den Delawaren fortgezogen. Lesen Sie, lesen Sie schnell, ich muß ihn noch einholen und ihn aus den Händen der Indianer befreien; ich bin es, dessen Besitz sie verlangten, nicht Carl, mich sollen sie haben!« schrie der Neger in höchster Verzweiflung und stierte auf den Brief, den Turner mit zitternder Hand entfaltet hatte und ihn mit ängstlicher Hast durchflog.
»Carl, Carl!« klagte er dann mit einem Blick zum Himmel, und ließ sein Antlitz auf den Brief in seine beiden Hände sinken.