»Ich bin mit Allem zufrieden, wenn ich nur weiß, daß es meinen Freunden am Bärflusse gut geht,« antwortete Carl, mit feuchtem Auge auf die glänzend schwarzen Mähnen niedersehend, die der Rappenhengst in seinem Uebermuthe schüttelte.
»Niemand soll und wird nun noch den Frieden Deiner Freunde stören, und Du wirst sie zweimal des Jahrs wiedersehen und sie erfreuen.«
»Das hast Du mir versprochen, Leopard, und mußt es halten; nur mit dieser Hoffnung kann ich fern von ihnen zufrieden sein.«
»Du wirst zufrieden, Du wirst glücklich sein, denn unser Leben ist ein glücklicheres, als das der Weißen. Wir haben Alles, wonach unsere Herzen sich sehnen; die Weißen haben niemals das, wonach sie streben; das Geld stiehlt ihnen die Ruhe, wir lachen darüber; uns kann das Geld nicht froh, nicht traurig machen.«
Carl blieb wortkarg, doch der Häuptling hörte nicht auf, ihn zu unterhalten und ihm das Leben der Indianer von der schönsten Seite zu schildern.
Währenddem eilten sie nach Nordwest dahin über die mit Blumen übersäete Prairie, auf der das trockene Gras vermodert zur Erde gesunken und die frischgrünen Halme darüber mit der Blüthenpracht des Frühlings aufgeschossen waren. Der Häuptling wollte der Grenze des Prairiebrandes bis an den rothen Fluß folgen, weil er dort das meiste Wild anzutreffen hoffte. Er ritt mit Carl den übrigen Indianern in ziemlich großer Entfernung voraus, um seinem jungen Freunde Gelegenheit zu geben, während der Reise mitunter ein Stück Wild zu erlegen, die Reiterschaar folgte ihnen langsam nach, hinter derselben kamen die Pferde, die mit den Zelten, Geräthschaften und Vorräthen aller Art beladen waren, und den Zug beschlossen die Frauen, welche die Packthiere vorwärts trieben und sie zusammenhielten. Carl that im Laufe des Tages wiederholt einen Meisterschuß auf Wild, welches der Häuptling dann, stolz auf die Geschicklichkeit des Knaben, seinen ihm folgenden Leuten überwies. Der Abend brachte sie in den Eichwald, wo Carl den furchtbaren grauen Bären erlegt hatte, und an dem Wasser, wo er seinen Falben wiederfand, wurde das Lager für die Nacht aufgeschlagen. Er benutzte das Dämmerlicht noch zur Jagd, wobei er zwei Antilopen erlegte, welche von den beiden Indianern, die ihn begleitet hatten, im Triumph in das Lager getragen wurden. Mit Sonnenaufgang setzte sich am folgenden Morgen die Schaar wieder in Bewegung und folgte dem Saume des Eichwaldes, der sich bis zu den Ufern des rothen Flusses hinaufzog, und neben welchem die Prairie bis dorthin durch jenen Schreckensbrand abgesengt war. Das junge Gras hatte sie aber schon mit einer fußhohen Decke überzogen, auf welcher in allen Richtungen Büffel, Hirsche und Antilopen weideten. Es war ein reizender Tagesmarsch unter dem schattigen Laubdach der Eichen auf der feinen dichten Grasdecke, aus welcher sich die mächtigen Stämme erhoben. Weithin wanderte das Auge, da nirgends ein Dickicht die Fernsicht hemmte, und der Blick konnte kaum eine Richtung finden, wo er nicht auf Wild traf. Besonders zahlreich waren die Züge wilder Truthähne, die sich um diese Jahreszeit zu Hunderten versammeln, während die Hennen einsam im hohen Grase der Prairie, oder im Dickicht der Wälder auf ihren Eiern sitzen und brüten. In endlosen Reihen flohen die Hähne vor der nahenden Reiterschaar, und wiederholt sprengte der Häuptling mit seinem jungen Freunde ihnen nach, bis sie sich prasselnd in die Luft erhoben und sich in die hohen Eichen schwangen. Dann holte jede Büchsenkugel der beiden Reiter einen dieser colossalen Vögel auf die Erde herab, und Carl schoß zur Freude Leopards auch einige derselben mit dem Revolver herunter. Ohne zu rasten, ging es während des ganzen Tages in dem kühlen Schatten des lichten Waldes vorwärts, während die Sonne heiß auf die Baumkronen niederbrannte, und ihre Strahlen hier und dort ein blendendes Licht auf den frischgrünen Boden warfen.
»Dort weidet ein starkes Rudel wilder Pferde, sie sind uns noch nicht gewahr geworden,« sagte der Häuptling zu Carl, und zeigte unter den Bäumen hin nach dem Saume der Prairie.
»Ach, wenn wir doch nahe an sie hinanreiten könnten; es sind zu schöne Thiere. Ich meine immer, das Pferd wäre in seiner Freiheit viel stolzer als in der Gefangenschaft.«
»Wenn Dir das Spaß macht, so reite nur dicht hinter mir her, ich will Dich ganz nahe zu ihnen führen. Du mußt Dich aber auf den Hals Deines Pferdes legen,« entgegnete der Häuptling, und ritt nun weiter seitwärts unter den Eichen hin, bis er eine recht große Zahl von Stämmen zwischen sich und den Rossen sah, so daß er durch sie mehr oder weniger den Blicken der Thiere entzogen wurde. Dann ritt er auf sie zu, wählte aber immer die Richtung, in welcher er die meisten Baumstämme vor sich hatte. Es lagen wohl noch fünfhundert Schritte zwischen den beiden Reitern und den wilden Pferden, die noch immer ganz sorglos grasten, als Carl dem Häuptling plötzlich leise zurief: »Halt, halt, Leopard, halt Dein Pferd zurück!« und schnell sein Fernglas aus der Tasche hervorzog und es vor sein Auge hob. Der Häuptling hielt sein Roß an, und sah erst nach seinem Gefährten, dann aber wandte er, wie dieser, seinen Blick gleichfalls nach der wilden Heerde.
»Du suchst wohl Deinen todten Liebling unter ihnen?« fragte Leopard lachend.