»Ja, wahrhaftig, dort steht ein Pferd, welches gerade so aussieht, wie mein Falber, wenn er sich nur noch etwas zur Seite wenden wollte,« entgegnete Carl in großem Eifer, und hielt das Glas unbeweglich vor sein Auge. Nach einer Weile fuhr er noch bewegter fort: »Jetzt wendet es sich, – wahrhaftig, es ist mein Falber, ich sehe den Satteldruck auf seinem Rücken!«

Mit diesen Worten zeigte Carl, ganz außer sich vor Freude, nach einem Pferde hin, welches etwas seitwärts von der Heerde nahe an der Prairie weidete.

»Wäre es möglich – laß mich einmal durch Dein Glas sehen,« sagte der Häuptling, und nahm dasselbe dem Knaben ab. Nachdem er einige Augenblicke nach dem Thiere hingeschaut hatte, sagte er rasch: »Das Pferd hat schon einen Sattel getragen, und wenn Du sagst, daß es Dein Falber sei, so sollst Du ihn auch wieder reiten. Bleibe hier hinter diesen Eichen halten, bis ich zurückkomme, ich muß mein Kriegspferd reiten, wenn ich Deinen Falben fangen will.«

Hiermit lenkte er sein Roß eilig auf demselben Wege zurück, auf dem er gekommen war, und nach einer Weile sah Carl ihn in fliegendem Laufe davon jagen. Die anderen Indianer waren noch weit zurück, so daß Carl noch nichts von ihnen entdecken konnte. Mit hochschlagendem Herzen hielt er nun seinen Blick durch das Glas auf den Falben gerichtet, und überzeugte sich immer mehr, daß derselbe sein todtgeglaubter Liebling sei. Ungeduldig spähete er wieder durch den Wald zurück, ob der Häuptling noch nicht sichtbar würde, und lauschte nach den Hufschlägen seines Rosses. Noch war nichts von ihm zu sehen, und mit Bangigkeit blickte Carl dann wieder nach der Heerde, ob sie auch nicht unruhig werde. Die Thiere aber grasten ganz vertraut, und hier und dort legte sich eins derselben im Grase nieder. Es schien, daß sein Falber noch immer von den übrigen Rossen als Fremdling angesehen werde, da er sich stets in einer gewissen Entfernung von ihnen hielt, und dies bestärkte Carl noch mehr in seiner Ueberzeugung, daß es sein Pferd sei. Der Häuptling blieb erschrecklich lange für Carl aus, und die Ungeduld des Knaben, so wie dessen Besorgniß, daß die Heerde plötzlich davon eilen würde, steigerte sich von Minute zu Minute; er strengte seinen Blick mit allen Kräften an, um den Schimmel, den Leopard reiten wollte, in der Ferne zu erspähen, da sah er ihn plötzlich weiter seitwärts sich nahen, und zwar schon in nicht großer Entfernung. In verhaltenem Schritt kam der edle Schimmelhengst zwischen den dichtstehenden Baumstämmen herangeschritten, er war mit einer prächtigen Jaguarhaut geziert, die über seinen Sattel ausgebreitet lag, und auf welcher der Indianerhäuptling, von aller Kleidung entblößt, saß. Nur ein breites Stück feuerrothen Tuches umgab dessen Hüfte, und statt der Waffen hielt er einen sehr langen Lasso aufgeschlungen in seiner Rechten. Stolz hob sich seine muskulöse schlanke rothbraune Gestalt über dem muthigen blendend weißen Rosse empor, und sein langes glänzend schwarzes Haar hing weit über seine breiten Schultern herab. Als er näher kam, mäßigte er noch mehr den Schritt des Pferdes und legte sich hinter dessen breiten Hals. Bald hatte er Carl erreicht und sagte:

»Wenn Dein Falber wirklich so schnelle Füße und so langen Athem besitzt, wie Du mir gesagt hast, so wird es eine heiße Jagd geben; noch aber habe ich kein Pferd gesehen, welches im Laufe vor meinem Hengst bleiben konnte. Halte Dich nur hinter mir, wir wollen so nahe wie möglich unbemerkt zu dem Falben reiten; wird er uns aber gewahr, dann ist keine Zeit zu verlieren. Dann sorge nur, daß Du mich im Auge behältst, meinen Schimmel kannst Du sehr weit sehen.«

»Könnte ich mich dem Falben nahen, ohne daß die Heerde davonjagte, so würde er gleich zu mir kommen, sobald er mich erkannt hätte,« sagte Carl, mit Verlangen nach dem Pferde hinschauend.

»Die Freiheit schmeckt zu süß und das Thier hat sie nun schon zu lange genossen, als daß es freiwillig wieder in die Gefangenschaft zurückkehren sollte. Es ist ja mit den Indianern auch so, sie werden von den Weißen immer näher zu den Gebirgen der Anden hingedrängt, wo sie mit dem Büffel wegen Mangel an Nahrung zu Grunde gehen müssen und dennoch, trotzdem, daß sie ihr Schicksal voraussehen, wollen sie lieber untergehen, ehe sie sich dem Joch der Civilisation ergeben. Wir müssen Deinem Falben mit Gewalt die Fessel wieder anlegen, wenn er Deine Herrschaft abermals anerkennen soll. Nun folge mir,« entgegnete der Häuptling, wandte seinen ungeduldig scharrenden Hengst dem Falben zu und nahte sich ihm von Baum zu Baum, ohne daß das Thier ihn gewahr worden wäre, bis er es auf hundert Schritte erreicht hatte. Hier standen die Eichen viel einzelner, und kaum schritt der Schimmelhengst unter ihren Schatten, als die ganze wilde Heerde zusammenschreckte und in wilder Verwirrung die Flucht ergriff.

Mit einem lauten gellenden Jagdgeschrei ließ aber im selbigen Augenblicke der Häuptling seinem Hengst die Zügel schießen und flog ihr nach, als ob sein Schimmel von dem Winde dahin getragen würde. In wenigen Augenblicken war die Prairie erreicht, die wilden Pferde, die unter den Eichen auseinandergesprengt waren, sammelten sich jetzt in einen dichten Haufen, der Falbe jagte an ihrer Spitze und fort ging es in sausender Carriere über die grüne, im Sonnenlichte glänzende Grasflur.

Carls Rappe mußte an die Zeit seiner eigenen Freiheit denken, denn er setzte wie rasend hinter der fliehenden Heerde her und hatte auch bald die letzten Reihen derselben erreicht. Der Häuptling aber jagte im Sturmlauf an ihr vorüber, dem Falben nach, der schon mehrere hundert Schritte Vorsprung vor den wilden Rossen gewonnen hatte, und diese wandten sich entsetzt von dem Indianer ab und suchten seitwärts das Weite. Carl wollte dem Häuptling folgen, sein Rappe aber kündigte ihm den Gehorsam und sprengte trotz Zügel und Sporn in die Mitte des fliehenden Haufens. Fort ging es Hügel auf, Hügel ab in tollem rasenden Laufe, denn die wilden Pferde sahen mit Entsetzen nach der Menschengestalt hin, die sich zwischen ihnen erhob, und verdoppelten ihre Anstrengungen zur eiligsten Flucht. Der Rappe aber blieb zwischen ihnen; fliegend umwogten seine langen Mähnen den jungen Reiter auf seinem Rücken, hoch wehte sein glänzend schwarzer Schweif und laut und schnaubend blies er aus seinen weit geöffneten Nüstern. Mit Verzweiflung schaute Carl seitwärts über die mit ihm fliehenden Schaaren nach dem Häuptling hinüber, der nur noch wie ein weißer, dahinfliegender Punkt in weiter Ferne zu erkennen war; vergebens aber wandte er alle seine Kräfte auf, seinen widerspänstigen Rappen zurückzuhalten, derselbe stürmte unaufhaltsam mit ihm fort und mit ihm die ganze wilde Heerde, daß der Boden erzitterte und der Donner der Hufschläge die Luft erfüllte. Carl ergab sich in sein Schicksal, Meile auf Meile blieb zurück und sein Roß, so wie dessen wilde Kameraden bedeckten sich mit weißem Schaum.

Jetzt ging es einem Eichwalde zu, der sich über dem Saum der Prairie erhob, und mit Schrecken dachte Carl an die Gefahr, die ihm beim Einjagen zwischen die Baumstämme drohte; aber umsonst wandte er wieder und wieder alle seine Kräfte an, das wilde Thier in seinem Laufe aufzuhalten, es blieb in der Mitte der fliehenden Massen. Der Eichwald ward erreicht, und im Sturm ging es in denselben hinein und zwischen den Stämmen hin, daß Carl jeden Augenblick glaubte, an einem derselben hängen zu bleiben; er wand sich aber hin und her und drückte sein Pferd gewaltsam herüber und hinüber, um den Bäumen auszuweichen. Da erkannte er plötzlich vor sich einen weiten Wasserspiegel, der sich an dem Saume des Waldes hinzog und in welchem er keinen andern als den rothen Fluß erkennen konnte. Ein Hoffnungsstrahl fuhr in Carl auf, denn an dem Strome, dachte er, würde die Heerde Halt machen, und er würde einen Augenblick gewinnen, um Herr seines Pferdes zu werden. Er sah, wie die Vordersten der dahinstürmenden Schaar das Ufer des Flusses erreichten, sie stürzten sich in die Fluthen hinab und alle ihre wilden Kameraden ihnen nach, daß die Wellen hoch über ihnen zusammenschlugen. Auch Carl sauste mit seinem Roß in die Wogen hinunter, er hörte und sah nicht mehr, das Wasser thürmte sich um ihn auf und für einen Augenblick war ihm der Athem genommen. Er klammerte sich aber an seinen Rappen fest, der jetzt, von den Hunderten von Pferden umgeben, welche rings um ihn aus den Wellen emporschauten, eilig die schnelle Fluth durchzog und dem jenseitigen Ufer zuschwamm. Schnaubend und brausend stieg der Hengst aus den Wogen auf und nieder und trug seinen Reiter vielen seiner Kameraden vorüber glücklich an das jenseitige Land. Diese letzte Anstrengung hatte aber die Kräfte der wilden Rosse erschöpft, sie erstiegen mühsam das Ufer und theilten sich nun im Trab nach allen Richtungen auseinander, um der fremden Schreckensgestalt auf dem Rappen zu entgehen. Umsonst machte dieser abermals neue Anstrengungen, jenen zu folgen, er sträubte sich nur noch kurze Zeit gegen die Gewalt seines Reiters und ergab sich dann dessen Herrschaft. Durchnäßt bis auf die Haut und mit einem zu Tode erschöpften Pferde, sah sich Carl nun allein und verlassen viele Meilen von seinen Freunden entfernt und von ihnen durch einen mächtigen Strom geschieden. Er stieg ab und sein nächster Gedanke traf seine Waffen, die gleichfalls, wenn auch nur einen Augenblick, unter Wasser gewesen waren. Er feuerte schnell seine Büchse, so wie seine Revolver ab, und zu seiner Freude versagte kein Schuß. Sein Pulverhorn war vollkommen wasserdicht, deßhalb ersetzte er gleich sämmtliche Ladungen und überdachte dabei seine Lage. Wäre der Fluß nicht vor ihm gewesen, so würde er auf dem Wege, den er gekommen, zurückreiten, um die Delawaren aufzusuchen; mit seinem müden Pferde konnte er sich aber den Fluthen nicht noch einmal anvertrauen, und er sah keinen andern Ausweg, als hier am Ufer zu verbleiben und zu warten, ob seine Freunde zu ihm kommen würden. Ohne Zweifel folgten diese, sobald sie ihn vermißten, der breiten Spur, welche die wilden Rosse hinterlassen hatten, und er beschloß, ein großes Feuer zu errichten, damit die Delawaren seinen Aufenthalt daran erkennen könnten, wenn sie erst in der Nacht den Fluß erreichen sollten; denn die Sonne stand nicht mehr hoch und es war ungewiß, ob die Jagd nach dem Falben den Häuptling nicht sehr weit abgezogen hatte. Während der Rappe, den Carl an einen einzelnen Baum befestigte, sich an dem jungen Grase erholte, trug dieser trockenes Holz herbei, um das Feuer anzuzünden, welches ihm augenblicklich sehr wünschenswerth war; denn in der nassen Kleidung fing ihn an zu frieren. Er zog die Zunderbüchse aus der Tasche und nahm sie aus der fest zugebundenen Blase hervor, in welcher er sie stets verwahrte, um sie vor Nässe zu schützen. Dann schlug er mit Stahl und Stein Funken hinein und blies die erzeugte Gluth zur Flamme an, in welcher er einen Bündel trockenes Gras entzündete. Bald loderte nun das Feuer aus dem gesammelten Reishaufen empor und wirbelte sich um das schwere Holz, welches Carl darauf warf. Die Gluth war bald so groß, daß er sich einige Schritte von ihr entfernt halten mußte, wo er sich nun von allen Seiten durch sie trocknen ließ, indem er sich langsam vor ihr drehte. Er hatte schwere Aeste von einem umgefallenen Mosquitobaum herbeigetragen, um das Feuer während der Nacht zu unterhalten, da er sicher darauf rechnete, seine Freunde erst spät erscheinen zu sehen; doch kaum war die Sonne versunken, als ihn der ferne Jubelton des Häuptlings von der andern Seite des Flusses her begrüßte. Bald darauf sah er ihn denn auch an der Spitze seiner Schaar unter den Eichen heranziehen, und wie groß war Carls Freude, als er an der Seite Leopards seinen lieben Falben erkannte, der geduldig neben demselben herschritt. Als der Häuptling das Ufer erreicht hatte, rief er Carl zu, er möge dem Flusse folgen, da einige Meilen weiter eine sehr seichte Stelle sich in demselben befinde, wo man durchreiten könne, ohne naß zu werden. Sogleich war Carl zu Roß und eilte dem Ufer entlang, er konnte aber den Augenblick kaum erwarten, wo er wieder bei seinem Falben sein würde.