Die Delawaren folgten dem Strome an dem andern Ufer, und Carl verwandte keinen Blick von seinem Liebling, der ihm während seiner Abwesenheit noch viel schöner geworden zu sein schien. Endlich hielt der Häuptling an und blickte sich nach einer Stelle um, wo das Ufer nicht zu steil war. Er fand sie in kurzer Entfernung, lenkte sein Pferd in den Strom hinein, und der ganze Zug der Delawaren folgte ihm noch. Das Wasser reichte wirklich den Pferden nicht bis an den Leib und schnell war der Fluß durchritten. Carl war abgestiegen und wartete mit größter Ungeduld am Ufer, und als der Falbe auf dasselbe heraufschritt, da schlang er seinen Arm um den Hals des geliebten Thieres, und sagte in höchster Freude:

»Ja, Falber, kennst Du mich denn noch, Du braver Kerl, wie ist es Dir denn ergangen?« Dabei klopfte und strich er liebkosend den Hals des Pferdes, und dieses gab ihm durch leises Wiehern zu verstehen, daß es sich ebenso sehr freue, ihn wiederzusehen.

Dann aber wandte sich Carl mit rührenden Versicherungen seines ewigen Dankes an den Häuptling, der mit der innigsten Freude das Glück beobachtete, welches sich auf Carls Zügen spiegelte.

»Du hattest mir nicht zu viel von dem Falben gesagt,« fiel ihm Leopard in das Wort, »er ist flüchtig wie die Antilope und ausdauernd wie der Büffel, er hat meinem Hengst vielen Schweiß gekostet. Ich bin ihm über fünf Meilen weit gefolgt, ehe ich den Lasso nach ihm werfen konnte, kaum lag aber die Schlinge um seinen Hals, als er sich ergab und sich geduldig von mir leiten ließ. Er ist den Ritt werth gewesen, zumal da ich meinem jungen Freunde eine so große Freude dadurch verschafft habe. Wenn ich meinen Schimmelhengst nicht hätte, so möchte ich wohl den Falben besitzen, es giebt nicht viele seines Gleichen.«

»Ja, er ist ein braves edles Thier, und ich danke Dir von ganzem Herzen, daß Du ihn mir wiedergegeben hast. Der Rappe dort ist nicht so treu, es hätte mir bei diesem Ritt das Leben kosten können; der Abscheuliche ging mit mir durch, und ich mußte, ob ich wollte oder nicht, mit der tollen Heerde davonjagen.«

»Ich sah es wohl,« entgegnete der Häuptling lachend, »ich konnte aber doch unmöglich den Falben entkommen lassen; auch dachte ich, wer einen solchen Prairiebrand glücklich mit durchgemacht hat, der könne auch wohl einmal in der Mitte einiger Hundert wilder Rosse einen lustigen Ritt machen.«

»Sehr lustig war er nun gerade nicht, ich kann Dir sagen, in dem Eichwalde war es ein gefährlicher Lauf, und den Sprung in den Strom will ich im Leben nicht vergessen!«

»Du bist ja nun ein Delaware, und darum ist Dir auch kein Ritt zu wild; wir werden noch weit lustigere zusammen machen. Wo giebt es denn wohl eine größere Lust für den Mann, als auf den Rücken eines flüchtigen edlen Rosses?«

Der Häuptling gab seinen Leuten nun einen Wink, das Lager aufzuschlagen, die Frauen breiteten für ihn und für Carl weiche Büffelhäute im Grase aus, und in ganz kurzer Zeit darauf hatten sie Leopards Zelt hinter ihm und hinter seinem jungen Freunde aufgestellt. Auch die übrigen Zelte erhoben sich schnell, die Feuer vor denselben loderten empor, und die Weiber beeilten sich, das Abendbrod zu bereiten. Der Häuptling theilte Carl nun mit, daß er sich nach einem, mehrere Tagereisen von hier gelegenen Handelshause der vereinigten Staaten begeben wolle, deren die Regierung an der ganzen Grenze des Indianergebiets bis weit nach Norden hin errichtet hatte, damit die Indianer dort Alles kaufen und eintauschen könnten, dessen sie bedürftig wären, ohne in die Ansiedelungen der Weißen vordringen zu müssen. Er wollte dort die, auf diesem Jagdzuge erbeuteten Häute, das Bärenöl, den Honig und das Wachs, so wie getrocknetes Wildpret verwerthen, und vielerlei Bedürfnisse für seine Niederlassung am Kanzasflusse eintauschen. Dorthin wollte er dann ziehen, um einige Wochen bei den Seinigen zuzubringen, ehe er nach Norden zur Jagd aufbräche. Bald nach dem Abendessen legte Carl sich in dem Zelte zur Ruhe nieder, denn er war sehr ermüdet von den Anstrengungen während des wilden Rittes; ehe ihn aber der erquickende Schlaf umfing, sandte er seine innigsten, liebevollsten Gedanken seinen zurückgelassenen Theuern zu und schloß sie in sein Gebet ein. Mit dem anbrechenden Tage folgte er dem Beispiel sämmtlicher Indianer und badete sich in den kristallklaren Fluthen des rothen Flusses, wobei er die Geschicklichkeit im Schwimmen bewunderte, welche seine Gefährten besaßen; denn sie schienen eben so sicher und heimisch im Wasser zu sein, wie auf dem Lande. Als die Sonne sich über der flachen weiten Ferne erhob und ihr goldenes Licht über die endlose grüne Ebene warf, war der Zug schon wieder in Bewegung, und Carl saß abermals auf dem Rücken seines lieben Falben, während sein Rappe einem jungen Indianer zum Reiten übergeben war, damit derselbe ihn vollkommen in Gehorsam bringe. Ununterbrochen führte während drei langer Tagereisen der Weg der Indianer durch eine offene Grasflur, aus der sich nur hier und dort ein Mosquitobaum, eine dichtbelaubte rothe Ulme erhob, und nur an den einzelnen Gewässern, die sie überschritten, und die ihre kleinen Wellen dem Kanzasflusse zuführten, trafen sie auf dichte hohe Waldstriche. Am dritten Abend erreichten sie ein solches Wasser und erkannten schon von Weitem vor dem Walde, der dasselbe überschattete, eine große Anzahl von hohen spitzen weißen Zelten, welche das Lager eines bedeutenden Indianerstammes bezeichneten. Bei Annäherung an dasselbe theilte der Häuptling seinem jungen Freunde mit, daß es ein Stamm der Comantschenindianer sei, der dort lagere. Bald hatten sie das Zelt des Häuptlings erreicht, und wurden von demselben mit großer Aufmerksamkeit und Freundlichkeit begrüßt. Leopard stellte ihm Carl als seinen Freund vor, der mit ihm zu leben beschlossen habe, und theilte ihm mit, daß der schwarze Panther der Delawaren bei Carls Onkel am Bärflusse lebe, und Niemand diese Niederlassung beunruhigen dürfe, wenn er nicht die Delawaren zu Feinden haben wolle. Der Comantschenhäuptling schien von dieser Mittheilung nicht sehr erbaut zu sein, hatte jedoch Nichts dagegen einzuwenden, und gab Leopard nur die Versicherung, daß die Comantschen stets gute Freunde der Delawaren bleiben würden. Carl betrachtete mit großem Interesse die Zelte. Dieselben waren von gegerbtem weißen Büffelleder verfertigt, hatten die Form eines Zuckerhutes, und maßen auf dem Boden zwölf bis vierzehn Fuß im Durchmesser, während ihre Höhe gegen sechszehn Fuß betrug. Die Oeffnung, welche hineinführte, konnte mit Lederbändern zugebunden werden, so daß man sich im Innern des Zeltes gegen Wind und Kälte geschützt befand. Lange Stangen waren inwendig in den Erdboden eingestochen, die oben zusammen kamen und durch die Oeffnung hinaus reichten, welche in der Spitze des Zeltes gelassen, und welche zugleich als Schornstein diente, da in der Mitte des innern Raumes bei kaltem Wetter ein Feuer unterhalten wurde. Rund um dasselbe waren die Ruhelager für die Bewohner des Zeltes aus Thierhäuten hergerichtet, und an den Stangen, die dasselbe ausgespannt hielten, hingen Waffen und Geräthschaften des Eigenthümers. Die weiße Außenseite aller dieser beweglichen Wohnungen war mit bunten Malereien geziert, welche Schlachten und Gefechte mit wilden Thieren vorstellten.

Zusammengepackt werden diese Zelte auf der Reise von Maulthieren getragen, und die langen Stangen, an deren Hals befestigt, von ihnen über Berg und Thal mitgezogen. Carls Aufmerksamkeit wurde gleichfalls durch die große Heerde von Pferden und Maulthieren angeregt, welche vor dem Lagerplatz in der Weide ging und aus mehr als fünfhundert dieser Thiere bestand. Sie werden von den Indianern theils zum Reiten, theils zum Tragen der Zelte, Geräthschaften und Vorräthe benutzt, und bei Gelegenheit auch, wenn Wild mangelt, geschlachtet und gegessen.