In diesem Augenblick fiel an der andern Seite des Wassers in nicht großer Entfernung ein Schuß, und Carl schaute nach der Richtung hin, von wo der Schall gekommen war. Da hörte er die gellende Stimme des Häuptlings, und erkannte deutlich, daß er seinen Namen rief. Mit wenigen Sätzen hatte er durch das seichte Wasser hin das jenseitige Ufer erreicht, und brach sich gewaltsam Bahn durch das Röhricht, während der Hülferuf des Häuptlings immer lauter, immer dringender zu ihm herüber drang. Das Dickicht war aber zu sehr mit Ranken durchschlungen, als daß Carl sich hätte schnell vorwärts bewegen können, und der sumpfige Boden, in dem er oft bis an die Knie einsank, hinderte noch mehr seine Eile. Endlich ward es licht, er hatte einen offenen Grasfleck erreicht, und hörte nun von dessen anderer Seite her den Ruf Leopards ganz nahe aus dem Röhricht erschallen.

Carl stürzte sich in dasselbe hinein, bog es mit allen Kräften links und rechts zur Seite, und sprang plötzlich in eine offene Stelle, wo vor ihm auf dem Boden der Häuptling lag und mit einem ungeheuern Panther rang, der auf ihm saß und seinen Hals zu ergreifen trachtete. Leopard wehrte das grimmige Thier mit seiner linken Hand von sich ab, während sein rechter Arm mit Blut bedeckt machtlos in dem Grase hing. Mit einem Satze warf sich Carl auf das wüthende Thier und stieß ihm sein langes Jagdmesser in die Seite. Der Panther fuhr herum, und schlug seine furchtbaren Tatzen in die Schulter seines neuen Gegners, doch Carls Messer fand mit dem zweiten Stoß das Herz des Raubthiers und streckte es todt zu Boden. Jetzt erst erkannte der Knabe, daß der Häuptling auf einem zweiten Panther lag, welchem der Kopf gespalten war. Leopard sank mit einem dankbaren Blick nach seinem Retter in das Gras zurück und verlor die Besinnung; Carl aber nahm schnell sein Tuch hervor und verband damit die Wunden an dem rechten Arm Leopards, aus welchem das Blut noch immer frisch hervorquoll. Dann holte er Wasser in seinem Hute herbei und wusch seinem Freunde die Schläfe und die Brust, bis derselbe die Augen wieder aufschlug. Der Häuptling deutete auf seinen rechten Schenkel, und als Carl denselben untersuchte, fand er mehrere sehr arge Wunden daran, die das Raubthier mit den Hintertatzen geschlagen hatte. Der Knabe wollte sein Hemd ausziehen, um dasselbe zum Verbinden dieser Wunden zu verwenden, da sah er das Tuch, welches der Häuptling um den Kopf getragen hatte, im Rohr hängen; er holte es schnell herbei und wand es sorgfältig um das verwundete Bein. Dann brachte er abermals Wasser in seinem Hut, um seinen Freund damit zu erfrischen, und fragte ihn nun, was er thun solle, damit er ihn in das Lager schaffe. Leopard bat ihn mit matter Stimme, seine Büchse zu laden und sie neben ihm niederzulegen, da er im Nothfall dieselbe auch mit der linken Hand würde abfeuern können; denn seine rechte war er nicht im Stande zu erheben. Carl erfüllte seinen Wunsch, und als ihn Leopard nun aufforderte, in das Lager zurückzueilen, lud Carl auch noch sein eigenes Gewehr, legte es bei dem Verwundeten nieder, und sprang dann auf dem Wege, den er gekommen war, so schnell ihn seine Füße tragen konnten, wieder zurück nach dem Lager. Die Wunden an seinem eignen Arm beachtete er gar nicht, obgleich sie ihn schmerzten und das Blut aus dem Aermel bis auf seine Hand geflossen war.

Die Nachricht von dem Unglück, welches Leopard betroffen hatte, verbreitete großen Schrecken unter den Delawaren, die Kräftigsten von ihnen schlossen sich Carl sofort an, und er mußte sie zu ihrem Häuptling führen. Sie fanden denselben durch den bedeutenden Blutverlust sehr entkräftet, verfertigten schnell eine Trage, legten ihn auf dieselbe und hoben die Bahre auf ihre Schultern.

Leopard trug einem der Delawaren auf, die Häute der beiden Panther mitzunehmen, und auch die eines jungen Panthers, welchen er ihm in dem Röhricht bezeichnete, wo derselbe todt lag. Darauf setzte sich der Zug in Bewegung und langte nach Verlauf einer Stunde in dem Lager an. Die Männer, so wie die Frauen sammelten sich traurig um ihren geliebten Häuptling, er wurde in sein Zelt getragen, dort auf weichen Häuten gebettet, und zwei Indianerinnen legten nun Kräuter in die Wunden und verbanden dieselben dann von Neuem. Sie kochten auch einen Kräuterthee für ihn, den sie ihm von Zeit zu Zeit zu trinken gaben, und blieben während der ganzen folgenden Nacht bei ihm sitzen, um seine Schmerzen zu lindern und den Verband seiner Wunden häufig zu erneuen. Sie hatten auch Carl verbunden, der nun gleichfalls nicht von der Seite des Häuptlings wich, und dieser hielt oft lange Zeit des Knaben Hand in seiner Linken und schaute ihn mit dankbarem Blick dabei an. Gegen Morgen versank Leopard in einen tiefen Schlaf, aus dem er erst erwachte, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. Er fühlte sich sehr gekräftigt, rief Carl lächelnd zu sich heran, und nachdem derselbe sich neben ihm niedergelassen hatte, erzählte er ihm, in welcher Weise er am Tage vorher so zu Schaden gekommen war. Er sagte, es sei seine eigene Schuld gewesen, und er verdiene die Schmerzen, die er sich selbst zugezogen habe.

Während er in dem Walde spähend vorwärts geschritten war, hatte er plötzlich an dem Saume der Rohrdickichts einen jungen Panther erblickt, und hatte, ohne sich zu bedenken, nach ihm gefeuert. Das Thier war verwundet in das Röhricht hineingeeilt, und Leopard war ihm nachgesprungen, hatte es eingeholt, und hatte es mit einem Schlage seiner Streitaxt getödtet. In demselben Augenblick aber waren die beiden alten Panther durch das Röhricht auf ihn zugestürzt, und es war ihm gelungen, dem einen mit der Axt den Kopf zu spalten. Der andere aber hatte seinen rechten Arm dann so zerrissen, daß ihm die Waffe aus der Hand gefallen war, und nun hatte ihn das Thier zu Boden geworfen, und nur mit größter Noth war es ihm möglich gewesen, dasselbe von seinem Halse abzuwehren.

Nachdem der Häuptling den Verlauf der Begebenheit Carl mitgetheilt hatte, ergriff er dessen Hand und sagte:

»Du hast den obersten Häuptling der Delawaren seinem Volke erhalten, Du hast Deinem Freunde das Leben gerettet, und hast dabei Dein eigenes gewagt; denn hätte Dein Messer das Herz des Panthers verfehlt, so wärst Du verloren gewesen. Der einzige Griff des Thieres auf Deine Schulter hat Dir schon tiefe Wunden geschlagen, wenn sie auch zum Glück nicht so bedeutend sind, wie die meinigen. Hättest Du mich nicht von dem Raubthier befreit, so würde es mich nach wenigen Minuten erwürgt haben, denn meine Kräfte gingen zu Ende. Du hast ein großes Herz für Freundschaft und für Dankbarkeit, doch auch die Herzen der Delawaren sind nicht klein dafür.«

Diese letzten Worte sagte der Häuptling mit einer feierlichen Betonung, und drückte Carl dabei bedeutungsvoll die Hand.

Die ungeschwächte Gesundheit, wie sie nur der Indianer besitzt, ließ die Wunden Leopards schnell heilen, und nach Verlauf von einigen Wochen war er wieder im Besitz seiner vollen Kraft. Das Lager war abermals nach dem Handelshause verlegt, und die Büffelzungen zu hohen Preisen an dessen Vorstand verwerthet.