Nach scharfem Reiten während zweier Tage gelangten sie an ein kleines Wasser, welches von schmalen Waldstreifen überschattet war. Hier wurde noch vor Sonnenuntergang das Lager aufgeschlagen, der Häuptling aber bestieg seinen Schimmel, Carl seinen Rappen, welcher während des heutigen Tagesmarsches nicht geritten war, und Beide eilten einer Höhe zu, die einige Meilen von dem Lager entfernt, sich weiter nach Westen in der Prairie erhob. Leopard wollte sehen, ob auf der Ebene jenseits des Hügels Büffel weideten, denn dort war der Platz, wo er die Jagd zu halten beabsichtigte. Schon auf dem Wege nach der Höhe trafen die beiden Reiter viele Büffel an, links und rechts konnte man bis in die weiteste Ferne Heerden dieser Thiere erkennen, und als sie die Anhöhe erreichten, von wo ihnen sich die Aussicht nach Westen öffnete, fanden sie zu ihrer Freude ihre Hoffnungen erfüllt. So weit das Auge reichte, war die Grasfläche mit Büffelheerden bedeckt. Der Häuptling bezeichnete Carl nun am fernen Horizonte eine Gruppe hoher Bäume, und sagte ihm, daß dort die Schlucht sich befinde, und daß sie sich eine Meile lang ausdehne. Dorthin sollte morgen nun die Jagd gemacht werden, und mit dem Wunsch, daß sie am folgenden Tage noch eben so viele Büffel hier antreffen möchten, traten die beiden Reiter ihren Rückweg an.
Im Lager herrschte an diesem Abend große Thätigkeit: die Männer setzten ihre Waffen in besten Stand, und die Weiber sahen das Sattelzeug genau nach und stellten alle Schäden daran sorgfältig wieder her. Viele waren aber damit beschäftigt, ein Gestell aus leichtem Weidenholz zu flechten, welches, wenn eine Büffelhaut darüber gehangen wurde, die ungefähre Form eines Büffels hatte. Dieses Gestell sollte bei der Jagd einer der Delawaren auf dem Kopf tragen, und den Büffelheerden den Weg nach der Schlucht zeigen. Hierzu war der beste Läufer, ein schlanker, kräftiger junger Bursch, gewählt und nachdem das Gestell fertig war, hing er die Büffelhaut darüber, hob es auf seinen Kopf, und rannte damit zur Belustigung Aller in den tollsten Sprüngen im Lager umher, während ihm von allen Seiten der lauteste Beifall gezollt wurde. Namentlich war Carl sehr überrascht, als plötzlich dies Ungeheuer um das Feuer des Häuptlings, bei welchem er ruhte, herumgaloppirt kam und der Indianer, der in ihm steckte, die fürchterlichsten Töne dabei ausstieß. Leopard war sehr mit der Ausführung dieses nachgeahmten Büffels zufrieden, und sagte dem Burschen, der die Vorstellung gab, daß er einen doppelten Antheil an der Beute haben solle, wenn die Jagd gut ausfiele. Nachdem das Abendbrod eingenommen war und man sich zur Ruhe begab, bestieg jener junge Krieger sein Pferd, legte die große Büffelhaut unter sich über den Sattel, nahm das Gestell auf seine Schultern, und ritt davon, um auf einem weiten Umwege von Westen her die Schlucht zu erreichen, wohin die Jagd gemacht werden sollte. Auf diesem Wege beunruhigte er die Büffelheerden an dieser Seite der Schlucht nicht, und er war morgens frühzeitig auf seinen Posten, um seine Rolle als Büffel zu spielen.
Beim ersten Grauen des Tages bestiegen die Delawaren nun ihre besten Pferde und ritten, von Leopard auf seinem Schimmel und Carl auf dem Falben geführt, nach der Anhöhe, welche der Häuptling am Abend zuvor besucht hatte. Es war noch nicht ganz Tag, als sie dort anlangten und die ganze Ebene bis nach der, viele Meilen entfernten Schlucht mit Büffelheerden bedeckt fanden. Viele dieser Thiere hatten sich noch nicht erhoben und ruhten sorglos in dem frischen jungen Gras. Der Häuptling sandte seine Krieger nun zur Rechten und zur Linken ab, um in einem weiten Halbzirkel die Heerden zu umstellen. Er selbst blieb mit Carl auf dem Hügel halten, und sie folgten mit den Blicken den davonreitenden Jägern, von denen von Zeit zu Zeit einer stehen blieb, um die Treiblinie zu bilden. Bald aber verschwanden die Weiterziehenden in der Ferne, und ihre Richtung wurde nur durch heraneilende Büffelheerden bezeichnet, welche, durch sie aufgeschreckt, vor ihnen flohen. Die Heerden auf der Ebene nach der Schlucht hin zeigten aber keine Unruhe, und die neu herzukommenden begannen gleichfalls zwischen ihnen zu weiden. Als es heller Tag geworden war, sagte der Häuptling zu Carl: »Sieh jetzt einmal durch Dein Glas nach der Schlucht hin, ob Du vor derselben einen einzelnen Büffel gewahren kannst, das würde unser Mann mit dem Gestell auf dem Kopfe sein. Er wird sich dort in der Gegend aufhalten, und erst, wenn die Büffel, von uns gejagt, angestürmt kommen, der Schlucht zufliehen, damit die Heerden ihm folgen.«
Carl sah lange Zeit nach den bezeichneten Bäumen hin, die sich am Horizont erhoben, konnte aber keinen einzelnen Büffel in deren Nähe erkennen. Der Häuptling hatte währenddem, mit der Hand über den Augen, gleichfalls unverwandt hingeblickt, und sagte plötzlich: »Ich glaube, ich sehe ihn, dort ist wenigstens ein schwarzer Punkt, und ich meine, derselbe habe sich den Bäumen etwas genähert. Gieb mir Dein Glas.«
Er nahm nun das Fernrohr aus Carls Hand, und hatte nur kurze Zeit hindurchgesehen, als er sagte: »Freilich ist es unser Mann, er steht gerade in der Mitte vor der Schlucht. Jetzt wirst Du ihn auch erkennen können, suche ihn rechts von den Bäumen.«
Carl nahm nun das Fernglas, und hatte kaum hindurchgeblickt, als auch er den nachgeahmten Büffel erkannte, der sich jenseits der Heerden vor der Schlucht aufgestellt hatte.
Von links und rechts kamen immer noch Büffel angezogen, und der Häuptling spähte nach den beiden äußersten Enden des Halbzirkels, in welchem seine Leute von beiden Seiten heranreiten sollten. Bald erschienen denn auch die letzten derselben wie dunkele Punkte in weiter Ferne, sie bewegten sich der Schlucht zu, und man konnte nun den ganzen Bogen, welchen die Delawaren beschrieben, vom Hügel herab übersehen. Plötzlich ließ der Häuptling sein gellendes Jagdgeschrei ertönen, und auf der ganzen Linie zu beiden Seiten wurde es dann auch von den Treibern angestimmt. Zugleich setzten Alle ihre Rosse in Galopp und stürmten der Schlucht entgegen, während die wilden Jagdrufe die sorglosen Büffel auf der ganzen Ebene aufscheuchten und alle vor den heranjagenden Reitern die Flucht ergriffen. In sausender Carriere folgte die ganze Linie der Indianer den fliehenden Heerden, die von beiden Seiten immer näher zusammengedrängt und von hinten im Sturmlauf vorwärts getrieben wurden. Je mehr die Indianer sich der Schlucht näherten, um so enger rückten sie in ihrer Linie zusammen und um so lauter und fürchterlicher ertönte ihr Jagdgeschrei. Nur einzelne Büffel wandten sich gegen die Linie, und wurden von den Kugeln der Indianer begrüßt. Keiner von diesen aber hielt sich um einen verwundeten oder getödteten Büffel auf, alle blieben in der Nähe und folgten den Heerden in wilder tobender Jagd. Auch Carl schoß mehrere Büffel nieder, sprengte aber immer mit dem Häuptling vorwärts, und ließ seinen Jagdruf aus Leibeskräften erschallen.
Während dieser Zeit stand der Indianer mit der Büffelhaut über dem Kopfe einige Tausend Schritte vor der Schlucht auf der Grasflur aufgestellt und schaute nach den aus der Ferne heranstürmenden Büffelheerden. Wie Donner kam es mit ihnen herangezogen, und die Erde begann unter den Füßen des Indianers zu beben. Er ging jetzt hin und her, hielt aber seinen Blick immer auf die vorderste Heerde gerichtet und suchte durch wiederholte Sprünge deren Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie kam auf ihn zu, und nun setzte er sich langsam in Trab, blickte sich aber immer wieder um, damit die wilden Schaaren ihm nicht zu nahe kommen möchten. Er beeilte bald seine Schritte mehr und mehr, und sah zu seiner großen Freude, daß die vorderste Heerde ihm geraden Weges folgte. Jetzt aber setzte er sich in raschen Lauf, denn Rippe an Rippe kamen die entsetzten Thiere in so rasender Flucht herangejagt, daß, wollte er nicht unter ihren Füßen zermalmt werden, er keine Sekunde mehr verlieren durfte. In fliegenden Sprüngen setzte er vor dem ihm folgenden Thiergewoge über die Prairie der Schlucht zu, und erreichte deren steilen Abhang, als nur noch fünfzig Schritte zwischen ihm und den Büffeln lagen. Ein Busch auf dem Abhange bezeichnete ihm die Stelle, wo er sichern Schutz zu finden wußte; denn dort führte ein schmaler Fußsteig, den die Indianer in die Felswand eingehauen hatten, zehn Fuß an derselben hinab und in eine Höhle, die sich dort tief in den Felsen erstreckte. Der Pfad war so schmal, daß ein Mensch ihn nur mit Lebensgefahr betreten konnte, denn neben demselben schoß der Abhang mehrere Hundert Fuß senkrecht hinunter. Der Indianer hatte den Busch über dem Pfad erreicht, warf das Gestell mit der Büffelhaut über den Kopf in den Abgrund hinunter, kletterte auf dem Pfad hinab und saß wenige Augenblicke später sicher geborgen in der Höhle. Die Felswand schien unter der Wucht der heranstürmenden Schaaren zu wanken, das Donnerdröhnen der Tritte hatte den Abhang erreicht, und jetzt sah der Indianer die Riesenthiere brüllend über sich durch die Luft fliegen und vor sich in die Schlucht hinabstürzen. Tausende von Büffeln wurden jetzt von den ihnen folgenden Reitern gegen den Abhang gejagt; zu spät wurden ihre vorderen Reihen denselben gewahr, denn ehe sie sich in ihrem Sturmlauf aufhalten und von der Schlucht sich abwenden konnten, drängten sie die folgenden Massen über den Felsrand hinaus. Nach wenigen Minuten aber hatte das wilde verworrene Thiergewoge Halt gemacht, und Leopard rief seinem jungen Freunde zu:
»Zurück, zurück, folge mir, laß dem Falben die Zügel!« und fort jagten Beide, und links und rechts sämmtliche Delawaren mit ihnen, denn jetzt waren die Büffel die Angreifer und die Jäger die Gejagten. Mit lautem Wuthgebrüll kamen die erzürnten colossalen Thiere gesenkten Kopfes herangebraust, und verfolgten ihre Feinde weit über die Grasflur, bis sie sich überzeugten, daß sie die flüchtigen Pferde nicht einholen konnten. Dann stampften sie, ihnen nachblickend, den Boden, und ließen ihr Siegesgebrüll ertönen.
In weitem Bogen führte der Häuptling nun seine Schaar in Galopp dem Ende der Schlucht zu, wo dieselbe sich in der Prairie erweiterte und abflachte, und dann ritten die Jäger in derselben hinauf, um zu ihrer Beute zu gelangen. Je weiter sie zwischen den beiden Felswänden vordrangen, um so höher erhoben sich dieselben, um so mehr näherten sie sich einander. Schon von Weitem sahen die Jäger die schwarzen Massen der herabgestürzten Büffel in der Schlucht liegen, und bald erkannten sie, daß viele derselben sich noch hin- und herwarfen und aufzustehen versuchten. In einer Länge von fünfhundert Schritten lagen unter der Felswand zwischen drei- und vierhundert Büffel, und hoch über ihnen sah der Indianer aus der Felsspalte hervor und bewillkommnete seine Kameraden bei der reichen Jagdbeute mit lauten Jubelrufen. Die noch lebenden Thiere wurden schnell getödtet, und dann begaben sich die Indianer eilig an die Arbeit, allen Büffeln die Zungen auszuschneiden. Nur wenige wurden ihrer Häute beraubt, alle aber den Geiern und Wölfen zum Schmause überlassen; denn kaum hatten die Jäger die Zungen der Büffel an ihren Sätteln hängen, so ging es ohne Aufenthalt nach dem Lager zurück, um die Beute den Frauen zum Trocknen und Räuchern zu übergeben. Zu so hoher Begeisterung Carl auch in der Aufregung der großartigen Jagd hingerissen wurde, so war ihm doch der Anblick der ungeheuren Zahl von gemordeten Thieren, die ihr Leben nur ihrer Zunge wegen hatten hingeben müssen, abschreckend und widrig gewesen, und er war froh, die Schlucht hinter sich zurückzulassen und seinen Blick an dem freundlichen Bilde zu weiden, welches die saftig grüne Fläche mit ihren tausendfarbigen Blumen ihm bot. Die Frauen hatten im Lager nun schon die nöthigen Gerüste über Kohlenfeuern aufgestellt, um die Zungen darüber zu räuchern und zu trocknen, und mit großem Jubel bewillkommneten sie die glücklichen Jäger und nahmen deren Beute in Empfang. Der Tag verstrich in großer Thätigkeit, und es wurde während desselben an keine weitere Jagd gedacht. Am folgenden Morgen aber forderte der Häuptling Carl auf, einen Gang mit ihm an dem Wasser hinab zu machen, da dessen Ufer immer reich von Wild belebt seien. Carl war schnell bereit, ergriff seine Büchse und verließ mit dem Häuptling das Lager, nachdem dieser seine Leute ersucht hatte, nicht gleichfalls am Flusse hinab zu jagen, sondern lieber die entgegengesetzte Richtung zu wählen. Er ließ dann Carl in den Waldstrich an dem linken Ufer gehen und begab sich selbst durch das seichte Wasser an dessen andere Seite, weil, wie er sagte, dort zu viel Röhricht stehe und Carl sich leicht darin verirren könne. Ehe sie sich trennten, bezeichnete er einen Ort, wo sich die Prairie bis an das Wasser in den Wald hinein erstrecke; dort sollte Carl auf ihn warten. Wohl eine halbe Stunde lang war dieser hin und her in dem ziemlich lichten Gehölz fortgeschritten, ohne irgend ein Wild zu Gesicht zu bekommen, da rauschte es plötzlich neben ihm in dem Röhricht am Wasser, es krachte und brach darin, und eine schwere dunkle Masse stürzte aus dem Dickicht hervor. Carl war hinter einen Baum gesprungen, und erkannte jetzt einen schwer verwundeten riesigen Büffel, der sich wahrscheinlich nach der gestrigen Jagd hierher geflüchtet und das Wasser aufgesucht hatte, um darin seine Wunden zu kühlen. Carl schoß nach ihm, doch da das Thier sich dennoch mühsam fortschleppen wollte, so gab er ihm seine zweite Kugel, welche dasselbe nun völlig tödtete.