Der dritte und vierte Tag verstrich, ohne daß der Vetter Victor selbst, oder nur eine Antwort von ihm erschienen wäre; denn Turner ging Morgens und Abends nach der Post und erkundigte sich nach Briefen. Dies Schweigen war ihm und den Seinigen recht unangenehm, wenn es auch in keiner Weise Besorgniß erregte, denn die unregelmäßige schlechte Postverbindung im Lande seitwärts von den großen Straßen machte es erklärlich. Als aber auch der fünfte Tag verfloß, ohne daß ein Lebenszeichen von dem Vetter eingetroffen war, entschloß sich Turner, selbst zu ihm hinzureisen und ihn zu überraschen.

Der Wirth des Gasthauses, dem Turner den Wohnort seines Vetters bezeichnete, rieth ihm, einen Wagen zu miethen und sich hinfahren zu lassen, wenn die Reise auch zu Schiff in kürzerer Zeit gemacht werden könne. In einem Segelboot sei er mehr von Wind und Wetter abhängig und habe weniger Bequemlichkeit, während die Kosten ziemlich gleich wären. Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch trat Turner die Reise an und nahm Carl Scharnhorst mit sich, um nicht ganz allein zu fahren und weil er selbst weniger gut englisch sprach, als der Knabe, der sich viel bei Daniel darin geübt hatte. Es war ein herrlicher heiterer Morgen, die Sonne verscheuchte bald den Nebel, der sich von der Bay aus weit über das Land gelegt hatte, und freudigen, muthigen, thatkräftigen Herzens begrüßte Turner die waldige Höhe, über welche die rohe Straße führte. Bunte, in goldigem Sonnenschein glänzende Vögel schwirrten durch den frischen grünen Wald, oder sangen ihr Morgenlied auf den himmelhohen Bäumen, graue und schwarze Eichkätzchen huschten über den Weg und jagten sich spielend an den Baumstämmen hinauf, und zu Carls großer Freude schwang sich ein mächtiger weißköpfiger Adler in nicht großer Entfernung von dem vorüberfahrenden Wagen auf eine Eiche. Carl rief dem Kutscher zu, anzuhalten, sprang mit seiner Büchse in der Hand aus dem Wagen, und eilte der Höhe zu, auf welcher die Eiche stand. In diesem Augenblicke erhob über der nahen Bay, auf welche Carl von hier aus einen Blick hatte, ein Fischadler ein lautes Geschrei, schoß, die Flügel an sich drückend, pfeilschnell nach dem Wasserspiegel hinunter, verschwand einen Augenblick unter demselben, und stieg dann mit einem großen Fisch in den Krallen wieder aus der Fluth empor. Kaum aber hatte er sich mit seinem Fang erhoben, als der Adler von der Eiche herabschoß und mit Blitzesschnelle auf ihn Jagd machte. Der Fischadler stieg schreiend gerade gegen den Himmel auf, der weißköpfige aber folgte ihm mit gewaltigem Flügelschlage, bis plötzlich sein fliegender Gegner den Fisch fallen ließ und er denselben noch einholte und ergriff, ehe er das Wasser erreichte. Nun zog der mächtige Vogel mit seiner Beute nach der Eiche zurück, um sie dort zu verzehren. Carl hatte, hinter Baumstämmen verborgen, der Jagd zugesehen und sich nun vorsichtig bis auf Schußweite dem Räuber genähert, der schon emsig beschäftigt war, den Fisch zu verspeisen. Die Büchse knallte und der Adler, von der Kugel in die Brust getroffen, stürzte todt mit dem Fisch auf die Erde herab. Im Triumph trug Carl beide zum Wagen hin, und erzählte nun seinem Onkel in größter Freude den Hergang der Jagd.

»Das ist der Lauf der Welt, Carl; der Mächtigere unterdrückt und beraubt den Schwächern,« sagte Turner lächelnd zu dem Knaben.

»Aber Onkel, ich habe ja nur den Räuber bestraft,« entgegnete Carl halb verlegen.

»Das heißt, weil es Dir überhaupt Spaß machte, den Vogel zu erlegen,« antwortete Turner scherzend. »Du hast ihn übrigens gut getroffen, und Du schießest schon sehr sicher mit der Büchse.«

»Sie ist ja auch ein Geschenk von Dir, lieber guter Onkel, da muß ich ihr doch Ehre machen,« entgegnete Carl, indem er Turners Hand ergriff und sie zärtlich drückte.

Der Weg bot während des ganzen Tages die reizendste Abwechselung: bald führte er durch weite üppige Grasflächen, auf denen prächtiges Vieh in großen Heerden weidete, bald zog er sich durch reiche Mais- und Tabacksfelder und an lieblichen Pflanzerwohnungen vorüber, bald wurde er von hohem Urwald überschattet, der sich wie ein Laubgewölbe über ihm schloß und nur hier und dort einzelnen Sonnenstrahlen gestattete, den mit riesigen Kräutern bedeckten Boden zu erreichen, und bald wieder streckte er sich über kahle Höhen, von wo man auf die grüne Fluth der Bay hinabschaute, auf welcher sich unzählige große und kleine Schiffe unter ihren weißen Segeln wiegten. Je näher Turner dem Ziele seiner Reise kam, um so stärker wurde das Verlangen nach dem Augenblick, wo er dem Vetter in die Arme eilen würde, und wieder und wieder fragte er den Kutscher, wie lange er noch zu fahren habe. Endlich, als die Sonne sich schon neigte, deutete der Fuhrmann nach einem seitwärts von der Straße an dem Ufer der Bay gelegenen Gehöft, und bezeichnete dasselbe als die ersehnte Farm. Kaum eine Viertelstunde war nöthig, dieselbe zu erreichen, und mit hochschlagendem Herzen sprang Turner aus dem Wagen und eilte durch den kleinen verwahrlosten Garten dem Hause zu. Seine Blicke schweiften nach allen Richtungen vor sich, um den Vetter zu erspähen, als ein Mann in Hemdsärmeln aus der Hausthür unter die Veranda trat und die Ankommenden verwundert betrachtete. Turner näherte sich ihm, begrüßte ihn freundlich, und fragte ihn in gebrochenem Englisch, ob Herr Victor Turner hier wohne, und ob er zu Hause sei.

»Herr Victor Turner ist todt, er ist vor zwei Monaten am Fieber gestorben; ich habe seiner Wittwe diese Farm abgekauft, und sie ist, so viel ich weiß, über New-York nach Deutschland zurückgekehrt,« antwortete der Fremde mit gleichgültigem Tone, und setzte dann noch hinzu: »Wollen Sie nicht näher treten, Herr?«

Turner stand, wie vom Blitz getroffen, und starrte den Fremden an, als forsche er, ob er wohl recht gehört habe.

»Mein Vetter todt?« rief er dann plötzlich, die Hände zusammenschlagend, aus, »es ist wohl nicht möglich!«