»Aber wahr, er ist todt und begraben, dort unter jenem Ahorn liegt er, wohin er vor seinem Ende noch bestimmte, beerdigt zu werden,« erwiederte der Fremde, nahm die Schöpfkelle aus dem Eimer mit Trinkwasser neben der Thür, und reichte sie Turner mit den Worten hin: »Wollen Sie nicht einen frischen Trunk zu sich nehmen, Herr?«
Turner, ohne Antwort zu geben, sank von Schreck und Schmerz überwältigt, auf eine Bank nieder, bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen, während sich Carl weinend an ihn schmiegte und den Arm um seinen Nacken schlang. Nach einigen Minuten jedoch sammelte sich Turner wieder, und fragte den jetzigen Herrn der Farm, ob ein Wirthshaus in der Nähe sei, wo er die Nacht zubringen könne.
»Trinkhäuser giebt es viele an der Straße, aber keine Wirthshäuser; das nächste ist zehn Meilen von hier entfernt. Wollen Sie jedoch bei mir bleiben, so sind Sie willkommen. Sie müssen vorlieb nehmen, ich habe noch keine Frau,« sagte der Farmer, und rief dann dem Kutscher zu, er solle die Pferde ausspannen und nach dem Stalle bringen.
Turner nahm nothgedrungen das Anerbieten an, verbrachte aber eine schreckliche Nacht unter dem Dache, unter welchem er Rath, Hülfe und Liebe für sich und die Seinigen zu finden gehofft hatte. Jetzt stand er allein, verlassen und ohne alle Freunde auf dieser fremden Erde; wo und wie sollte er nun eine Heimath suchen und finden? Trostlos trat er am folgenden Morgen seine Rückreise nach Baltimore an, und näherte sich bei Sonnenuntergang der Stadt mit einer tiefen Wehmuth im Herzen, denn er sollte nun auch den Seinigen die glückliche sorgenlose Ruhe nehmen und ihnen die Schreckenskunde überbringen.
»Großer Gott, Max, allein?« sagte Madame Turner zu ihm, als er aus dem Wagen stieg und sie den Ernst auf seinen Zügen las.
Turner schlang liebevoll seinen Arm um die Gattin und führte sie schweigend nach ihrem Zimmer. Dort theilte er ihr nun die schwere Trauerbotschaft mit, unter der auch sie im ersten Augenblick erlag. Sie wurde bleich, sie bebte und warf sich weinend an ihres Gatten Brust, doch bald ermannte sie sich wieder in dem Gedanken an den Allmächtigen, der ihnen immer so gnädig in der Noth beigestanden und sie noch kürzlich auf der See vom nahen Untergange gerettet hatte. Beide sprachen einander Trost ein, Beide sahen unbedingt und unerschütterlich nur ihr Bestes in Allem, was Gott über sie verfüge, und sie beschlossen, vorsichtig, aber ohne Zagen den Weg zu verfolgen, den sie für das Wohl der Kinder eingeschlagen hatten. Turner wollte sich nicht im Ankauf einer Farm übereilen, er wollte sich mit Ruhe nach einer solchen umsehen, und namentlich bei der Wahl derselben darauf bedacht sein, daß sie in einer gesunden Gegend läge. Sein Hauswirth sprach ihm auch Muth ein, derselbe war fast mit allen Farmern, die unweit der Bay wohnten, bekannt, da dieselben gewöhnlich zu Schiff ihre Producte nach der Stadt führten und dann bei ihm abstiegen. Turner besaß noch ungefähr sieben tausend Dollar baares Geld, und der Wirth hatte ihm schon von vielen hübschen, sehr einträglichen Farmen erzählt, die mit allem Zubehör für weniger angekauft waren. Bis zum Herbst hatte er ja Zeit, sich umzusehen, und da er sehr billig wohnte, so machte ihm der verzögerte Aufenthalt im Gasthause auch keine Sorgen. Schon nach wenigen Tagen stiegen mehrere Farmer aus dem Lande in dem Gasthause ab; der Wirth machte Turner mit ihnen bekannt, und sie luden ihn freundlich ein, mit ihnen nach Hause zu segeln, da sie ihm in ihrer Gegend verschiedene Pflanzungen zeigen könnten, die käuflich wären. Turner nahm den Vorschlag an, blieb über eine Woche von der Stadt entfernt, und kehrte sehr befriedigt zurück, wenn er sich auch noch nicht zum Kauf entschlossen, sondern vorher noch andere Ländereien in Augenschein nehmen wollte. Er machte dann mehrere kleine Reisen zu gleichem Zweck landeinwärts, weil ihm gesagt wurde, daß dort weniger Fieber herrschten, als an den Ufern der Bay, und seine Zufriedenheit mit dem Lande wuchs von Tag zu Tag. Kapitain Bosse, der mit Einnehmen einer neuen Ladung nach Europa beschäftigt war, suchte Turners häufig in den Abendstunden auf, und freute sich stets, wenn er hörte, daß es ihnen in ihrer neuen Heimath gefalle.
Eines Morgens saß Turner mit dem Wirthe auf der Bank vor der Thür des Gasthauses und unterhielt sich mit ihm über die Vorzüge und Nachtheile einer Farm, die ihm ganz in der Nähe der Stadt angeboten war. Wohl über eine Stunde hatten sie hier geplaudert und kaum bemerkt, daß die Straße mehr, als gewöhnlich, von Fußgängern belebt war, die dem obern Theile der Stadt zueilten. Jetzt aber kam ein Trupp junger Männer bei ihnen vorüber, von denen einer dem Wirth zurief, daß eine Bank ihre Zahlungen eingestellt habe und mit Ungestüm von dem Volke bedrängt werde. Turner, der es nicht deutlich verstanden hatte, ließ sich die Aussage durch den Wirth erklären, und hörte nun zu seinem furchtbaren Entsetzen, daß es gerade die Bank sei, in welcher er sein Geld stehen habe. Mit bebenden Lippen theilte er dies nun dem Wirthe mit, und beschwor ihn, sich seiner anzunehmen und ihm behülflich zu sein, um sein Eigenthum zu retten. Der Wirth war sogleich bereit ihn zu begleiten; sie bestiegen ohne Aufenthalt einen Wagen und eilten der Stadt zu. Je weiter sie fuhren, um so belebter fanden sie die Straßen, und bald wurde das Gedränge so groß, daß der Wagen nicht mehr weiter fahren konnte. Turner und der Wirth stiegen aus, und erreichten bald darauf das geschlossene Bankgebäude, vor welchem sich Tausende von Menschen versammelt hatten.
»An wen kann ich mich denn wohl wenden, um wenigstens einen Theil meines baar eingelegten Geldes wieder zu bekommen?« fragte Turner in seinem Schrecken den Wirth.
»Ja, bester Herr, es thut mir leid, es Ihnen sagen zu müssen, aber ich würde Ihnen keinen Dollar für Ihre ganze Forderung geben. Wie ich höre, so hat die Bank ungeheure Summen in Papiergeld ausgegeben, der Präsident derselben und der Cassirer sind mit der Baarschaft durchgegangen, und es wird Niemand einen Cent herausbekommen. Fügen Sie sich in Ihr Schicksal, es ist Nichts daran zu ändern. Hätten Sie mich um meinen Rath gefragt, ich würde Sie davor gewarnt haben, das Geld in dieser Bank stehen zu lassen.«
Mit diesen Trostworten ergriff der Wirth den Arm Turners und zog ihn mit sich fort aus dem Gedränge, um ihn von dem Orte zu entfernen, der ihm beinahe die Hälfte seines Vermögens kostete.