Abschnitt 3.
Der schwarze Freund. – Reise nach dem Westen. – Der Hirsch. – Die Nacht im Freien. – Die Ueberschwemmung. – Die wilden Pferde. – Die Prairie. – An der Frontier. – Der Büffel. – Die wilden Truthähne.
Dieser neue Schlag war zu schwer für Turners, als daß sie sich sobald hätten darüber erheben können. Aller Trost, den ihnen der freundliche Wirth sowohl, als auch Kapitain Bosse einzusprechen suchten, fand kein Gehör bei ihnen, sie gaben sich ihrem Schmerz, ihrem Unglück hin, und sahen mit Verzweiflung auf die Kinder. Mehrere Tage verstrichen, ohne daß sie hätten den mindesten Beschluß fassen, oder auch überhaupt ihre Lage überblicken können. Sie verließen kaum ihre Zimmer, saßen dort mit den Kindern in Kummer und Jammer versunken, und dachten an das schöne Werrathal zurück. Eines Abends, als die Sonne sich neigte und der Abendwind kühlend durch die Thür und die Fenster des Zimmers strich, saß Turner mit seiner Gattin in der düstern Ecke des Gemachs und gab seinem Gram Worte: »Es bleiben uns nicht mehr volle viertausend Dollar übrig, damit kann man hier im Lande keine Farm kaufen, die uns zu ernähren vermöchte. Arbeitskräfte besitzen wir nur in meinen und Carls Händen, und wenn wir auch gern das Unsrige thun wollen, so ist uns die Arbeit, wie sie hier vorkommt, doch noch zu neu und fremd, als daß wir viel zu schaffen im Stande sein werden. Hätten wir das Geld nicht verloren, so könnten wir uns einen Neger miethen, oder auch kaufen; wir würden ihn ja gut und nicht als Sklave behandelt haben. So aber besitzen wir nicht einmal genug Vermögen mehr, um Land, Vieh und Geräthschaften zu kaufen. Ich weiß nicht, was aus uns hier werden soll!«
Bei diesen letzten Worten ließ Turner muthlos die gefalteten Hände zwischen seinen Knieen hinabsinken, und blickte niedergebeugt auf den Fußboden vor sich. Madame Turner weinte und sah gleichfalls schweigend vor sich nieder; vergebens suchte sie nach einem Auswege, nach einem Trostwort.
Carl Scharnhorst, welcher schweren Herzens während dieser Tage dem Schmerz und Gram der geliebten Pflegeeltern gefolgt war, saß ihnen auch jetzt schweigend gegenüber, und sah ihre Trostlosigkeit, ihre Verzweiflung. Plötzlich aber erhob er seinen Kopf, seine Augen glänzten und verriethen, daß ein Hoffnungsgedanke ihn belebe. Er stand schweigend auf, nahm seinen Hut und Stock, und verließ das Zimmer. Mit raschen Schritten eilte er in der düster werdenden Straße hinab nach dem Werfte, wo der Goliath lag, und erstieg wenige Minuten später das Verdeck des Schiffes. Die Matrosen bewillkommneten ihn aufs Freundlichste, denn alle hatten den Knaben liebgewonnen, sie theilten ihm aber mit, daß der Kapitain nach der Stadt gegangen sei. Carl entgegnete ihnen, er komme, um Daniel zu sprechen, von welchem er wünsche, über Verschiedenes Auskunft zu erhalten. Auf den Ruf seines Namens kam der Neger herbeigeeilt, und freute sich herzlich, seinen jungen Freund zu sehen. Carl nahm ihn mit sich auf das obere Verdeck nach dem Boote, wo sie so manchen Abend in traulicher Unterhaltung beisammen gesessen hatten, und bat ihn, an seiner Seite Platz zu nehmen.
»Daniel, ich habe Dich Etwas zu fragen, worauf Du mir offen und ehrlich antworten mußt,« begann Carl, indem er die Hand des Negers ergriff, und ihn mit seinen großen treuen Augen ansah.
»Gern, junger Herr, will ich dies thun, so wie ich Alles gern thun werde, um Ihnen dienen zu können. Sie und die Ihrigen sind so freundlich gegen mich gewesen, wie es ein Amerikaner gegen einen Schwarzen gar nicht sein kann und wie ich es Ihnen niemals in meinem Leben vergessen werde. Was soll ich Ihnen denn beantworten?« entgegnete der Neger mit freundlicher Miene.
»Sage mir, warum fährst Du zur See und verdienst Dein Brod nicht lieber auf dem Lande, wo Du doch nicht immer so großen Gefahren ausgesetzt bist?« fragte Carl.
»Das will ich Ihnen sagen, weil ich im Dienste des Kapitains Bosse eine bessere Behandlung genieße und weniger der Verachtung der Weißen ausgesetzt bin, als in den Vereinigten Staaten. Aber warum wünschen Sie dies zu wissen, junger Herr?« entgegnete Daniel.
»Du hast wohl gehört, Daniel, daß mein Onkel so viel Geld an der Bank verloren hat.«
»Ja wohl, und es hat mir sehr leid gethan.«