»Du bist unser guter Engel, Carl, bist das Werkzeug Gottes, durch welches er uns in der Noth seine Barmherzigkeit, seine Hülfe zukommen läßt,« fiel Madame Turner ein, die bei der unerwarteten frohen Botschaft aufgesprungen und herangetreten war. In ihrer Freude ergriff sie den Kopf des Knaben mit beiden Händen, zog ihn an sich und küßte ihn auf die Stirn.
»Nein, Daniel müssen wir ja dafür danken, er thut es ja, um uns zu helfen,« sagte Carl verschämt und drückte seinen Mund auf die Hand seiner Pflegemutter.
»Und ohne Dich würde er nie darauf gekommen sein, mein Carl,« versetzte Turner, ihm liebevoll die Wange streichelnd. »Hast Du denn wohl daran gedacht, daß der Kapitain, der uns so viel Freundschaft erzeigt hat, ihn nicht gern entbehren wird; wir sind Bosse zu Dank verpflichtet, und würden Unrecht gegen ihn handeln, wenn wir ihm den Neger abtrünnig machten. Empfangenes Gutes soll man nie vergessen, Dankbarkeit ist eins der edelsten Gefühle des menschlichen Herzens.«
»Doch, Onkel, ich habe Daniel darauf aufmerksam gemacht; er erwiederte mir aber, daß er dem Kapitain schon seit längerer Zeit seinen Wunsch mitgetheilt habe, das Seeleben aufzugeben, sobald er auf dem Lande einen guten Herrn finden würde. Der Kapitain will ihm auch dabei nicht hinderlich sein.«
»Nun, dann in Gottes Namen, uns ist die Hülfe Daniels eine Lebensfrage,« sagte Turner wie neu belebt, und setzte sich, nachdem er noch einige Male in der Stube mit raschen Schritten auf und abgegangen war, zu seiner Gattin in das Sopha. Das kleine matte Licht der Lampe, welches bisher mit der trüben, niedergeschlagenen Stimmung der Familie in Einklang gestanden hatte, wurde vergrößert, und mit neuem Muthe und frischem Unternehmungsgeist ward wieder die Zukunft beredet.
Am folgenden Morgen, gleich nach dem Frühstück, traf Turner den Kapitain Bosse in der Gaststube und säumte nicht, ihm sofort den Entschluß Daniels mitzutheilen und ihm zugleich zu versichern, daß er das Anerbieten des Negers ablehnen werde, wenn es mit dem Wunsche des Kapitains nicht übereinkomme. Dieser aber erklärte sich vollkommen damit einverstanden und wünschte Turner von ganzem Herzen Glück, sich einen so braven, treuen Diener erworben zu haben. Als er sich entfernte, versprach er, Daniel Abends nach beendigter Arbeit zu Turner zu schicken, damit er selbst sich weiter mit dem Neger bereden könne. Carl stattete diesem aber noch Vormittags einen Besuch ab, und bei einbrechender Dämmerung ging er abermals nach dem Goliath, um Daniel von dort abzuholen. Als er mit demselben bei Turners im Zimmer erschien und diese dem Neger einen Stuhl reichten, wollte derselbe sich nicht darauf niederlassen, weil es, wie er sagte, gegen den Gebrauch des Landes sei, daß ein farbiger Mensch sich in Gesellschaft von Weißen setze; Turners aber erklärten ihm, daß sie keinen Unterschied zwischen schwarzen und weißen Menschen kennten, und nöthigten ihn, den Stuhl anzunehmen.
Diese Begünstigung that Daniel wohl, denn es war das erste Mal in seinem Leben, daß sie ihm zu Theil ward. Er erklärte sich nun bereit, in Turners Dienste zu treten und treulich bei ihnen in guten und in bösen Zeiten auszuhalten, so lange sie mit ihm zufrieden sein würden. Turners dagegen sprachen sich offen über den großen Nutzen aus, den Daniels Hülfe ihnen gewähren würde, und versicherten ihm, mit ewigem Dank diesen seinen Beistand zu lohnen. Nach gegenseitiger Uebereinkunft begann Turner nun mit dem Neger die zunächst zu thuenden Schritte zur Niederlassung zu bereden. Die Vortheile und Nachtheile der verschiedenen, Daniel bekannten Länder wurden reiflich gegen einander erwogen, so wie auch die Mittel und Kräfte Turners dabei in Anschlag gebracht, und nach stundenlangem Ueberlegen stellte es sich heraus, daß doch die südwestlichen Landstriche Amerika's die überwiegendsten Vorzüge vor allen andern besäßen. Daniel rieth unbedingt dazu, dorthin zu wandern, um sich anzusiedeln, wenn auch Turner sich im Augenblick noch nicht dazu entschließen konnte, die Seinigen den Gefahren auszusetzen, die ihrer dort harren würden. Daniel brachte von nun an einige Stunden an jedem Abend bei Turners zu, und blieb während der Berathung, die dort über die Zukunft gepflogen wurde, immer bei seiner zuerst ausgesprochenen Ansicht, daß der Südwesten Amerika's sich für die Verhältnisse Turners zum Ansiedeln am Besten eigne. Seine genaue Bekanntschaft mit jenen Ländern und seine anschaulichen, überzeugenden Schilderungen von deren Fruchtbarkeit und Weidereichthum trugen endlich den Sieg davon, und Turner entschloß sich, dort seine neue Heimath zu gründen.
Mittlerweile hatte der Goliath seine Ladung vollständig erhalten und wurde zum Absegeln bereit gemacht. Turners begaben sich eines Morgens an Bord, um dem Kapitain, mit nochmaligem Dank für seine viele Freundschaft, Lebewohl zu sagen und ihm zugleich Briefe an Freunde in dem lieben Deutschland zur Beförderung zu übergeben. Es war ein herzlicher, aber trauriger Abschied; ein Gefühl bemeisterte sich Turners, als ob mit dem Scheiden des Kapitains und des Schiffes die letzte Beziehung zwischen ihnen und Europa gelöst werde, und mit thränenschweren Blicken sahen sie die Segel über dem Goliath sich füllen und ihn hinaus in die Bay treiben. Lange noch standen sie am Strande und blickten ihm nach, bis er in der blauen Ferne verschwand; es war, als wollten sie dem Kapitain noch einen Dank nachwinken dafür, daß er in Daniel ihnen einen Trost, eine Stütze zurückgelassen habe.
Der Neger trat nun in seine Stellung bei Turners ein, und zwar als Diener und als hülfreicher Freund zugleich. Die Vorbereitungen zu der weiten Reise nach dem Westen wurden jetzt mit allem Eifer begonnen. Ein großer Frachtwagen wurde gekauft und dazu eingerichtet, um ihn sowohl mit Pferden als auch mit Ochsen bespannen zu können, und noch ein zweites sehr leichtes Fuhrwerk ward angeschafft, welches zur Bequemlichkeit der Madame Turner und der Kinder dienen sollte. Werkzeuge und Ackergeräthschaften aller Art, so wie diejenigen nöthigen Gegenstände für den Haushalt, welche nicht von Deutschland mitgebracht waren, wurden erstanden, und Alles zur Beförderung mit der Eisenbahn gut verpackt. Namentlich aber vergaß man die erforderlichen Waffen nicht. Es wurden drei Paar Revolver gekauft, und noch zwei Doppelbüchsen, welche genau dieselben kleinen Kugeln schossen, wie die Revolver; denn Daniel nannte es einen wesentlichen Vortheil, kleine Kugeln zu benutzen, weil man dadurch so viel weniger Gewicht an Blei und auch an Pulver zu tragen habe.
Der August war erschienen, als Turners ihre sämmtlichen Habseligkeiten auf die Eisenbahn geschafft hatten, und selbst mit den Kindern und Daniel den nach Cincinnati abgehenden Zug bestiegen. Mit beklommenem Herzen nahmen sie von Baltimore Abschied; die Hoffnung, die sie hierher geleitet hatte, war unter großen Opfern vereitelt worden, abermals waren sie auf langer Reise, um sich eine Heimath zu suchen – sollten sie diesmal glücklicher sein – sollte der heiße, sehnlichste Wunsch ihres Herzens, den Kindern eine sichere, sorgenlose Zukunft zu gründen, diesmal in Erfüllung gehen? Fort brauste der Eisenbahnzug, die Thürme und Monumente Baltimore's entschwanden den Blicken der Reisenden, wildromantische Felsen, waldbedeckte Höhen stiegen zu beiden Seiten der im Sturmlauf Vorübereilenden auf, aus reichen, mit Wiesen und Feldern geschmückten weiten Thälern sahen liebliche einzelne Farmen und kleine Städtchen hervor, und Turners richteten ihre Blicke mit neuem zuversichtlichen Vertrauen auf den Beistand des Allmächtigen abermals nach Westen. Cincinnati wurde glücklich erreicht, und hier begaben sich Turners nach kurzer Rast mit ihren Effecten an Bord eines Dampfers, der sie in wenigen Tagen auf den Fluthen des Ohioflusses und des Mississippi nach Memphis führte. Von dieser großen bedeutenden Handelsstadt aus mußte nun die Reise zu Lande fortgesetzt werden. Die Wagen wurden aufgestellt, für den größeren wurden drei Paar mächtige Zugochsen, für den kleineren aber zwei kräftige Rosse gekauft, und außer drei Reitpferden, welche für Turner, Carl und Daniel bestimmt waren, noch ein Wagenpferd angeschafft, welches für den Nothfall, daß Einem oder dem Andern Etwas zustoßen würde, dienen sollte. Nach Verlauf von einigen Wochen war Alles zur Abreise bereit, frühzeitig am Morgen wurde die Ueberfahrt über den Mississippi glücklich ausgeführt, und Daniel, der vorzüglich mit Ochsen zu fahren verstand, trieb von seinem Pferde herab mit der langen Peitsche die sechs mächtigen Stiere vor dem schwer bepackten Wagen an. Ihm folgte das leichte, von zwei stattlichen Schimmeln gezogene offene Fuhrwerk, in welchem Madame Turner mit ihren Kindern saß und selbst die Pferde lenkte. Den Zug beschloß Herr Turner zu Roß, während Carl Scharnhorst denselben anführte, indem er, von Pluto gefolgt, auf einem edeln Falben in einiger Entfernung vor Daniel auf der rohen Straße hinritt. Sein Pferd war ein vollkommen für die Jagd abgerichtetes Thier, es stand unbeweglich beim Schießen, ließ Wild aller Art auf seinen Rücken packen, und entlief niemals seinem Herrn, wenn er es sich selbst überließ. Dabei war es ein schönes, kräftiges Thier von gelblicher Farbe mit schwarzer Mähne und schwarzem Schweif, und besaß neben einer außerordentlichen Schnelligkeit eine große Ausdauer. Mit Verlangen hatte Carl während der Reise von Baltimore bis Memphis diesen Augenblick herbeigewünscht, wo er, mit der Büchse bewaffnet, zu Roß die Urwälder des Westens durchziehen würde, und freudig begrüßte er das heimliche Dunkel unter dem schattigen Laubdach der Riesenbäume, die ihre ungeheuren Aeste hoch über ihm zu einer Kuppel verschlangen. Wie ein hochgewölbter Säulengang, von den Stämmen colossaler Eichen, Cypressen und Platanen getragen, wand sich die Straße durch den undurchdringlich dichten Wald, und Carl sandte in der Hoffnung, einem Stück Wild zu begegnen, seinen spähenden Blick voraus durch die hohen Pflanzen, die von beiden Seiten in den wenig befahrenen Weg hingen. In seinem Eifer trieb er sein Pferd zu raschen Schritten an, so daß bald das Knarren und Aechzen des schwer beladenen Wagens sein Ohr nicht mehr erreichte. Todtenstille herrschte rundum, kein Luftzug bewegte das Laub oder die leichten, mit bunten Blüthen besetzten Ranken der Schlingpflanzen, die von den höchsten Aesten bis über den Weg herabhingen, und eine schwüle, drückend heiße Luft füllte den Wald. Plötzlich sah Carl an der entfernten Biegung der Straße einen goldrothen Fleck aus dem frischen Grün hervorglänzen, jetzt bewegte sich derselbe, es mußte ein Hirsch sein! Im Augenblick war Carl aus dem Sattel gesprungen, ließ das Pferd zurück, und schlich schnell, aber vorsichtig von Busch zu Busch, von Baum zu Baum, bis nur etwa hundert Schritt zwischen ihm und dem Thiere lagen. Dasselbe stand aber, mit dem Kopf an der Erde, hinter hohen Pflanzen, so daß Carl nur wenig von dessen Körper erkennen konnte. Näher durfte er nicht gehen, wollte er nicht von ihm bemerkt werden; er stand hinter dem letzten Busch, der in den Weg hineinhing, und in den Wald hineinzuschreiten, war hier wegen des Rankengeflechts unmöglich. Carls Herz schlug so laut, daß es ihm vorkam, als müsse das Thier es hören, es machte ihm das Athmen schwer, er bebte vor Eifer am ganzen Körper; da hob der Hirsch den Kopf empor und schlug, indem er hinter dem Busche heraustrat, mit dem mächtigen Geweih nach den Fliegen. Im Augenblick riß Carl die Büchse an die Schulter, der Schuß krachte und der Weg war in Pulverdampf gehüllt. Carl sprang durch den Rauch vorwärts und spähte nach dem Platz, wo der Hirsch gestanden hatte, doch konnte er Nichts mehr von diesem erblicken, und als er selbst den Fleck erreichte, suchte er vergebens nach einer Schweißspur. Es war der erste Hirsch, den er jemals im Freien gesehen hatte, und untröstlich schaute er mit der Ueberzeugung um sich, daß er ihn gefehlt habe. Während er nun seine Büchse wieder zu laden begann, war Pluto in das Dickicht gelaufen und ließ plötzlich seine Stimme in flüchtiger Jagd ertönen. Carl rannte in gleicher Richtung auf dem Wege hin, war aber nur einige Augenblicke gelaufen, als der Hund verstummte, der Hirsch dagegen gellende Klagetöne ausstieß. Carl stellte die Büchse an einen Baum, zog das Jagdmesser und sprang dem Schreien nach in den Wald hinein. Wiederholt mußte er sich mit dem Messer durch die Ranken den Weg bahnen, bis er wirklich den Hirsch vor sich sah, den Pluto niedergerissen hatte. Die Freude Carls überstieg alle Grenzen, er gab dem Thiere den Todesstich, zog es dann mit großer Anstrengung und Mühe bis auf den Weg und eilte nun zu seinem Pferde zurück, welches noch auf demselben Platze, wo er es verlassen hatte, ruhig graste. Nachdem er die Ladung seiner Büchse wieder vollendet hatte, führte er sein Roß zu dem Hirsche, und ergötzte sich an dem Anblick des erlegten Wildes, bis er plötzlich das Knarren des Wagens hörte. Schnell schwang er sich in den Sattel und eilte davon, damit die Seinigen durch die Jagdbeute überrascht werden sollten. Bald darauf kamen die Ochsen im langsamen Schritt heran und die Vordersten stutzten vor dem mitten im Wege liegenden, todten Thiere, ehe Daniel dasselbe gewahrte. Der Neger jubelte laut auf, sprang vom Pferde und zog den Hirsch bis hinter den Wagen, damit Madame Turner und die Kinder ihn sehen sollten, und Turner war gleichfalls abgestiegen, um ihn zu betrachten und Daniel behülflich zu sein, ihn auf den Wagen zu heben.