Die durchnäßten Gegenstände waren an dem großen Feuer getrocknet, die Reitpferde wurden an den Wagen befestigt und Turner legte sich in dem Zelte zur Ruhe, während Carl und Daniel ihr Nachtlager wieder vor dem Feuer herrichteten.

Kaum graute der Tag, als Alle, vom süßen Schlaf gestärkt, sich erhoben und Vorbereitungen zur Weiterreise machten. Die Reitpferde wurden abermals ins Gras gebunden und das Feuer zur Bereitung des Frühstücks frisch angefacht. Die Stiere, so wie die drei Wagenpferde, hatten sich während der Nacht ziemlich weit von dem Lager entfernt und standen weidend dort im hohen Grase. Die Sonne stieg prächtig und heiter über dem waldigen Osten auf und goß ihr belebendes Licht über die endlose Grasflur, auf der hier und dort einzelne Rudel von Hirschen zu erkennen waren. Turners saßen beim Frühstück, ließen aber ihre Blicke dabei wiederholt über die Prairie schweifen, da jeder Punkt auf derselben ihre Neugierde anzog.

»Was kommt dort hinter der Waldspitze hervor?« fragte Carl plötzlich, indem er seitwärts nach der waldigen Niederung zeigte, wo dieselbe sich an die Prairie lehnte.

»Schnell, schnell, das sind wilde Pferde, schnell auf die Gäule, damit wir sie von unseren Wagenpferden abhalten, sonst sind diese für uns verloren!« rief Daniel erschrocken aus und sprang mit einem Zaum in der Hand nach einem der Reitpferde, während Turner und Carl hastig seinem Beispiel folgten. Im Augenblick waren den drei Thieren die Zäume übergeworfen, Turner, Daniel und Carl schwangen sich auf deren nackte Rücken, und in Carriere sausten sie über die Prairie, den wilden Rossen entgegen. Diese waren aber schon zu nah herangekommen, als daß die Reiter sie noch hätten von den Wagenpferden zurückhalten können, welche, als ob sie nach der Freiheit ihrer wilden Kameraden verlangten, denselben trotz der Fesseln in schwerfälligen, doch flüchtigen Sprüngen entgegeneilten. Ehe noch die Reiter sie erreichten, waren sie in dem wirren Haufen der wilden Schaar verschwunden, die, über zweihundert Köpfe stark, jetzt in gedrängten Massen vor den Reitern über das wogende Gras dahinstürmte.

»Vorwärts, nur frisch dazwischen, wenn die Fesseln an den Füßen unserer Pferde halten, so können sie uns nicht entgehen!« rief Daniel und trieb sein Roß zu möglichster Eile an; doch Carl sauste an ihm vorüber, sein Falber war das schnellste der Thiere und er war der Erste, der sich den fliehenden Pferden nahte. Die Erde dröhnte unter den Hufen der wilden Rosse, hoch wehten die langen Mähnen und Schweife, ihre rothen weitausgespannten schnaubenden Nüstern glühten wie Feuer und ihre großen Augen blitzten mit Entsetzen nach Carl hin, der jetzt ihre letzten Reihen erreichte. Es schien, daß die Thiere bisher noch ihren Lauf gemäßigt hatten, um die gefesselten Kameraden zu schützen und sie mit sich fort zu nehmen; als aber der Falbe mit Carl auf seinem Rücken ihnen zu nahe kam, da brachen sie in wilder fliegender Flucht los und ließen die noch mit letzter Anstrengung ihnen folgenden Wagenpferde zurück. Nur ein mächtiger goldbrauner Hengst wandte sich noch einmal um, schoß in hohen Bogensätzen dicht an Carl vorüber und umkreiste wiehernd die gefesselten Brüder, als wolle er sie nochmals zur Flucht anfeuern; dann aber schoß er wie ein Pfeil davon, seiner fliehenden Heerde nach. Die Wagenpferde blieben ermattet stehen, doch Carl jagte an ihnen vorüber, die Lust der wilden Jagd war zu groß, als daß er sie schon hätte aufgeben können, er drückte beide Sporen fest in die Seiten des flüchtigen Falben und in fliegendem Sturm ging es nun über die Prairie, den davonsausenden Rossen nach. Näher und näher rückte er der geängsteten Schaar, deren kräftigste Thiere die letzten waren, wie es schien, um die jüngeren vorwärts zu treiben, und der goldbraune Hengst blieb noch weiter zurück, als wolle er den schrecklichen Reiter von ihnen abhalten. Jetzt aber wurden zwei Füllen hinter der verworrenen Masse sichtbar, ein schwarzes und ein weißes, ihre Schnelligkeit nahm ab, sie ermatteten mehr und mehr, umsonst umschwärmte sie der goldbraune Hengst, sie konnten nicht weiter und fielen gänzlich erschöpft in das Gras nieder. Carl hatte sie erreicht und hielt, laut jubelnd, seinen Falben an, da gewahrte er zu seiner Freude Daniel, der in voller Carriere herangejagt kam. Beide waren von ihren Pferden gesprungen, hoben die ermatteten hübschen Füllen auf die Füße und schmeichelten und liebkosten sie, doch es dauerte lange, ehe dieselben sich erholten und wieder zu Athem kamen.

»Wenn wir nur einen Strick hätten, Daniel, damit wir sie binden und mit uns nehmen könnten, sie sind zu lieb und hübsch, und welch prächtige Pferde müssen sie werden!«

»Wir gebrauchen keines Strickes, junger Herr,« antwortete Daniel lachend und beglückt über die Freude, die Carl empfand, »lassen Sie die Thiere nur erst ganz zu Kräften kommen, dann folgen sie geduldig unsern Pferden; wir werden wenig Mühe mit ihnen haben, denn sie sind schon stark genug, um sich selbst ernähren zu können.«

So wie Daniel es vorhergesagt hatte, so geschah es auch. Als die Füllen wieder zu Kräften gekommen waren, bestiegen die Reiter ihre Pferde, und die kleinen Verwaisten folgten denselben, als ob es ihre Mütter wären. Der Jubel war groß, als Carl und Daniel mit den beiden Pferdchen im Lager anlangten, Madame Turner und die Kinder waren außer sich vor Freude, sie liebkosten die schönen Thiere und Carl machte seinen Brüdern, Arnold und Wilhelm ein Geschenk mit dem Rappen, den kleinen Schimmel aber schenkte er seiner Schwester Julie. Turner hatte die Wagenpferde auch glücklich wieder zum Lager zurückgetrieben, und so war aus dem Schrecken eine große Freude hervorgegangen. Nun wurde sich schnell zur Abfahrt gerüstet, und als der Zug sich in Bewegung setzte, folgten die beiden Füllen dem dritten Wagenpferde, welches zu diesem Zwecke hinter das Fuhrwerk der Madame Turner angebunden war.

Das schöne herrliche Land der Prairieen lag jetzt vor den Reisenden ausgebreitet, bald schwanden die letzten blauen Umrisse der Wälder von Arkansas, und wie auf einem wogenden, mit Blumen übersäeten grünen Meere zogen die Wanderer über die reichen, wellenförmig auf- und niedersteigenden Grasfluren hin. Sie hatten das Indianergebiet westlich von Arkansas betreten, und erreichten am zweiten Abend das Fort Towson, in dessen Nähe sie übernachteten. Der Befehlshaber der Dragonerabtheilung, welche hier auf Station lag, um die Grenzansiedelungen der Weißen gegen die Gewaltthätigkeiten der Indianer zu schützen, bezeigte sich sehr freundlich gegen Turners und besuchte sie noch vor ihrer Weiterfahrt am folgenden Morgen in ihrem Lager. An diesem Tage gelangten sie bei dem neuen Grenzstädtchen Franklin an, wo sie den rothen Fluß überschritten, um sich aus dem Lande zu entfernen, welches von der Regierung der Vereinigten Staaten den verschiedenen Indianerstämmen, die sie aus den östlichen Staaten vertrieben hatte, als Eigenthum angewiesen war. Nun lagerten Turners auf der nördlichen Grenze von Texas. Von hier aus ward der Weg nur durch undeutliche Wagenspuren bezeichnet und das Gefühl, der vollständigen Wildniß näher zu kommen, drängte sich den Reisenden mehr und mehr auf. Nur selten trafen sie noch ein einsames Blockhaus an, bis sie nach Verlauf von einer Woche endlich das letzte Grenzstädtchen Preston am rothen Flusse erreichten. Man nannte es Stadt, wenn es auch nur aus wenigen Holzhäusern bestand, die unter einzelnen Baumgruppen versteckt lagen und durch sandige Fußpfade mit einander verbunden waren. Mehrere Kaufleute, die alle für die Grenzansiedler nöthigen Bedürfnisse feil hielten, ein Schneider, ein Schmied, ein Schuhmacher, ein Arzt und ein Advocat nebst mehreren Farmern und zweien Schenkwirthen bildeten die Einwohnerschaft. Die Trachten dieser Leute bekundeten, daß sie an der äußersten Grenze der Civilisation wohnten, denn dieselben bestanden zum großen Theil in Lederanzügen, und die langen Messer, die Pistolen und die Büchsen, welche sie mit sich führten, deuteten die Nähe der Wildniß an.

Daniel war mit diesem Lande genau bekannt, da er sich oft mit den Indianern Monate lang hier aufgehalten hatte; bei seinem letzten Besuche in dieser Gegend stand jedoch auf Tagereisen weit noch kein einziges Haus. Turner erkundigte sich darum bei einem der Kaufleute, von welchem er mehrere unbedeutende Gegenstände erstand, wie weit westlich sich die Ansiedelungen von hier aus noch erstreckten, und erfuhr, daß zehn Meilen von hier an dem Choctawbache sich die letzten Niederlassungen befänden. Auf die Frage, ob man dort Kühe, Schweine und Federvieh kaufen könne, wurde ihm gesagt, daß er dies Alles im Ueberfluß dort finden und die Leute sehr erfreuen würde, wenn er sich in ihrer Nähe niederlassen wolle. Nachdem Turner dem Kaufmann das Versprechen gegeben hatte, von ihm gelegentlich seine Bedürfnisse zu beziehen, setzte er die Reise noch eine Meile weiter fort, bis zu einem Bache, wo er das Lager für die Nacht aufschlug. Am folgenden Tage langten die Wanderer gegen Abend an dem Choctawbache an, zu dessen beiden Seiten sich einige Meilen breit prächtiger hoher Urwald hinzog. Der Weg durch denselben war durch Fällen der Bäume geöffnet und führte Turners über den klaren rauschenden Bach bis an den äußeren Waldsaum, wo im schattigen Dunkel der Riesenbäume eine Ansiedelung versteckt lag. Von den Häusern derselben sahen nur die Dächer über eine hohe Pallisadenwand hervor, welche aus aufrechtstehenden, neben einander in die Erde gegrabenen Baumstämmen bestand und sämmtliche Gebäude umgab. Auf der offenen Prairie, welche sich an den Waldsaum anlehnte, grasten in Schußweite vor den Pallisaden viele Pferde, die dort mit langen ledernen Stricken an Pfählen angebunden waren, und weiter auf der Grasflur weideten mehrere hundert Stück Rindvieh.