Bei Annäherung Turners kamen ihnen viele Hunde bellend entgegen gerannt, und gleich darauf erschienen mehrere Männer vor der hölzernen Mauer und sahen verwundert nach den Kommenden hin. Es war der Eigenthümer der Niederlassung, Herr Warwick, mit seinen drei erwachsenen Söhnen und mehreren jungen Amerikanern, die bei ihm wohnten, weil sie unentgeltlich bei ihm lebten, nicht zu arbeiten brauchten, und sich mit der Jagd und Fischerei belustigten. Herrn Warwick war der Aufenthalt dieser Leute in seinem Hause sehr erwünscht, da die Lebensmittel für dieselben nichts kosteten, und sie ihm und den Seinigen eine Sicherheit mehr gegen die Angriffe der Indianer gewährten. Warwick war der erste Ansiedler in dieser Gegend gewesen und hatte manche große Gefahr hier bestanden. Er war ein schon bejahrter, doch noch kräftiger, rüstiger Mann von gutmüthigem freundlichen Wesen. Indem er Turners entgegen kam, bewillkommnete er sie aufs Herzlichste und bot ihnen seine Hülfe und Unterstützung nach allen Kräften an. Die Wagen wurden nahe vor die Pallisaden gefahren, die Pferde an Stricken in das Gras gebunden, während die beiden Füllchen lustig um sie hersprangen, und die Stiere ließ Daniel frei gehen, band aber einem derselben eine große Metallglocke um den Hals, damit er immer hören konnte, wo die Thiere weideten. Turners folgten nun der freundlichen Einladung Warwicks und begaben sich in dessen Wohnung, die aus mehreren, innerhalb der hohen Pallisaden nebeneinanderstehenden Blockhäusern bestand. Die Hausfrau, so wie deren Töchter nahmen die Gäste ebenso freundlich auf, wie es Warwick gethan hatte, und führten sie zum Abendessen, welches soeben aufgetragen war. Daniel mußte in der Küche speisen, weil die Amerikaner es nicht dulden, daß sich ein Schwarzer in ihrer Gesellschaft aufhalte. Nach dem Essen aber eilten Alle hinaus vor die Einzäunung und setzten sich unter eine alte Lebenseiche in das Gras nieder, um die erquickende Abendluft zu genießen, die nicht so frisch und frei in die Häuser eindringen konnte. Eine friedliche heimische Ruhe lag auf der Gegend, in dem hohen dunkeln Walde hinter den Wohnungen ließ sich nur noch hier und dort ein Vogel hören, auf der Prairie, an deren duftig blauer Ferne die Sonne versunken war, zogen die Heerden unter klingendem Glockenton der Leitkühe langsam heran, um sich in der Nähe der Ansiedelung zu lagern, und das Tageslicht wich vor dem bleichen Schimmer des Mondes, der schon hoch am Himmel stand. Turners dachten an die schönen Abende auf der Kluse, an den ruhigen, im Mondlicht glänzenden Spiegel der Werra, an die blauen Berge der lieben alten Heimath – wie ganz anders war Alles hier und doch auch, wie schön – nur die feierlichen Töne der Abendglocken hätten sie gerne jetzt gehört – es war ihnen ein wehmüthiger Gedanke, daß dies nie wieder geschehen sollte.
Warwick hatte seinen Söhnen verschiedene Aufträge gegeben und wandte sich jetzt an Turners, wodurch er deren Gedanken von dem Werrathale abzog. Zuerst sprach er sich ausführlich über die großen Vortheile aus, welche diese Länder vor anderen dem Ansiedler boten, er wies namentlich auf das herrliche gesunde Klima hin, dann auf den reichen Boden, auf die immer grünen üppigen Weiden, auf die Menge von Wild, von Fischen und von Bienen, und malte zuletzt die große Zukunft aus, die dieser Gegend in nicht gar langer Zeit bevorstände, eine Zukunft, die wohl werth sei, daß man jetzt Etwas dafür wage. Dann theilte er Turner mit, daß alles Land an diesem Bache bereits Eigenthum der zehn Ansiedler sei, die jetzt daran wohnten, und daß keiner von ihnen, auch er selbst nicht, ein Stück davon verkaufen würde. Fünf Meilen weiter westlich aber, sagte er, befände sich an dem sogenannten Bärfluß das ausgezeichnetste Land, welches sämmtlich noch der Regierung gehöre, und Derjenige, welcher zuerst dort hinzöge, würde die Auswahl haben und könnte sich ganz nach seinem Wunsche und nach seinem Geschmack anbauen. Turner bemerkte ihm, daß aber dieser Erste dort sehr großen Gefahren ausgesetzt sein würde und daß es ihm selbst wohl kaum möglich sei, sich mit seinen wenigen Kräften gegen die Indianer zu behaupten.
»Wir Alle hier am Choctawbache werden Ihnen helfen,« fiel ihm Warwick in die Rede, »denn sehen Sie, es ist ja in unserm eignen Interesse, daß dort Ansiedelungen entstehen, da dieselben für uns Vorposten gegen die Indianer sein werden. Das ist so der Gebrauch an der Frontier, Einer muß immer der Vorderste sein und eine Zeitlang die Widerwärtigkeiten des Grenzlebens ertragen; hab' ich ja doch viele Jahre lang hier allein gewohnt.«
»Sie kamen aber wohl mit mehr Arbeitskräften hierher, als ich, und konnten sich schnell jene Festung bauen?« versetzte Turner.
»Mit keinen andern Kräften, als diese beiden Arme mir boten, bin ich hier angelangt, denn mein ältester Junge war kaum neun Jahr alt. Meine Frau hat mir aber treulich geholfen, sowohl bei der Arbeit als auch beim Fechten; ihre Kugeln haben manchmal zur rechten Zeit getroffen. Uebrigens, lassen Sie es sich nicht bange werden, wir sämmtlich hier am Bache ziehen mit Ihnen hinaus und bauen Ihnen die Häuser nebst den Pallisaden, das ist nicht mehr, als Schuldigkeit,« entgegnete Warwick und ließ sich dann darüber aus, welche Vorsicht der Frontiermann beobachten müsse, um sich gegen die List der Indianer zu sichern. Turner fragte nun, ob Rindvieh, Schweine und Schafe hier in den Niederlassungen zu kaufen seien, worauf Warwick sich erbot, ihn hiemit ganz nach Wunsche zu versorgen, und zwar zu den allerbilligsten Preisen. Federvieh aller Art wollte er ihm unentgeltlich liefern und so auch hinreichend Mais zur Aussaat und zum eigenen Verbrauch für die Zeit, bis er die erste Ernte gemacht habe. Dies sei ein altes Herkommen an der Grenze und die Ansiedler am Choctawbache würden Alles aufbieten, um ihrem ersten Vorposten gegen die Indianer zu helfen.
Daniel hatte sich, wie für die Befehle seiner Herrschaft bereit, in kurzer Entfernung hinter die Gesellschaft in das Gras gelegt und die ganze Unterhaltung mit angehört. Gegen zehn Uhr nahm Warwick seine Gäste mit sich in seine Wohnung, Carl aber dankte für die Einladung und machte sich mit Daniel ein Nachtlager bei den Wagen zurecht, wo sie auch ein Feuer anzündeten. Pluto ruhte wie gewöhnlich neben ihnen, und ganz in ihrer Nähe hatten sich auch die beiden Füllen ins Gras gelegt. Als sie sich auf ihren wollenen Decken ausgestreckt hatten, nahm Daniel das Wort und sagte:
»Ich kenne jenen Bärfluß ganz gut, von welchem Herr Warwick sprach, das Land in seiner Nähe ist besser und die Weiden sind viel reicher als hier, denn dort giebt es nur das reine Mosquitogras; nirgends in diesem Lande fanden wir damals so viel Wild, als gerade dort an jenem Flusse. Ich werde mit Herrn Turner morgen früh darüber sprechen, er soll nur dort hinziehen und sich seine Häuser bauen lassen, mit den Indianern wollen wir schon fertig werden; ich bin ja selbst Indianer genug, um mich nicht von ihnen überlisten zu lassen. Da giebt es aber Jagden, junger Herr; ich habe dort manches Mal sicher sechs- bis achttausend Büffel mit einem Blick übersehen. Und wilde Pferde giebt es dort, so schön, wie nirgend anderswo.«
»Das soll aber ein Spaß werden, Daniel, wie wollen wir Beide uns die besten Pferde herausfangen! Wenn ich nur erst mit dem Lasso umzugehen wüßte.«
»Das werden Sie bald lernen; ich verstehe es aus dem Grunde,« entgegnete der Neger und erzählte nun seinem jungen Freunde von den Jagden und Abenteuern, die er hier in der Gegend bestanden hatte, als er noch unter den Indianern lebte. Bald aber fielen Beiden die Augen zu, sie sanken auf ihre Sättel zurück, und die wonnigsten Träume beglückten ihren erquickenden Schlaf.
Frühzeitig am folgenden Morgen kam Herr Turner zu ihnen, um sich mit Daniel über Warwicks Vorschlag zu bereden und war sehr erfreut, daß der Neger so eifrig für die Annahme desselben stimmte. Er beschloß, dessen Rath zu befolgen, und setzte alsbald Herrn Warwick davon in Kenntniß. Nach dem Frühstück ritt dieser mit Turner, Carl und Daniel auf die Prairie hinaus zu den Heerden, damit Turner das Vieh auswähle, welches er zu kaufen wünsche, und Warwick erbot sich, ihm dasselbe an Ort und Stelle abzuliefern, sobald seine Niederlassung gegründet sein würde. Noch am selbigen Nachmittag, als die Sonne ihre Gewalt verlor, bestiegen sie mit Warwick wieder ihre Pferde, und begaben sich nach dem Bärfluß hinüber, damit Turner sich ein Stück Land dort wählen möge, auf dem er seine Niederlassung begründen wolle. Noch vor Sonnenuntergang langten sie dort an und ritten noch mehrere Meilen weit an dem äußersten Rand des hohen Waldes, der sich zu beiden Seiten des Flusses hinzog. Die Pferde gingen dabei fortwährend bis an die Sättel in dem feinsten, üppigsten Gras, und wohin man blickte, standen Rudel von Hirschen und schauten verwundert nach den Reitern. Carl war außer sich vor Freude über das viele Wild, und nur die Versicherung des Herrn Warwick, daß er noch heute Abend einen Hirsch erlegen solle, hielt ihn ab, während des Reitens vom Pferde zu springen, um sich an einen solchen anzuschleichen. Endlich als die Sonne unterging, hielt Warwick sein Pferd an einem Platze an, wo der Fluß in einem Bogen aus dem Walde hervortrat und sich dicht an die Prairie lehnte. Hier wurde beschlossen, die Nacht zuzubringen, um frühzeitig am folgenden Morgen das Land an dieser Seite des Flusses weiter zu besichtigen, und dann auch das jenseitige in Augenschein zu nehmen. Den Pferden wurde Sattel und Zeug abgenommen, die Vorderfüße wurden ihnen zusammengebunden, und dann ließ man sie gehen, damit sie sich an dem reichen Grase laben konnten. Warwick und Turner zündeten neben einem umgefallenen trockenen Mosquitobaume ein Feuer an, neben welchem sie ihre Satteldecken für das Nachtlager ausbreiteten, Carl aber eilte mit Daniel und Pluto davon, um nun schnell noch eine Jagd zu machen. Sie waren wohl eine Viertelstunde lang an dem Waldsaume hingeschritten, als der Neger Carl rasch beim Arm ergriff und zugleich ins Gras niederkniete. Dann deutete er mit der Hand seitwärts und gab zu verstehen, daß dort Wild stände. Vorsichtig hoben Beide sich wieder empor, und Carl gewahrte nun einen starken Hirsch, der soeben den Kopf in die Höhe richtete, so daß sein mit vielen Enden prangendes Geweih sichtbar wurde. Er stand noch außer Schußweite und die Jäger schlichen sich langsam und vorsichtig näher zu ihm hin, indem sie immer den Augenblick dazu benutzten, wenn der Hirsch den Kopf in das Gras versenkte. Endlich hatten sie ihn bis auf hundert Schritte erreicht, Daniel winkte Carl zu, noch näher zu gehen, doch dieser war seines Schusses gewiß und hob die Büchse an die Schulter, um zu schießen, als der Neger ihn plötzlich wieder beim Arm niederzog und und mit blitzenden Augen nach der andern Seite hinzeigte. Beide hatten sich tief ins Gras niedergebeugt und Daniel flüsterte seinem Gefährten zu, daß ein Trupp Büffel vom Walde her auf sie zukäme. Carl stockte vor freudiger Ueberraschung der Athem und sein Herz pochte hörbar.