»Die Wälder in diesen Gegenden bergen keine stehenden Gewässer, keine Sümpfe, wie die in jenem Lande, und darum giebt es keine so bösartigen Fieber hier, als dort,« antwortete Turner, »wir können dem gütigen Gott nicht genug danken, daß er uns hierher leitete. Sieh, Carl, was wir oft im Leben als das größte Unglück betrachten, was wir gar nicht glauben ertragen zu können, was uns wohl verzweifeln lassen will: nach einiger Zeit finden wir aus, daß es gerade zu unserem Besten gewesen, daß ein großes Glück für uns daraus entstanden ist. Hätten wir meinen Vetter Victor bei unserer Ankunft in Amerika noch am Leben getroffen, so würden wir uns sicher bei ihm niedergelassen haben, und vielleicht hätte Viele von uns dort dasselbe Schicksal erreicht, welches ihm ein so frühes Ende bereitete. Ohne daß wir das Geld in der Bank verloren hätten, würden wir niemals unsern treuen lieben Freund Daniel bekommen haben, und ohne ihn wären diese gesunden herrlichen Länder uns vielleicht nie bekannt geworden. Darum, Carl, was Dir auch im Leben begegnen mag, sei es noch so hart und niederschlagend, gieb niemals die Ueberzeugung auf, daß Gott es zu Deinem Besten lenken wird.«

Der Anblick des Bärflusses, den die Reiter jetzt erreichten, unterbrach Turner in seiner Rede, und mit der größten Ueberraschung blickte er und Carl auf die pfeilschnell dahineilende Fluth, die so klar und so durchsichtig war, daß man in der tiefsten Tiefe jeden Stein, jeden Fisch, jede Schildkröte auf dem Grunde erkennen konnte, und daß man, wenn keine Bewegung in dem Wasser gewesen wäre, jedenfalls darüber in Zweifel gekommen sein würde, ob überhaupt Wasser in dem Flußbette sich befinde, oder nicht. Die Bewunderung, die man dem herrlichen Gewässer zollte, wurde aber plötzlich auf etwas Anderes gelenkt, was die Aufmerksamkeit aller vier Reiter in Anspruch nahm. Pluto nämlich stöberte in diesem Augenblicke einige hundert wilde Truthähne von dem Ufer des Flusses aus den Büschen auf, so daß das donnerähnliche Prasseln ihrer Flügel die Pferde erschreckte. Wie Raketen stiegen sie gerade in die Höhe und schwangen sich nach allen Seiten hin auf die höchsten Aeste der umstehenden himmelhohen Bäume. Schnell gaben die Reiter die Zügel ihrer Pferde an Daniel, und eilten mit ihren Büchsen in verschiedenen Richtungen durch das Dickicht, um sich solchen Bäumen zu nähern, auf denen diese riesigen Vögel standen. Carl folgte dabei dem Gebell Pluto's, der auf einer kleinen Blöße im Kreise um eine ungeheure Cypresse sprang und, an ihr hinaufsehend, seine Stimme ertönen ließ. Auf den gewaltigen Aesten, die der Riesenbaum weit über den Fluß hinausstreckte, standen wohl einige zwanzig Truthähne und schauten, ihre langen Hälse niederbeugend, nach dem bellenden Hunde. Carl hatte den Baum bald erreicht, richtete seine Büchse nach der luftigen Höhe, und mit dem Krach des Schusses stürzte ein mächtiger Hahn von dem Aste herab und fiel schwirrend und flatternd in den Fluß hinein. Carl sprang schnell an das Ufer, um Pluto hinter dem Vogel herzusenden. Dieser trieb auf der Fluth, indem er dieselbe mit den Flügeln peitschte, und der Hund, der ihn jetzt gewahrte, sprang von dem hohen Ufer hinab, um ihn für seinen Herrn an das Land zu holen. Die Strömung nahm sie Beide rasch mit sich fort, Pluto kam dem Hahn aber bald näher, und hatte ihn in einer Biegung des Flusses bis auf wenige Schritte erreicht, als ein großer Alligator plötzlich unter dem Ufer hervorschoß, vor dem Hunde auf der Oberfläche des Wassers erschien und seinen furchtbaren Rachen nach dem Vogel öffnete.

Carl, der auf dem Ufer gefolgt war, hatte kaum das verhaßte Thier erkannt, als er seine Büchse auf dasselbe richtete und ihm eine Kugel in den gepanzerten Rücken schoß. Der Alligator jedoch ließ sich nicht in seinem Raub stören, sondern ergriff den Truthahn mit den grimmigen Zähnen und sank mit ihm in der klaren Fluth am Ufer hinab, bis er unter demselben verschwand. Carl hatte Pluto mit Angst und Schrecken aus dem Flusse zurückgerufen, und schaute verdrießlich nach dem Platze im Wasser, wo der Räuber mit der Beute sich seinen Blicken entzogen hatte, welcher Fleck durch aufsteigenden Schlamm bezeichnet wurde. Da traten Turner und Warwick, ein jeder mit einem geschossenen Hahn beladen, zu dem Knaben, und erfuhren nun von ihm das Mißgeschick, welches ihn betroffen hatte. Dabei blickte derselbe betrübt auf die beiden prächtigen Vögel, welche die Männer erlegt hatten und sagte schließlich:

»Daß ich aber auch solch Unglück haben muß!«

»Sage lieber solch Glück, Carl. Denke Dir nur, wenn der Alligator statt des Vogels Deinen Hund erfaßt und mit sich fortgenommen hätte, wäre das nicht viel schlimmer gewesen? Außerdem muß man nicht täglich und fortwährend nur auf Gelingen seiner Unternehmungen rechnen; hast Du denn schon vergessen, daß Dir das Jagdglück gestern Abend so sehr hold war?« sagte Turner liebevoll zu Carl und strich ihm über die Wangen, worauf dieser des Onkels Hand ergriff und sie küßte, als danke er ihm für seine Zurechtweisung. Sie schritten nun am Ufer hin bis zu Daniel zurück, und bestiegen dort wieder ihre Pferde, während der Neger die beiden erlegten Vögel an seinen Sattel befestigte. Der Büffelpfad war sehr tief in das Ufer eingetreten, so daß er nicht allzusteil nach dem Flusse hinabführte, dessen Grund man in der kristallhellen Fluth ganz deutlich erkennen konnte.

»Halten Sie Ihre Büchsen und Kugeltaschen in die Höhe, damit dieselben nicht naß werden, wenn die Pferde in das Wasser sinken,« sagte Warwick zu seinen Gästen.

»Das wird hier wohl kaum nöthig sein, das Wasser reicht meinem Pferde ja nicht bis an den Sattel,« entgegnete Turner und blickte Warwick verwundert an.

»Irren Sie sich nicht,« sagte dieser, »das Wasser ist hier wenigstens zehn Fuß tief, man läßt sich durch dessen Klarheit sehr leicht täuschen. Ich will voranreiten, damit Sie sehen, wie tief es ist.«

Hiemit lenkte er sein Pferd zu dem Flusse hinab und in denselben hinein, wo es sofort mit dem schweren Manne auf seinem Rücken bis an den Kopf versank. Gleich aber tauchte es wieder bis zur Oberfläche empor, und trug seinen Reiter in wenigen Augenblicken auf das jenseitige Ufer. Turner, der ihm folgte, sank beim Hineinreiten in den Fluß bis unter die Arme in das Wasser, Carl jedoch, dessen Gewicht das Pferd nicht so sehr drückte, wurde kaum bis an den Leib naß. Die Büchsen, Kugeltaschen und Pulverhörner waren aber nach Warwicks Rath vor Nässe bewahrt worden.

»Das war doch tiefer, als ich gedacht hatte,« sagte Turner, auf seine Füße schauend, von denen das Wasser aus seinen Kleidern in Strömen herabfloß. »Ich bin wirklich bis unter die Arme naß geworden.«