»Ei, ei, allen Respect vor Ihrem Schießen, junger Freund!« rief Warwick, der in die Oeffnung des Waldes geritten war, »wo haben Sie das gelernt? So in aller Flucht zwei Kugeln anzubringen, da muß der älteste Frontiermann seinen Hut abnehmen.« Dann wandte er sich nach Turner um und sagte:

»Von solchen Schützen halten sich die Indianer gern entfernt; der Knabe wird Ihnen eine gewaltige Stütze werden.«

»Das ist er mir in der That schon oft gewesen, wofür ich ihm vielen Dank schulde; er ist ein äußerst braver Junge,« erwiederte Turner, indem er nach Carl hinsah, der bei dem weißen Wolf stand und untersuchte, wohin er ihn getroffen hatte. Er warf ihn auf die andere Seite, um zu sehen, ob die Kugel auch durchgeschlagen sei und strich ihm mit der Hand das schöne weiße Haar glatt. Dann rief er dem Neger zu:

»Daniel, sollen wir die Felle nicht mitnehmen?«

»Wenn es Ihnen Freude macht, junger Herr, so will ich sie schnell abstreifen, es sind aber Sommerfelle, an denen das Haar nicht so gut ist, wie im Winter,« entgegnete der Neger.

»Ach, laß sie uns mitnehmen, wir können sie doch wohl benutzen,« sagte Carl, und begann seine Büchse wieder zu laden.

»Gern, gern,« rief Daniel, band schnell seinem Pferde die Vorderfüße zusammen und ließ es mit dem Falben im Grase gehen, und machte dann sich rasch an die Arbeit, um den Wölfen die Häute abzunehmen.

Mit außerordentlicher Geschicklichkeit und Gewandtheit hatte er es bald vollbracht, hing die beiden Felle hinter seinen Sattel über das Pferd, schwang sich auf dessen Rücken und folgte seinen Gefährten in den Wald hinein.

Die Sonne war eben versunken, als die Reiter Warwicks Niederlassung erreichten und dort mit großer Freude empfangen wurden. Die beiden prächtigen Truthähne und die Büffelzunge wurden der Hausfrau übergeben, und die beiden Wolfsfelle prangten während der Nacht ausgespannt bei dem Lagerfeuer, welches Carl und Daniel für sich errichtet hatten. Am folgenden Morgen ritt Warwick zu allen Ansiedlern am Choctawbache und forderte sie auf, dabei behülflich zu sein, für Turner die Häuser am Bärflusse zu erbauen. Zwei Tage später nahm dieser mit den Seinigen von Warwicks Familie Abschied, um das Ende seiner langen Wanderung zurückzulegen, wobei Warwick selbst und noch einige zwanzig Männer vom Choctawbache ihn begleiteten. Obgleich keine Spur von einem Wagen nach dem Bärflusse führte, so gelangten sie doch ohne große Schwierigkeit durch die offene Prairie bis an den Wald, in welchem jenes Wasser floß, hier aber mußte Halt gemacht werden, weil die Wagen nicht auf einem Büffelpfade den Wald durchziehen konnten. An dessen Saume unter einer schattigen Eiche wurde ein Feuer angezündet, bei welchem Madame Turner eine Mahlzeit bereiten wollte, während die Männer sich mit dem Aushauen eines Weges durch den Wald beschäftigten. Carl fehlte zwischen diesen nicht, und schwang seine Axt trotz einem der Männer. Warwick führte den Zug, um dem Wege die Richtung nach einer Stelle am Flusse zu geben, wo das Ufer nicht sehr steil und das Wasser seicht war. Alle größeren Bäume ließ man unberührt stehen, indem man den Weg hin und her zwischen ihnen durchwand, und hieb nur die dünneren Stämme und das Buschwerk dicht an der Erde ab. Beides wurde zur Seite in das Dickicht geworfen. Die Arbeit ging sehr rasch von Statten, weil Warwick für den Weg immer die lichtesten Stellen wählte, da es weniger darauf ankam, denselben so kurz wie möglich zu machen, als ihn mit der wenigsten Mühe herzustellen. Schon nach Verlauf von einigen Stunden war derselbe bis an den Fluß beendet, worauf die Männer zu Madame Turner zurückkehrten, um sich bei der Mittagsmahlzeit von der Arbeit zu erholen. Sie erlaubten sich aber nur eine kurze Rast, dann eilten sie wieder nach dem Flusse, um ihr begonnenes Werk zu vollenden. Das Ufer zu beiden Seiten desselben wurde nun abgetragen, so daß ein Wagen ohne große Schwierigkeit hinab- und hinauffahren konnte, und dann führten die Männer den Weg weiter durch das Holz nach der, westlich von demselben gelegenen Prairie. Die Sonne war noch nicht versunken, als sie die Arbeit vollbracht hatten und zu den Wagen zurückkehrten, die jetzt schnell bespannt und zur Durchfahrt durch den Wald in Bewegung gesetzt wurden. Nur ein guter Fuhrmann, wie es Daniel war, konnte mit dem langen Gespann von drei Paar Ochsen diese Fahrt ausführen, da die Biegungen des Weges zwischen den Bäumen hier oft sehr kurz waren. Es ging aber Alles gut, und noch strahlte das scheidende Tageslicht von dem glühenden Abendhimmel her über die dunkelnde Prairie, als die Wanderer aus dem düstern Walde hervorzogen und ihre künftige Heimath mit jubelnden Herzen begrüßten.

Nicht weit von dem Platze, wo der Weg den Wald verließ, erhob sich der Hügel, welcher für die Ansiedlung ausgewählt war, und dorthin richtete sich jetzt der Zug. Mit einem herzinnigen »Gottlob« stieg Turner vom Pferde und »dem Allmächtigen sei es gedankt,« sagte Madame Turner, als sie ihr Gatte vom Wagen hob und sie, von Hoffnung und Vertrauen für die Zukunft beseelt, an seine Brust drückte. Bald war das Zelt an dem Hügel unweit der Quelle aufgeschlagen, ein Feuer vor demselben angezündet, ein anderes Feuer loderte auf dem Hügel empor, wo die Männer vom Choctawbache sich lagerten, und alle Zug- und Reitthiere weideten mit gebundenen Füßen in dem hohen saftigen Grase, welches den Boden in der Nähe des Lagers bedeckte. Mit freudigem beglückenden Gefühl stellte Madame Turner an diesem Abend die Töpfe, Pfannen und Kannen auf die Kohlengluth; es war ja das erste Mahl, welches sie in der so lang ersehnten neuen Heimath bereitete. Mit einem inbrünstigen Dankgebet zu Gott schlossen Turners erst spät in der Nacht die Augen, während die Männer vom Choctawbache auf dem Hügel um das Feuer herum so sorglos eingeschlafen waren, als ob sie in dem Schooße der Civilisation ruhten. Carl Scharnhorst und Daniel hatten sich ihre Ruhelager bei dem Feuer vor dem Zelte bereitet und zwar Carl auf der weißen Wolfshaut. Die Schläfer lagen so fest und unbeweglich, daß die Feuer nach und nach erloschen und kein Zeichen von Leben mehr im Lager zu erkennen war. Auch die Pferde und die Stiere hatten sich in dem Grase niedergelegt, um sich von des Tages Arbeit zu erholen, und nur das Brausen des Flusses unterbrach die Stille, die auf Wald und Flur lag. Der Mond stand hoch am Himmel und die dichten Ulmen warfen ihre schwarzen Schatten auf die sorglosen Schläfer. Da erwachte Carl, weil er glaubte, Pluto habe geknurrt. Er schlug die Augen auf und überzeugte sich, daß er sich nicht geirrt hatte; denn der Hund saß aufrecht und knurrte jetzt wieder, indem er unbeweglich in der Richtung auf die Pferde hinabblickte, die sich unterhalb des Hügels gelagert hatten. Carl setzte sich auf, und spähete aufmerksam weiter über die Thiere hinaus, da kam es ihm vor, als ob er in einiger Entfernung von denselben einen dunkeln Gegenstand sich langsam durch das Gras bewegen sähe. Bald glaubte er, sich getäuscht zu haben, dann aber wieder meinte er, er hätte es sich deutlich dort bewegen sehen. Er stieß Daniel leise an und weckte ihn, ohne Geräusch zu machen.