Die Gegend gewährte den Reitern während mehrerer Stunden fortwährend denselben Anblick: zu ihrer linken Seite stand der prächtige Urwald, wie eine hohe grüne Mauer, und zu ihrer rechten lag die üppige Prairie, deren Ende mit der duftigen Ferne verschwamm. Vor ihnen aber stieg jetzt über dem äußersten Rand der Grasflur ein Wald auf, der sich wie blaues Gewölk von Westen her nach dem Bärflusse zog und den Warwick als das Gehölz bezeichnete, welches die Ufer eines Baches bedeckte. Dieser Bach wurde der Pflaumenbach genannt, wegen der unglaublich vielen wilden Pflaumen, die auf seinen Ufern wuchsen; er kam mehrere Stunden weit aus der Prairie und ergoß sich in den Bärfluß. Nachmittags erreichten die Reiter das Gehölz, welches den Bach in seinem tiefen Schatten verbarg und welches hier, wo es im rechten Winkel auf den Wald am Bärfluß stieß, mehrere tausend Schritte breit war. Ein Büffelpfad, dem die Jäger schon seit einigen Stunden gefolgt waren, führte gerade in das Holz hinein und auf ihm langten sie sehr bald an dem herrlichen silberklaren Bache an, der nahebei rauschend in den Bärfluß stürzte. Nicht umsonst wurde er Pflaumenbach genannt, denn da, wo die Reiter ihre Pferde in demselben tränkten, waren die Ufer allenthalben mit Pflaumenbäumen bedeckt, die ihre mit herrlichen blauen Früchten beladenen Aeste weit über das Wasser hinausstreckten. Dasselbe war nicht tief, so daß die Reiter unter die herabhangenden Zweige reiten, und sich nach Herzenslust an den Pflaumen laben konnten. Ihre Kleidung war wieder ganz trocken geworden und die Kühlung, welche sie hier in dem dunkeln Schatten des über ihnen geschlossenen Waldes duftig und belebend umwehte, that ihnen nach dem langen Ritt in der brennenden Sonne außerordentlich wohl. Nachdem sie selbst und ihre Pferde sich erfrischt und erholt hatten, folgten sie wieder dem Büffelpfad, der sie an der andern Seite des Holzes abermals in die Prairie führte und sich an dem hohen Walde des Bärflusses hinzog. Hier hielt Warwick sein Pferd an und wandte sich mit den Worten zu Turner: »Sehen Sie, Herr Turner, dies ist das Stück Land, welches ich so gern zu meiner Niederlassung gewählt haben würde und welches ich jetzt Ihrer Beachtung empfehle. Gerade in diesem Winkel, wo der Wald des Baches auf den des Bärflusses stößt, liegt der reichste Boden, der mir auf weit und breit bekannt ist; schauen Sie nur, welch üppiger Graswuchs und welch riesige Pflanzen hier stehen; die Sonnenblumen reichen ja viele Fuß über unsere Köpfe hinaus. Hier in dieser Ecke, dachte ich, sollten Sie Ihr Feld anlegen und dort einige tausend Schritte weiter am Walde hin, wo der Bärfluß sich aus demselben hervorwindet und sich an die Prairie anlehnt, würde ein sehr passender Platz für Ihre Wohnung sein. Lassen Sie uns hinreiten, damit Sie denselben selbst in Augenschein nehmen.«
Hiermit ritt Warwick durch das hohe Gras voran, welches ihm bis an den Sattel hinaufreichte, und bald hielt er mit seinen Gefährten auf dem steilen, dreißig Fuß hohen Ufer, unter welchem die brausende Fluth des Bärflusses wild tobend dahineilte. Der Platz bestand aus einem Hügel, der wohl funfzehn Fuß über der anderen Uferfläche erhaben war und hierdurch einen weiten Blick über die flache Prairie gewährte. Auf der Höhe standen mehrere dichtbelaubte rothe Ulmen, welche den Hügel beschatteten, und an seiner Abdachung nach dem Pflaumenbache hin rieselte ein frischer kühler Quell aus zu Tage liegendem Gestein hervor. Etwas weiter, nur etwa hundert Schritte von dem Hügel, wand sich der Bärfluß wieder in den Wald hinein.
»Sie haben hier alle Vortheile, die Sie wünschen können,« nahm Warwick wieder, zu Turner gewandt, das Wort. »Sie übersehen die ganze Prairie, den Quell hier am Fuß des Hügels können Sie mit in Ihre Einzäunung fassen, diese prächtigen Ulmen geben Ihnen den herrlichsten Schatten, dort unten, wo der Fluß in den Wald einbiegt, haben Sie auf diesem Ufer so viel Holz in Ihrer Nähe, wie Sie nur bedürfen, und von da aus bis an den Pflaumenbach können Sie Ihr Feld in beliebiger Größe anlegen. Außerdem haben Sie hier im Flusse eine Wasserkraft, die hinreicht, irgend ein Mühlwerk zu treiben. Ich für meinen Theil könnte mir keinen passenderen und angenehmeren Platz wünschen.«
»Auch mir sagt er in jeder Weise zu und ich bin Ihnen unendlich dankbar dafür, Herr Warwick, daß Sie mich hierher geführt haben. In Gottes Namen will ich denn hier den Meinigen die neue Heimath gründen und mag er mich dabei gnädig beschützen und mir die Kräfte verleihen, mein Ziel zu erreichen,« entgegnete Turner und hielt Warwick die Hand zum Danke hin.
»Und auf uns am Choctawbache dürfen Sie zu jeder Zeit rechnen, wir werden Ihnen gute Nachbarn sein,« erwiederte Warwick, indem er Turner die Hand schüttelte.
»Es ist eine etwas weitläufige Nachbarschaft,« sagte Turner lächelnd, »und doch wird sie mir ein Trost werden.«
»Seien Sie guten Muthes, Sie werden hier nicht lange allein bleiben; es kommen sicher bald mehr Ansiedler in unsere Gegend, und am Choctawbache nehmen wir sie nicht auf, wir senden sie Alle hierher zu Ihnen!« antwortete Warwick und sagte dann, indem er sein Pferd den Hügel hinab lenkte: »Nun wollen wir aber den ersten Büffelpfad durch den Wald einschlagen, damit wir nicht zu spät nach Hause kommen.«
Er ritt nun mit seinen Gefährten am Ufer hin, bis wo der Fluß aus dem Holze hervorkam, und folgte dann wohl eine halbe Stunde weit dem Waldsaum bis zu einem tief ausgetretenen Büffelpfade, der aus der Prairie in denselben hineinführte. Daniel war der Letzte im Zuge, und wollte eben hinter Carl her in den Wald einlenken, als er diesem zurief:
»Halt, junger Herr, steigen Sie schnell ab, vielleicht können Sie einen Wolf schießen; dort kommt ein ganzes Rudel hinter einem Büffel her. Schnell, schnell!«
Zugleich stieg er vom Pferde, führte dasselbe in den Wald und ergriff den Zügel des Falben, während Carl absprang und hinter dem letzten Baume an die Prairie trat. Ein lautes Wolfsgeheul, welches jetzt zu Carls Ohren drang, lenkte seinen Blick weit über die Prairie, wo er einen Büffel erkannte, der im Sturmlauf herangesaust kam. Derselbe hatte nur noch wenig Vorsprung vor einer Schaar Wölfe, die ihm nachfolgte. Sie kamen schnell näher, das Geheul wurde immer lauter, immer wüthender, und immer größer wurde die Anstrengung des Büffels, den Wald zu erreichen. Er kam in gerader Richtung auf Carl zu, wie es schien, um dem Pfad zu folgen. Seine Flanken waren mit weißem Schaum bedeckt, seine brennendrothe Zunge hing ihm weit aus dem Maule hervor und die Erde dröhnte unter seinen schwerfälligen, doch sehr flüchtigen weiten Sprüngen. Die wüthende Schaar hinter ihm hatte ihn bis auf wenige Schritte erreicht und schwärmte heulend nach beiden Seiten auseinander, um ihm in die Flanken zu fallen. Es waren wohl vierzig von den kleinen Prairiewölfen, doch ihnen voran setzte ein ungeheurer weißer Wolf, der jetzt mit geöffnetem Rachen den Büffel erreichte. In diesem Augenblick blitzte es aus Carls Büchse, der weiße Wolf überschlug sich heulend, der Büffel schreckte zur Seite, dem nahen Dickicht zu, und die Schaar der Wölfe stob nach allen Richtungen hin auseinander. Carl sprang hinter dem Baume hervor, richtete sein Geschoß auf einen fliehenden glänzend schwarzen Wolf, und als das Feuer aus dem Laufe fuhr, rollte derselbe kopfüber in das Gras.