»Laßt uns schnell auf die Gäule springen und ihnen nachjagen!« riefen mehrere der Männer, doch Warwick entgegnete ihnen: »Den Ritt können wir sparen. Die Schurken haben bereits das Dickicht am Pflaumenbach erreicht, dort werden sie ihre Pferde verborgen haben, und wir sollten wohl lange nach ihnen suchen. Sie kommen sobald nicht wieder; einige zwanzig Kugeln sind mehr, als sie lieben.«

Turner schlug vor, die Pferde aus dem Grase zu holen und in der Nähe anzubinden, doch Warwick versicherte ihm, daß es jetzt unnöthig sei, diese Vorsicht zu gebrauchen. Er rieth, sich wieder zur Ruhe zu legen und war der Erste, der sich bei dem frisch angefachten Feuer auf seine Satteldecke ausstreckte.

Die Nacht verging ohne alle Störung und der anbrechende Tag rief die Männer wieder zu der Arbeit. Madame Turner und Julie hatten schnell Kaffee gekocht, Maisbrod gebacken und Speck gebraten, das Frühstück wurde verzehrt, und Warwick führte seine Gefährten an dem Flusse hinunter, dahin, wo derselbe wieder in den Wald einbog. Dort begannen die Männer nun, auf dem diesseitigen Ufer Bäume zu fällen, um aus deren Stämmen die Häuser und Einzäunungen für die Ansiedler aufzuführen. Es wurde auch eine mächtige Cypresse gehauen, und von ihrem Stamme zwei Fuß lange Stücke abgesägt, welche Daniel mit einem Paar Ochsen nach dem Hügel schleifte. Diese Stücke wurden zu dünnen, breiten Brettern gespalten, welche als Schindeln zu den Dächern der Häuser verwandt werden sollten. Sobald die Bäume nun in größerer Zahl fielen, nahm auch Carl ein Paar Stiere, und schleifte die Stämme, so wie Daniel es that, zu dem Hügel hin. Vier Tage lang setzten sie Alle die Arbeiten unermüdet fort, und am fünften hatten sie bereits so viel Holz um den Hügel liegen, als nöthig war, die Ansiedelung zu gründen. Nun ging es an das Aufbauen der Häuser. Es wurden zwei Baumstämme von zwanzig Fuß Länge in gleicher Richtung vierzehn Fuß von einander entfernt auf die Erde gelegt, und dieselben durch zwei sechzehn Fuß lange Stämme mit einander verbunden, welche auf ihre Enden gehoben wurden, so daß sie zusammen ein Viereck bildeten. In dieser Weise wurden nun immer mehr Stämme aufeinandergelegt, bis dadurch die vier Wände eines Blockhauses zwölf Fuß Höhe erreicht hatten. Solche Häuser stellte man drei nebeneinander und zwar zehn Fuß von einander entfernt, und deckte über alle drei ein Schindeldach, so daß auch die beiden Zwischenräume zwischen den Häusern mit dem Dache überdeckt wurden. Nun schnitt man mit der Säge Thüren und Fenster in die Holzwände, schnitt gleichfalls Oeffnungen in dieselben, wo die Kamine angebracht werden sollten, und führte von diesen Schornsteine von Holz, Lehm und Steinen auf. Die Thüren und Fensterladen wurden von gespaltenem Cypressenholz verfertigt und mit Eisenbeschlägen, welche Turner mitgebracht hatte, eingehangen. Als die Häuser nun auf der Höhe des Hügels unter den schattigen Ulmen fertig standen, begannen die Männer an der Aufführung der Pallisadenmauer. Rund um den Hügel wurde ein zwei Fuß tiefer Graben angebracht, so daß er sich mit seinen beiden Enden an den steilen Abhang über dem Flusse anlehnte, und in diesen Graben stellte man die Baumstämme dicht nebeneinander aufrecht hinein und warf ihn um dieselben mit Erde zu. Die in dieser Weise aufgeführte Mauer war vierzehn Fuß hoch, und alle Oeffnungen in derselben zwischen den Stämmen wurden mit Holz ausgefüllt. Der Eingang, den man an der Seite in dieser Einzäunung ließ, wurde mit einem starken Thor versehen, welches man innerhalb mit schweren Ketten verschließen konnte. Außerdem wurde in kurzer Entfernung von dieser hölzernen Festung eine Einzäunung errichtet, in welcher Nachts die Milchkühe und bei Tage deren Kälber eingesperrt werden sollten. Hiermit waren die Arbeiten vollbracht, welche die Männer vom Choctawbache für ihre neuen Nachbarn auszuführen übernommen hatten, und nach vierzehntägigem Aufenthalt bei ihnen nahmen sie nun Abschied und wünschten ihnen alles Glück und allen Segen zu ihrer Unternehmung. Warwick versprach, ganz in der Kürze das von Turner gekaufte Vieh hier abzuliefern, so wie den zugesagten Mais und die Hühner herzuschaffen, und für die Folge recht oft hier vorzusprechen, um zu sehen, wie es ihm und seiner Familie ergehe.

Mit recht traurigen Herzen blickten Turners den Männern nach, und sahen sie auf dem neugeschaffnen Wege in dem Walde verschwinden. Es war ihnen, als ob sie aller menschlichen Gesellschaft Lebewohl gesagt, als wenn sie von der übrigen Welt Abschied genommen hätten. Sie waren allein in einer Wildniß, die nur von wilden Thieren und von feindseligen wilden Menschen bewohnt wurde, und es drängte sich ihnen ein unheimliches Gefühl auf bei dem Gedanken, daß vor ihnen nach Westen hin bis an das stille Weltmeer noch niemals ein weißer Mensch seine Hütte aufgeschlagen hatte. Um so sehnlicher wandten sich ihre Herzen nach den wenigen Niederlassungen am Choctawbache zurück, welche nun noch ihre einzige Stütze, das einzige Band zwischen ihnen und der civilisirten Welt blieben.

Demohngeachtet war Turner weit davon entfernt, zu verzagen; der Gedanke, für das Wohl der Seinigen zu handeln, stählte seinen Willen, und das Gefühl, nun in der Wirklichkeit für sie thätig sein und schaffen zu können, gab ihm Muth und Zuversicht in seine eigene Kraft. Dabei stützte er sich auf die vielseitigen Erfahrungen, auf die Treue und Anhänglichkeit des braven Negers und zugleich auf die Hülfe Carls, den die Vorsehung erwählt zu haben schien, seiner Familie in der Noth als Retter zu erscheinen.

Die erste Grundlage zu der Niederlassung war gelegt, Turners hatten ein Obdach und einen Schutz gegen einen ersten Angriff der Wilden; die eigentliche Arbeit aber, diesen Ort zu einer wirklichen Heimath umzugestalten, sollte jetzt erst beginnen, und mit allen Kräften gingen die Ansiedler an dies schwere Werk. Das Erste, was unternommen wurde, war die Anlage eines Gartens. Dies geschah unmittelbar neben der Festung an dem Ufer des Flusses, so daß das Wasser der Quelle, welche innerhalb der Pallisaden entsprang, durch den Garten nach dem Strome floß. Daniel hatte dort in wenigen Tagen zu diesem Zwecke ein kleines Stück Land mit einer Einzäunung umgeben, und mit Hülfe Turners und Carls dasselbe umgegraben, so wie die feste schwarze Erde, die der Prairie eigen ist, mit Mühe und Sorgfalt bearbeitet. Es wurden sogleich Beete angelegt und dieselben mit Erbsen, Bohnen, Melonen und Kürbissen, mit Kohl und Rüben bestellt, bei welcher Arbeit auch Arnold und Wilhelm fleißig halfen. Als am vierten Tage dieselbe beendigt war und man sich zum Mittagsessen in das Fort begeben wollte, kam Warwick mit einem leichten Wagen angefahren und brachte auf demselben den versprochenen Mais, die Hühner und eine Sau, während zwei seiner Söhne das von Turner gekaufte Vieh herantrieben. Die Freude der Ansiedler war groß, weil das Wiedererscheinen der Nachbarn ihnen das Gefühl gab, daß sie doch nicht so ganz verlassen seien. Die Kälber wurden in die dafür bestimmte Einzäunung gesperrt, während man deren Mütter sich selbst überließ, da man gewiß war, daß diese sich Abends bei ihren Kleinen einfinden würden. Die Hühner befreite man innerhalb der Festung und gab ihnen dort etwas Futter, die Sau wurde gleichfalls dort bewahrt, und für den Mais baute Daniel schnell ein kleines Häuschen aus leichten Stämmen, welches er mit Schindeln bedeckte. Warwick war sehr überrascht, als er in die Wohnung trat; denn in dem einen Zimmer fand er schon Tische und Bänke vor, welche Carl aus leeren Kisten verfertigt hatte, die Oeffnungen zwischen den Balken waren mit Stücken Holz ausgefüllt, und die Wände mit großen Leinentüchern behangen, von denen eine mit einem Spiegel in goldenem Rahmen prangte. An der Wand, der Thür gegenüber, hingen alle Waffen hübsch geordnet, so wie auch Sättel und Zäume, und Alles im Zimmer war sauber und nett, und gab Zeugniß von der Ordnungsliebe und dem Fleiß der Hausfrau.

Die drei Nachbarn mußten sich mit zu Tische setzen und wurden dort bei dem sehr einfachen Mahle aufs Herzlichste willkommen geheißen.

»Ihr Europäer richtet Euch doch, wohin Ihr auch kommen mögt, sofort behaglich und gemüthlich ein, während wir Amerikaner nur den Nutzen im Auge halten, und unsere eigene Bequemlichkeit und Annehmlichkeit darüber vergessen,« sagte Warwick, sich wohlgefällig umschauend, und heftete dann seinen Blick auf die schönen Waffen an der Wand.

»Nun, beim Himmel, damit können Sie ja das Fort gegen eine ganze Armee vertheidigen,« rief er erstaunt aus, »das sind ja nicht weniger als sechszehn Gewehre und außerdem noch viele Revolver und Pistolen – da braucht Ihnen wahrlich nicht bange vor den Indianern zu sein. Als ich zuerst nach dem Choctawbache zog, besaß ich Nichts an Waffen, als eine einfache Büchse und ein Jagdmesser. Demungeachtet rathe ich Ihnen die größte Vorsicht an, denn die Rothhäute sind schlau wie die Wölfe und grausam wie die wildesten Thiere. Nun, Daniel kennt sie ja hinreichend und weiß, wie weit man ihnen trauen darf.«

»An Vorsicht soll es nicht fehlen,« entgegnete Turner, »und wenn die Wilden uns dazu zwingen, auch nicht an tapferer Gegenwehr.«