»Sie thun besser daran, wenn Sie sich nicht erst von ihnen zur Nothwehr zwingen lassen, denn dann möchte es schon zu spät sein. Machen Sie es sich zum Grundsatz, jeden Indianer wie ein Raubthier zu betrachten und ihn zu tödten, wo und wie Sie können, er ist nichts anders, und ist auch nichts anders werth,« sagte Warwick etwas in Eifer, den auch die Röthe verrieth, die sein Gesicht überzog.
»Das wäre wohl nicht ganz recht,« entgegnete Turner, »es sind doch Menschen, die uns nur darum feindlich entgegentreten, weil wir Weißen uns in den Besitz von Land drängen, welches sie als ihr Eigenthum betrachten. So sehr übel kann ich es ihnen nicht nehmen, wenn sie sich nicht geduldig davon verjagen lassen.«
»Es sind Menschen,« sagte Warwick, »freilich, das ist nicht abzuleugnen; es sind aber wilde Menschen, die so wie die wilden Thiere, nur für die Wildniß bestimmt sind, und die ihr Recht auf das Land da verlieren, wo die Cultur erscheint. Die Erde ist doch sicher nicht dazu geschaffen, damit sie immer eine Wildniß bleiben sollte. Warum bauen sich denn die Rothhäute nicht auch an und leben ein friedliches gesetzliches Leben? dann würde sie Niemand von ihrem Stück Land vertreiben. Glauben Sie mir, der erste Schuß ist immer der beste; ich habe es stets so gehalten, und nur dadurch habe ich mich am Choctawbache behaupten können.«
Die Unterhaltung bewegte sich während des Essens ausschließlich um die Wilden, es war Warwicks Lieblingsthema, und mit einem gewissen Stolze gab er eine Menge feindseliger Zusammentreffen mit den Indianern zum Besten, in denen er Sieger geblieben war.
Daniel hatte sich nicht mit an den Tisch gesetzt, um den freundlichen Nachbarn durch seine Gegenwart nicht einen Anstoß zu geben. Madame Turner aber sandte ihm durch Julie die Speisen und den Kaffee in das andere Haus, wo er eine leere Kiste statt eines Tisches benutzte.
Als die Sonne sich neigte, begaben sich Warwick und seine Söhne unter den Versicherungen treuester Nachbarschaft auf den Heimweg, und Turner eilte zu der Einzäunung, vor welcher die Kühe darauf warteten, daß man sie zu ihren Kälbern einlasse. Erstere wurden durch Madame Turner und Julie gemolken und in die Einzäunung gesperrt, während man die Kälber in das Gras trieb, damit sie noch bis zur Dunkelheit dort weiden konnten; denn während der Nacht wagte man es nicht, sie draußen zu lassen. Durch die große Menge Milch, welche die Kühe lieferten, war die Haushaltung sehr bereichert worden, und Madame Turner wußte sie in gar vieler verschiedener Weise zu verwenden.
Die nächste Arbeit, welche man in Angriff nahm, war, ein Kanoe zu verfertigen, wozu ein ungeheurer Pappelbaum gefällt wurde.
Ein zwölf Fuß langes Stück seines Stammes wurde auf der obern Seite platt gehauen und etwas ausgehöhlt, wonach Daniel ein Feuer darauf anzündete und dasselbe in fortwährender Kohlengluth erhielt. In dieser Weise brannte er den Stamm hohl, so daß er, nachdem dies geschehen, nur wenig mit dem Beil und dem Stemmeisen nachzuhelfen brauchte. Dann hieb er den Stamm äußerlich in die Form eines Schiffes, brachte ein Paar Bänke in demselben an, und bald schwamm es zu aller Freude leicht und beweglich auf der klaren Fluth des Bärflusses.
Auf einer Stelle in nicht großer Entfernung vom Fuße des Hügels flachte sich das Ufer nach dem Wasser hin ab, so daß man dort die Pferde tränken konnte, und hier wurde das Kanoe mit einer Kette an einem Baum befestigt. Während Daniel das Boot anfertigte, schuf Carl ein anderes Werk von ebenso großem Nutzen; er baute nämlich ein Mühlenrad, und brachte dessen Welle auf einem kleinen Floß an, welches er auf dem Flusse zusammengefügt hatte, so daß die starke Strömung das Rad drehen mußte. Die Welle setzte er mit einer großen eisernen Maismühle, die Turner vorsichtigerweise früher angekauft hatte, in Verbindung, welche durch dieselbe in Bewegung gesetzt wurde und die viel mehr Maismehl lieferte, als die Ansiedler gebrauchten. Es wurde ihnen hierdurch die sehr beschwerliche Arbeit erspart, selbst täglich den Mais für den Brodbedarf zu mahlen. Nach Beendigung dieser Arbeit begann Carl einen Pflug zu bauen, wozu alles Eisenwerk fertig mitgebracht war. Turner und Daniel dagegen widmeten sich einer schweren Aufgabe, indem sie ein Stück des Waldes am diesseitigen Ufer zu einem Felde umschufen. Der Waldboden ist leicht zu bearbeiten und trägt gleich im ersten Jahre die reichste Maisernte, während ein Feld, in der Prairie angelegt, erst im dritten Jahre zum vollen Ertrag kömmt. Diese Erde ist zu fest und hart, als daß man sie gleich im ersten Jahre hinreichend lockern könnte. Die größeren Bäume des Waldes blieben stehen, wurden aber rundum einige Zoll breit von der Rinde entblößt, welches sie bis zum kommenden Frühjahr tödten mußte. Die kleineren Stämme und die Büsche wurden abgehauen und dicht um die großen Bäume aufgehäuft, um sie dort zu verbrennen, sobald sie trocken sein würden. Dann zäunte man das Feld ein, und da um diese Zeit der Pflug durch Carl hergestellt war, so wurde dasselbe zum ersten Male umgebrochen, um es während der Winterzeit so liegen zu lassen und im Frühjahr zu besäen. Neben diesen Hauptarbeiten führten die Ansiedler noch unzählige kleinere aus, die theils durch die Nothwendigkeit bedingt wurden, theils aber zur größern Bequemlichkeit verhelfen, oder auch nur Vergnügen bereiten sollten. So spannte zum Beispiel Daniel ein starkes Seil über den Fluß und befestigte es auf beiden Ufern an schwanke Bäume. An dieses Seil band er nun viele kurze, mit starken Angelhaken versehene Fischleinen, so daß dieselben in den Strom hinabhingen, und befestigte auch eine Metallschelle daran, die verkünden sollte, wenn sich ein Fisch gefangen habe und an dem Seile zuckte. Zu irgend einer Zeit, wenn Madame Turner nun Fische zu haben wünschte, wurden die Angelhaken mit Fleisch versehen, und es dauerte dann auch nie lange, bis die Glocke ertönte und man in dem Kanoe hinfuhr, um den gefangenen Fisch aus dem Strome zu ziehen. Der Reichthum dieses Wassers war unglaublich, es lebte von Fischen, deren viele ein Gewicht von dreißig Pfund erreichten, und es gewährte dem Auge einen überraschenden reizenden Anblick, dieselben in dem krystallklaren Elemente im Sonnenlichte in allen Farben schillern zu sehen. Auch die köstlichen Schildkröten, die dies Wasser zu Tausenden beherbergte, gelangten oft zu einem Gewicht von dreißig Pfund.
Wenn Carl nun während des ganzen Tages unermüdlich arbeitete und jede Gelegenheit mit Liebe und Lust erfaßte, um sich nützlich zu machen, so gehörte doch stets der frühe Morgen und der späte Abend ihm, und wurde von ihm verwandt, um seiner Liebhaberei, der Jagd, zu folgen. Daniel war dabei immer, wenn es dessen Zeit erlaubte, sein treuer Begleiter, und bald ward der Wald, bald die Prairie von ihnen zusammen durchstreift. Bei diesen Ausflügen gestattete Daniel seinem jungen Freunde stets den ersten Schuß nach dem Wild, und half nur noch mit einer Kugel nach, wenn Carl dasselbe nicht gleich tödtlich getroffen, oder gar ganz gefehlt hatte. Der Neger war ein außerordentlich guter Schütz und seine Schnelligkeit im Gebrauch der Büchse hielt mit der seines Falkenauges gleichen Schritt. Oftmals wurde Carl dadurch so überrascht, daß er laut seine Verwunderung darüber aussprach, welches Daniel dann immer mit Lachen beantwortete und sagte, das sei noch eine Erinnerung aus seinem Indianerleben. Eines Abends, nachdem sie des Tages Arbeit beendet hatten, ritten sie vor Sonnenuntergang in die Prairie hinaus, um dort wo möglich noch einen Hirsch zu erlegen. Wie aber das alte Sprichwort sagt, »es ist alle Tage Jagdtag, aber nicht alle Tage Fangtag,« so kann man oft in dem besten Jagdrevier sich abmühen, ohne Beute zu machen. So ging es den beiden Jägern heute, und sie lenkten halb verdrießlich ihre Pferde zurück nach der äußersten Spitze des Waldes am Pflaumenbach, welche sich eine Stunde weit hinaus in die Prairie erstreckte und durch einige himmelhohe Pappeln und Cypressen auf viele Meilen weit zu erkennen war.