Die Dämmerung zog schon über die Gegend, als sie diese Waldspitze erreichten und längs derselben hinritten, um nach Hause zurückzukehren. Hier standen die Bäume sehr einzeln, so daß man weit durch den Wald blicken konnte, dessen Boden hier nur mit niedrigem Grase bedeckt war und nur hier und dort einzelne Büsche trug. Daniel erzählte während des Reitens seinem jungen Gefährten von früheren Jagden und dieser hörte ihm aufmerksam zu, ließ aber demungeachtet seinen Blick dabei seitwärts durch den Wald schweifen. Plötzlich hielt er sein Pferd an und sagte leise zu Daniel:

»Was ist das dort unter der Eiche, siehst Du den schwarzen Punkt nicht?«

»Ein Bär, wahrhaftig; er hat uns noch nicht gesehen, schnell, springen Sie ab und schleichen Sie sich an ihn, der Wind ist günstig.«

Im Augenblick war Carl von seinem Pferde und sprang, tief gebückt, von Baum zu Baum durch den Wald. Der Bär suchte Eicheln und stand mit dem Kopf von Carl abgewandt.

Dieser kam ihm schnell näher und hatte ihn bis auf hundert Schritte erreicht, als er auf ein trockenes Reis trat, dessen Brechen und Knacken ihn selbst erschreckte. Er warf sich nieder, aber in demselben Augenblick setzte sich der Bär auf seinem Hintertheil auf, und blickte sich nach Carl um. Dieser hatte jedoch seine Büchse schon auf ihn gerichtet und gab Feuer. Der Bär rannte davon und Carl schoß auch den zweiten Lauf nach ihm ab, ohne ihn jedoch in seiner Flucht aufzuhalten.

In diesem Augenblicke sauste Daniel zu Pferde an ihm vorüber und unter den Bäumen hin dem dichten Walde zu, um dem fliehenden Bären den Weg dorthin abzuschneiden, und Carls Falber stürmte ihm mit fliegenden Steigbügeln nach. Vergebens rief Carl dem Pferde zu, es folgte zügellos dem Kameraden, und bald war die wilde Jagd in der Richtung nach der Spitze des Waldes vor seinen Augen verschwunden, da der Bär sich vor dem heranjagenden Neger und dem losen Roß abgewandt hatte. Carl lauschte der Jagd, deren Richtung ihm durch den gellenden Ruf Daniels bezeichnet wurde, und begann seine Büchse wieder zu laden, während er mißmuthig schon in Gedanken sah, wie sein Gefährte nun ohne ihn den Bären erlegen würde. Da schallte abermals der wilde Jagdruf Daniels zu seinem Ohr und zwar in nicht so großer Entfernung; Carl blickte auf, und dort kam der Bär in weiten Sätzen unter den Bäumen hergerannt. Er kam geraden Wegs auf Carl zu, dieser hatte soeben die Kugeln in die Läufe gesteckt und den Ladestock hervorgezogen, um sie hinunter zu stoßen; konnte er noch fertig laden, bis das grimmige Thier ihn erreicht hatte? das war die Frage, die sich ihm aufdrang. Mit aller Macht stieß er die eine Kugel in den Lauf hinab, der Bär war nur noch fünfzig Schritte entfernt, jetzt stieß Carl die zweite Kugel hinunter, warf den Ladestock von sich und griff nach den Zündhütchen, da hatte ihn der Bär bis auf zwanzig Schritt erreicht und stieß, den furchtbaren Rachen weit geöffnet, ein dumpfes Wuthgebrüll aus. Carl spannte beide Hähne seiner Büchse, warf dieselbe an die Schulter, und im Knall stürzte der Bär über Kopf nieder. Im nächsten Augenblicke hob er sich wieder hoch auf seine Hinterfüße und, seine Vordertatzen nach dem Schützen ausstreckend, schritt er zähnefletschend auf ihn zu. Carl rührte sich nicht, er sah fest über den Lauf nach dem Kopfe des Bären, gab Feuer und das wüthende ungeheure Thier stürzte todt zu seinen Füßen. In fliegender Carriere kam Daniel herangejagt und stieß einen lauten Freudenschrei aus, als er den Bären niedersinken sah, denn die Gefahr, in der sein junger Freund schwebte, war ihm nicht entgangen; es war ihm aber nicht möglich gewesen, dem Bären geraden Wegs zu folgen, da dieser sich durch eine Reihe hoher Steinblöcke vor ihm geflüchtet hatte, die er zu umreiten genöthigt gewesen war.

»Gratulire, junger Herr, das ist Ihr erster Bär, und ein feister Bursche ist es, er wiegt wenigstens achthundert Pfund,« rief Daniel, indem er vom Pferde sprang und Carl auf die Schulter klopfte, »das haben Sie gut gemacht, es war mir schon bange, Sie möchten den Kopf verlieren und sich auf die Flucht begeben; das Thier würde Sie in wenig Augenblicken eingeholt haben, auch selbst wenn Sie einen Baum erstiegen hätten. Diese schwarzen Bären klettern wie die Katzen, wohingegen die grauen, oder Grisleybären nicht klettern können. Nun aber, schnell nach Hause, wir müssen noch heute Nacht das Thier holen, damit die Wölfe es nicht zerreißen.«

Bei diesen Worten zog Daniel seine Jacke aus und warf sie über die Jagdbeute, und Carl folgte seinem Beispiele. Dann band der Neger Carls weißes Taschentuch an einen Baumzweig, so daß dasselbe über dem todten Thiere hin- und herwehte, und nun bestiegen sie ihre Pferde, nachdem Carl den Sattel auf seinem Falben wieder zurechtgelegt hatte, der ihm während der Jagd unter den Bauch gerutscht war. Nun ging es im Galopp über die Prairie der Niederlassung zu, die sie mit der Dunkelheit erreichten.

Die Nachricht von dem Jagdglück erzeugte große Freude im Fort, denn Warwick hatte Turners viel von dem Nutzen erzählt, den ein Bär um diese Jahreszeit dem Haushalte gewähre. Der Korbwagen, in welchem Madame Turner die Reise gemacht hatte, wurde angespannt, Daniel versah sich reichlich mit Kienspänen, um sie als Fackeln zu gebrauchen, zündete einige davon an, und ritt dem Wagen voraus, auf welchem Carl Platz genommen hatte und die Pferde lenkte. In der Prairie ging die Fahrt leidlich von Statten, obgleich manchmal ein umgefallener Mosquitobaum, oder ein Graben, den Gewitterwasser gerissen hatten, dieselbe für kurze Zeit unterbrach; als es aber in den Wald hineinging, da waren solcher Hindernisse viel mehr, und die alten Baumstümpfe, die nicht mehr hoch aus der Erde hervorsahen, gaben dem Fuhrwerk manchen unerwarteten heftigen Stoß. Daniel war aber zu wohl mit dem Leben in der Wildniß vertraut, als daß er nicht das Erreichen seines Ziels hätte möglich machen sollen, und bald rief er freudig aus: »Dort sehe ich schon Ihr Taschentuch wehen; die Herren Wölfe werden es hoffentlich respektirt haben!«

Der Bär lag denn auch wirklich noch so, wie sie ihn verlassen hatten. Sie fuhren den Wagen dicht an ihn heran, obgleich die Wagenpferde sich Anfangs weigerten, in die Nähe dieses gefürchteten Thieres zu kommen, und dann wurden Anstalten gemacht, um den Bär auf das Fuhrwerk zu befördern. Vermittelst Stricken und Hebebäumen gelang dies den beiden Jägern endlich, wenn auch nur durch die größte Anstrengung, und nun wurde die Rückreise angetreten. Es lag etwas Schauerliches in dieser Fahrt: die Nacht war rabenschwarz, das Fackellicht erhellte mit seinem rothen Scheine nur die nächste Umgebung, der schwarze Rauch des Kienholzes umwölkte den Wagen, auf dem das todte Ungeheuer lag, und nach allen Richtungen hin ertönte das unheimliche, klagende Geheul der Wölfe. Daniel ritt schweigend voran, und ebenso stumm lenkte Carl ihm die Pferde nach, während Beide die Büchsen zum raschen Gebrauch bereit hielten. Endlich aber zeigte sich die Pallisadenwand des Forts in dunkelem Umriß vor dem nächtlichen Himmel, und Turner trat mit einer Fackel in der Hand aus der Festung hervor. Im Triumph zog der Wagen durch das Thor ein, wo Madame Turner und die Kinder auf den Anblick des erlegten Thieres harrten. Der Bär wurde nun von dem Fuhrwerk herabgeworfen und mit einem Ausruf der Ueberraschung begrüßt. Man betrachtete und bewunderte ihn von allen Seiten, und dem Schützen Carl ward allgemeines Lob gespendet.