Jeder Nerv, jede Muskel in Carl war angespannt, sein Blick wollte das tiefste Dunkel durchdringen; da theilten sich die blutrothen Blumen und die goldgelbe schwarz gefleckte Gestalt des Königs dieser Wälder, des Jaguars, schritt lautlos zwischen ihnen hervor. Er stand jetzt still und seine wie Feuer glühenden Augen überspähten die Waldblöße. Carl hatte die Büchse schon an der Schulter, als der erste goldige Schein zwischen den rothen Blüthen sichtbar wurde, und blickte über den Lauf hin auf den buntgefleckten Kopf des Königthiers.
In dem Augenblick, als er seinen Schritt anhielt, preßte Carl die Büchse noch fester gegen die Schulter, heftete ihr Korn noch unbeweglicher auf das Haupt des Feindes und gab Feuer. Der Donner des Gewehrs dröhnte durch den Wald und der Pulverdampf rollte sich in einer dichten Wolke über den offenen Platz, doch Carl hatte im Schuß schon erkannt, daß der Jaguar zusammenbrach.
»Pluto, faß!« schrie er dem Hunde zu und sprang mit der Büchse in der Hand durch die Büsche vor sich; da sah er das Raubthier an der anderen Seite der Blöße in das Dickicht hineinsetzen.
»Faß, Pluto!« rief er abermals dem Hunde nach, der schon die Dickung erreicht hatte und den Jaguar verfolgte. Auch Carl war mit wenigen Sprüngen in den Büschen und stürzte, sich gewaltsam Bahn brechend, vorwärts; da sperrte ein riesiger umgefallener Baumstamm seinen Weg. Zugleich hörte er an dessen anderer Seite die Stimme Pluto's, und erkannte, daß derselbe mit dem grimmigen Raubthier in verzweifeltem wüthenden Kampfe sei. Mit einem Satze war er auf dem Baumstamme, um ihn zu überspringen; die Borke aber zerbrach unter seinen Füßen, und er selbst versank bis an die Brust in dem vollständig zu Pulver vermoderten Stamme. Er sah, wie der Jaguar seinen Hund unter sich liegen hatte, wollte sich aus dem Stamme hervorheben, um dem treuen Thiere zu helfen, da erblickte ihn der furchtbare Feind und wandte sich mit weit geöffnetem Rachen von dem Hunde ab, auf ihn zu. Carl senkte ihm seine Büchse entgegen mit dem Bewußtsein, daß er verloren sein würde, wenn die Kugel fehl ginge. Der Jaguar aber hatte nur einen Sprung vorwärts gethan, als Pluto ihn schon wieder erfaßte und seine Zähne in sein Hintertheil einschlug. Das Raubthier fuhr mit wildem Stoßgebrüll herum, um abermals den Hund zu ergreifen, da feuerte Carl, und die Kugel zerschmetterte den Kopf des wüthenden, gefährlichen Gegners.
In diesem Augenblick riß Daniel das nahe Gestrüpp auseinander und sprang mit gespannter Büchse aus demselben hervor, der Tiger lag todt zu seinen Füßen, und Pluto stand über ihm und ließ, ihn zwischen den Zähnen schüttelnd, seine Wuth an ihm aus.
»Gott sei gelobt!« rief der Neger, von dem getödteten Jaguar nach seinem jungen Freunde überrascht aufblickend, der seine Büchse von sich gelegt hatte und sich nun aus dem Baume hervorzuheben suchte.
»Um des Himmels Willen, wie kommen Sie in den Baum?« rief Daniel aus, indem er Carl zu Hülfe sprang, ihn aus seinem Gefängnisse zu befreien.
»Ich war in eine Falle gerathen, Daniel, und wenn Pluto, der brave treue Hund nicht noch zu rechter Zeit zugefaßt hätte, so würde es mir vielleicht so ergangen sein, wie dem Kalbe. Das Thier sprang wüthend auf mich ein,« entgegnete Carl lachend, und trat frohlockend zu dem Jaguar hin.
»War recht, Pluto, so war es recht, alter treuer Kerl, faß ihn, zaus ihn, das war brav!« rief er, indem er sich über den Hund hinbeugte und seine Arme liebkosend um ihn schlang.
»Freund Pluto hat aber einige tüchtige Feldzeichen davon getragen, sehen Sie, er blutet gewaltig aus der Schulter und auch am Halse; die lange Wunde auf der Schulter ist mit den Krallen gerissen.«