Gastfreundschaft und Freigebigkeit hatten von jeher auf der Kluse geherrscht, und auch die gegenwärtigen Bewohner derselben waren weit und breit dafür bekannt, daß Freunde ihnen jederzeit willkommen waren. Arme Leute fanden dort immer Arbeit, und oftmals gab Turner ihnen Beschäftigung, wenn ihr Dienst ihm auch in keiner Weise einen Vortheil bot, und Kranke und Altersschwache meldeten sich niemals in diesem Hause, ohne Unterstützung, Pflege und Trost zu erhalten. Der Freunde aber, welche von Turners Gastfreundschaft Gebrauch machten, waren unzählige; es verging fast kein Tag, wo nicht einige derselben sich auf der Kluse einfanden, und selten waren die Mittagstafeln, der Kaffeetisch oder die Abendmahlzeit ohne Gäste. Madame Turner machte ihretwegen durchaus keine Aenderungen in den häuslichen Einrichtungen, sie wurden herzlich willkommen geheißen und mußten mit dem vorlieb nehmen, was die Hausordnung mit sich brachte. Alles aber, was man ihnen reichte, wurde freudig gegeben und war gut, ja, man sagte allgemein, besser als irgendwo anders. Der Spaziergang von dem Städtchen nach der Kluse war ein nicht gar weiter, der Weg trocken und eben und die Gegend malerisch schön. Das Gut selbst lag reizend, hatte eine zauberisch liebliche, von fernen blauen Gebirgen begrenzte Aussicht in das Werrathal, und seine Gärten waren wegen ihrem Blumenflor sowohl, als wegen ihres herrlichen Obstes berühmt.
Heute, am zweiten Pfingsttage, wurde nun allerdings der Kaffeetisch, der in der Laube des Gartens gedeckt war, mit größerer Sorgfalt besetzt, als gewöhnlich: das gute Porzellan- und Silbergeschirr war aufgetragen, und ein reichlicher Vorrath von verschiedenen Festkuchen erhob sich auf der Mitte des Tisches. Madame Turner selbst erschien in einem schwarzen seidenen Gewande, trug aber zum Schutze für dasselbe eine blendend weiße Schürze darüber, und Julie, die der Mutter beim Anordnen des Tisches zur Hand ging, war weiß gekleidet, und glich mit dem blaßrothen seidenen Bande, welches sie umgab, den zarten Blüthen, womit der Frühling die Bäume des Gartens geschmückt hatte.
Die Gäste stellten sich bald in großer Zahl ein, sie wurden herzlich und freudig bewillkommnet, es wurde Alles aufgeboten, ihnen den Aufenthalt angenehm zu machen, ihre Erwartungen und Wünsche auf das vollkommenste zu befriedigen, und der allgemeine Frohsinn, die unbegrenzte Heiterkeit, unter welchen der Nachmittag hingebracht wurde, zeigten deutlich, wie sehr das Bestreben Turners sein Ziel erreicht hatte.
Der Tag neigte sich, die Sonne versank, und der Abendstern begann zu funkeln. Es war ein zauberisch schöner milder Abend, die Bewegung der Luft hatte nicht Macht genug, die fallenden schneeigen Blüthen der Bäume mit sich fortzutragen, nur den Duft derselben nahm sie mit sich und mischte ihn mit dem der Wälder, der Wiesen und der Felder. Von allen Seiten des Berggartens her ertönte der schmelzende melodische Gesang der Nachtigallen, als wetteiferten sie, der Familie Turner und deren Gästen ihre schönsten Lieder darzubringen, als forderten sie dieselben auf, näher zu ihren dunkeln Verstecken heranzutreten. Die ganze Gesellschaft erhob sich, um sich in der erfrischenden Abendluft zu ergehen und den höher gelegenen Theil des Gartens zu besuchen, von wo sie die Aussicht auf das Thal noch freier und ungehinderter genießen konnte. Noch hatten sie die Höhe nicht erreicht, als der Mond glänzend am Himmel aufstieg und sein mildes helles Licht über die Erde breitete.
Madame Turner und Julie stahlen sich aber dort von der Gesellschaft hinweg, um ein einfaches Abendbrod für dieselbe zu bereiten, und als nach einer halben Stunde Herr Turner mit den Gästen nach der Laube zurückkehrte, war der Tisch bereits gedeckt. Der Mond stand schon hoch am Himmel, als die Gäste den Heimweg antraten und ihren freundlichen Wirthen einen neuen Beitrag zu dem Glauben hinterließen, daß sie mehr aufrichtige wahre Freunde besäßen, als andere Menschen.
Der folgende Tag war für die Arbeiter noch ein Festtag, Herr Turner war aber seiner Gewohnheit nach schon am frühen Morgen davongeritten, um die Felder und Wiesen in Augenschein zu nehmen. Auch Madame Turner hatte sich, wie an Werktagen, vor Aufgang der Sonne in ihrer Wirthschaft eingefunden, um mit Julie beim Melken, beim Buttern und beim Bereiten des Frühstücks zugegen zu sein. Die Knaben waren, weil sie heute die Schule noch nicht zu besuchen brauchten, frühzeitig nach dem Flusse gegangen und hatten eine tüchtige Tracht Fische gefangen, wozu Carl die Angeln angefertigt hatte. Im Triumph trugen sie die reiche Beute in die Küche, damit Madame Turner die kleineren Fische noch zum Frühstück in der Pfanne backen möge, während die größeren für das Mittagsessen aufgehoben werden sollten. Dann nahm Carl seine beiden Halbbrüder mit sich hinaus, um Herrn Turner entgegen zu gehen, da sie genau den Weg kannten, auf welchem derselbe zurückzukehren pflegte. Pluto natürlich mußte sie begleiten, und jubelnd sausten sie durch das bethaute Gras der nahen Wiese, um an deren anderen Seite den Pfad einzuschlagen, der zwischen den Feldern hinführte. Kaum hatten sie denselben aber erreicht, als Herr Turner schon herangetrabt kam und die junge Gesellschaft nach dem Hause zurückführte.
Bald darauf trat Julie in ihres Vaters Zimmer, um ihn zum Frühstückstisch zu rufen, bei welchem sich die Familie schnell sammelte; denn Alle waren schon seit mehren Stunden thätig gewesen, und erfreuten sich eines gesunden Appetits. Als nach dem üblichen Tischgebet der Teller mit rohem Schinken und das Brod und die Butter herumgereicht wurden, und Julie den Kaffee und die frische Milch darbot, nahm Herr Turner das Wort, und rühmte den Segen, der weit und breit auf den Fluren ausgebreitet läge.
»Alles steht ungewöhnlich gut und im Ueberfluß, und wenn der Himmel uns ferner gnädig ist, so machen wir eine außerordentlich reiche Ernte. Die Kluse ist und bleibt doch eine Goldgrube, und –«
In diesem Augenblick trat das Hausmädchen mit einem Briefe in der Hand in das Zimmer, und meldete, daß ein Bote der adeligen Herrschaft, deren Eigenthum die Kluse war, das Schreiben abgegeben habe.
»Sage ihm, er solle warten, vielleicht bekommt er Antwort mit,« rief Turner dem Mädchen zu, indem er aufstand und den Brief erbrach.