Jetzt war Leopard mit seinem Stamme auf seiner Rückreise nach Norden, nachdem er mehrere Monate lang in diesen südlichen Ländern gejagt hatte, und wollte wieder einige Wochen bei den Seinigen am Kanzasflusse rasten, ehe er nach Norden zur Jagd aufbräche; denn der Frühling sollte ihm voranziehen und dort die Grasfluren mit frischem Grün schmücken. Der Häuptling übergab Carls Roß einer Indianerin, damit sie für dasselbe Sorge trage, und führte ihn selbst zu seinem Zelte, wo er ihn willkommen hieß und ihm seinen Schutz und seine Gastfreundschaft zusicherte. Er sprach, wie alle Delawaren, sehr gut englisch, rief aber nun in seiner Muttersprache die Männer aus dem Lager zusammen, und theilte ihnen mit, in welcher Weise er mit dem fremden Knaben bekannt geworden sei, woher derselbe stamme und daß er beabsichtige, ihn zu seiner Familie an den Bärfluß zurückzubringen. Die Mittheilung über Carls Tüchtigkeit als Jäger erwarb ihm bei den Indianern sofort Ansehen und sie betrachteten mit großer Bewunderung seine Waffen. Sie hatten sich zu ihm gesetzt und ließen seine Büchse von Hand zu Hand gehen, da ein Jeder von ihnen dieselbe in Augenschein nehmen wollte, als plötzlich ein großer Raubvogel über ihnen erschien und seine Kreise in der Luft beschrieb. Leopard sah Carl lächelnd und fragend an, und deutete auf den Vogel über sich, als ob er wünsche, daß sein junger Gast die Mittheilung wahr machen möchte, welche er seinen Leuten über dessen Geschicklichkeit im Schießen gegeben habe. Carl blickte nach dem Vogel hinauf, ergriff rasch die ihm hingereichte Büchse, zielte einen Augenblick nach dem über ihm schwebenden Falken und gab Feuer. Der Raubvogel aber ließ in demselben Augenblick seine Flügel sinken, und fiel unter dem lautesten Jubel und den Freudenrufen der Indianer aus der Luft herunter in das Gras. Der Häuptling schaute mit einem stolzen Blick durch die Versammlung und reichte dann Carl wie zum Danke die Hand, indem er sagte: »Warum mußtest Du auch unter den Weißen geboren werden und nicht unter den Delawaren? Du würdest ein großer Mann unter ihnen geworden sein. Hättest Du keine Freunde am Bärflusse, so sollten die Delawaren Deine besten Freunde werden.«

Nun folgten alle Indianer dem Beispiele ihres Häuptlings, reichten Carl die Hand, und ein Jeder von ihnen sagte dem Knaben, daß er sein Freund sei. Carl war ganz glücklich über die liebevolle Behandlung, die ihm zu Theil ward, und es freute ihn, daß er Daniels Mittheilungen über die Delawaren so treu bestätigt fand. Er wurde nun mit der größten Aufmerksamkeit bewirthet, es wurden ihm in der Asche gebackene Bärentatzen, geröstete Markknochen von Büffeln und gebratene Hirschleber vorgesetzt, und herrlicher klarer Honig dazu gereicht. Nach dem Essen lagerten sich die Indianer um ihn im Schatten der Bäume, und er mußte ihnen von Europa erzählen; denn er hatte dem Häuptling mitgetheilt, daß er nicht in Amerika geboren sei.

Er hatte unzählige Fragen zu beantworten, und Alles, was der Knabe sagte, wurde mit größter Aufmerksamkeit angehört. Abends aber nach dem Essen, als sie vor dem Zelte des Häuptlings beim Feuer lagen, bat Carl diesen, er möge ihm nun auch über die Geschichte seines Volkes Etwas erzählen, da ihn dies eben so sehr interessire, wie ihn Carls Mittheilungen über Europa. Der Häuptling schien sich durch diese Bitte geschmeichelt zu fühlen, setzte sich aufrecht und begann mit ernstem, feierlichen Tone die Größe seines Volkes in jener Zeit zu schildern, als dasselbe die Ufer der Chesapeakebay, des Susquehanna und der großen Landseen im Norden seine Heimath nannte, und sein Reich sich bis an die Küsten des Oceans erstreckte. Mit hinreißender Begeisterung pries er den damaligen unerschöpflichen Reichthum der endlosen Jagdgründe in dem Lande der Delawaren, schilderte die Schönheit der edlen Pferde und der auserlesenen Waffen, welche seine Vorfahren besessen hatten, und nannte mit Verehrung die gefeiertsten Krieger, deren Namen seit Jahrhunderten von Mund zu Mund, von Geschlecht zu Geschlecht in dem Andenken des Volkes fortgelebt hatten. Er sprach von der Macht der Delawaren, von ihrer Wahrheitsliebe, von ihrer Gastfreundschaft, von ihrer Tapferkeit und von den vielen glorreichen Siegen, die sie über ihre Feinde erkämpft hatten. Er redete mehrere Stunden lang, ohne von einem der Umsitzenden unterbrochen zu werden, und ebenso, wie alle übrigen Zuhörer, wurde auch Carl von der feierlichen Mittheilung über die vergangene Größe der Delawaren tief ergriffen. Mit einem Ausdruck der Wehmuth, der Trauer verstummte der Häuptling endlich, und saß eine Zeitlang, schweigend vor sich niedersehend, da, dann ergriff er die Hand Carls und sagte mit einem Blick zu dem sternbedeckten Himmel über sich: »Es ist der Wille des großen Geistes, daß die rothen Kinder den Weißen Platz auf dieser Erde machen sollen!«

Abermals versank er dann in stummes Nachdenken, welches, wie es schien, die übrigen Indianer als einen Wink des Häuptlings betrachteten, sich zu entfernen; denn sie erhoben sich sämmtlich und begaben sich nach ihren verschiedenen Zelten. Als nun der Häuptling noch allein mit Carl beim Feuer saß, wandte er sich zu ihm und sagte: »Du nanntest heute früh einen Neger den Freund Deines Onkels; ich will wünschen, daß Dein Onkel sich nicht von dem Neger bethören läßt; ein Mohr ist niemals ein Freund, ein Mohr redet mit doppelter Zunge, und sein Herz ist so schwarz wie seine Haut.«

»Dann macht unser Freund Daniel eine Ausnahme von der Regel, er ist uns ein wahrer, aufrichtiger und uneigennütziger Freund,« fiel ihm Carl schnell in die Rede, um auch nicht einen Augenblick länger einen so ungerechten Verdacht auf seinem Daniel zu lassen.

»Das läßt er Euch glauben, so lange, bis es ihm einen Vortheil bringt, Euch zu hintergehen,« fuhr der Häuptling fort.

»Nein, nein, Daniel ist und bleibt ewig unverändert unser treuer Freund und will uns niemals verlassen,« fiel Carl wieder ein; denn von dem ehrlichen Daniel sollte Niemand etwas Unrechtes sagen.

»Er wird so lange bei Euch bleiben, bis er anderswo glaubt, einen angenehmeren Aufenthalt zu finden. Auch bei mir lebte ein Neger, er hieß der schwarze Panther, und er war mein bester Jäger, so wie mein bester Krieger. Den schwarzen Panther fürchteten die Indianer von dem Golf von Mexiko bis hinauf zu den Felsengebirgen! Er wurde unter uns geboren, denn sein Vater und seine Mutter waren Sclaven meines Vaters. Ich habe den Knaben zuerst auf ein Pferd gesetzt, ich habe ihm die ersten Waffen in die Hände gegeben und ihn angewiesen, sie zu gebrauchen, und ich war es, der ihm das Kriegsgeschrei der Delawaren lehrte, welches später Keiner von uns Allen mit solcher Gewalt ertönen lassen konnte, wie der schwarze Panther. Er hat an meiner Seite geschlafen, gespeist, gejagt und gekämpft, und wo der Leopard und der schwarze Panther erschienen, da war ihnen der Sieg gewiß. Seine Eltern starben, ihre Gebeine ruhen bei denen meiner Väter, und der schwarze Panther wurde dem Leoparden untreu und verließ ihn, ohne Abschied von ihm zu nehmen. Er floh den Ansiedelungen der Weißen zu, ich folgte ihm, um ihm die Füße zu lähmen und ihn den wilden Thieren als Beute zu überlassen; die Füße des schwarzen Panthers aber waren schneller und leichter, als die des Leoparden, und er entkam unter die Weißen. Ich habe nie wieder von ihm gehört; ein Neger hat kein Herz für einen Freund, er hat nur ein Herz für sich selbst.«

Bei diesen Worten des Häuptlings verstummte Carl, es war ihm, als ob ihm der Athem genommen würde, denn die Worte Daniels fielen ihm ein, die derselbe dem fliehenden Waco-Indianer zugerufen hatte, ehe er ihn niederschoß: »Du hast wohl einmal vom schwarzen Panther gehört!«

Daniel war der schwarze Panther, darüber konnte Carl nicht mehr in Zweifel sein, und mit Angst und Schrecken dachte er daran, daß der Häuptling den Neger im Fort wiedersehen und ihm dann ein Leids zufügen würde. Er bereute es tief, daß er überhaupt von Daniel gesprochen hatte, weil Leopard gewiß nach ihm fragen würde, wenn sie das Fort erreichten; und Carl sann auf Mittel und Wege, ein Zusammentreffen des Indianers mit dem Neger zu verhindern. Der Häuptling unterhielt sich noch eine Zeitlang mit dem Knaben; als er aber dessen Wortkargheit bemerkte, glaubte er, derselbe sei müde und wünsche, sich zur Ruhe niederzulegen.