»Du setzest mich in Erstaunen; bist ja doch nur noch ein Knabe, und Dein Benehmen, so wie Deine Handlungen sind die eines tüchtigen Mannes. Wie heißest Du? mein Name ist Leopard.«
»Ich heiße Carl Scharnhorst, und mein Onkel am Bärfluß heißt Max Turner,« antwortete Carl.
»So komm mit mir in mein Lager, Carl, ich bin mit meinem Stamme auf dem Wege nach dem Bärfluß, und will Dich zu Deinem Onkel zurückbringen. Am Choctawbache habe ich viele Freunde, die ich in jedem Frühjahre besuche. Wo hast Du Dein Pferd?« nahm der Indianer wieder das Wort und legte liebkosend seine Hand auf die Schulter des Knaben.
»Dort hinauf, in jenem Felsen,« entgegnete Carl, nach der Höhe zeigend.
»In der Höhle dort oben? Ich habe schon manchen feisten Bären in ihr getödtet, sie ist ein Lieblingsaufenthalt der Petze. Lade Deine Büchse, ich will dem Hirsch schnell die Haut abnehmen,« sagte der Indianer, und kniete bei dem erlegten Thiere nieder, während Carl den Schuß in seinem Gewehr ersetzte.
»Du wirst nicht viel Wild mehr in diesem Walde angetroffen haben,« fuhr Leopard während seiner Arbeit fort, »wir haben über zweihundert Hirsche und Antilopen hier geschossen, denn wir fanden sehr viel Wild hier vor, als wir vor einem Monat hierherkamen, und das Feuer auf der Prairie trieb uns noch eine große Anzahl davon zu. Es ist gut, daß ich Dich getroffen habe, denn wir wollten morgen von hier aufbrechen. Schade nur, daß Du nicht früher hier warest; ein Jäger wie Du es bist, wäre mir sehr willkommen gewesen.«
In wenigen Minuten hatte der Indianer dem Hirsch die Haut abgenommen, denselben zerlegt und sich mit den beiden Keulen beladen, während er die Schulterblätter und den Rücken desselben zusammenband und Carl zu tragen gab. Darauf ergriff er seine lange einfache Büchse und schritt mit seinem jungen Gefährten den Felsen zu, die sie bald erreichten. Leopard kannte den Weg nach der Höhle sehr gut, und trat voran in dieselbe hinein. Der Rappe sprang entsetzt vor dem Indianer zurück, Carl aber beruhigte ihn, und während jener das Roß von allen Seiten betrachtete und seine Formen lobte, legte Carl demselben Sattel und Zeug auf und befestigte das mitgebrachte Wildpret an demselben. Nachdem er nun noch die Büffelhaut über den Sattel geworfen hatte, leitete er das Pferd aus der Höhle dem Indianer nach, welcher einen, Carl noch nicht bekannten Pfad zwischen den Felsen hinabschritt, auf welchem sie bald die frisch grüne Prairie erreichten. Leopard war verstummt und schien in Gedanken versunken, und Carl war im Geiste schon im Fort zurück, sah sich von seinen Lieben umarmt und hörte ihren Jubel, ihre Worte der Liebe. So schritten sie schweigend an dem Waldsaume hin, bis sie nach einer halben Stunde das Lager der Delawaren erreichten.
Carl erkannte dasselbe schon von Weitem an den Rauchsäulen, die zwischen den einzelnstehenden Eichen aufstiegen, und bald darauf an den vielen Pferden, welche theils in dem Schatten der Bäume, theils in der nahen Prairie weideten.
Das Lager selbst bestand aus einigen zwanzig Zelten, die aus Baumwollenzeug verfertigt und vermittelst hölzerner Stangen aufgestellt waren. Vor jedem Zelte brannte ein Feuer, an welchem man Indianerinnen beschäftigt sah, Speisen zu bereiten, während daneben junge kräftige Männer auf Büffelhäuten ruhten, oder ihre Waffen reinigten und in Stand setzten. Wo man hinblickte, sah man zum Trocknen ausgespannte Thierfelle an den Bäumen hängen, oft einige Dutzend derselben, die bis in die höchsten Aeste hinauf sich in dem Winde schaukelten.
Als Leopard mit seinem Gaste in das Lager schritt, erhoben sich die Männer und kamen ihm entgegen, um ihn zu begrüßen; denn er war der Häuptling dieses Stammes und zugleich erster Häuptling aller Delawaren, die aus zehn solcher Abtheilungen bestanden. Die ganze Nation zählte kaum noch einige Tausend Seelen, obgleich sie in früheren Jahren die mächtigste unter den Indianern dieses Welttheils war, und die östlichen Länder von der Chesapeakebay bis zu den großen Landseen im Norden als ihr Eigenthum beherrschte. Von den Weißen aus ihrer Heimath verdrängt, blieben die Delawaren denselben dennoch treu befreundet, und wanderten unter blutigen Kämpfen mit anderen Indianern weiter und weiter nach Westen, bis sie endlich an dem Kanzasflusse, westlich von Missouri, eine bleibende Stätte sich gegründet hatten, welches Land ihnen von der Regierung der Vereinigten Staaten als freies unantastbares Eigenthum überwiesen wurde. Dort hatten sie sich nun einer Art von Civilisation hingegeben, das heißt, sie gaben ihr Wanderleben auf, bauten sich Dörfer, trieben Viehzucht und pflanzten Mais. In diesen kleinen Niederlassungen wohnten nur die alten Leute, die größere Zahl der Frauen und die Kinder, während die jungen Männer mit nur wenigen Weibern beinahe Jahr aus Jahr ein der Jagd lebten, und im Frühjahr nach Norden bis in die Felsengebirge, und im Herbst nach Süden bis an die Ufer des Golfs von Mexico dem Wild folgten. Auf ihrer Durchreise hielten sie sich nur einige Wochen in ihren Niederlassungen auf, und nahmen dann abermals auf ein halbes Jahr Abschied von den Ihrigen. Die Delawaren standen aber auch in dem Dienst der Regierung der Vereinigten Staaten, und wurden von derselben zu Unterhandlungen und Vermittlungen mit den anderen Nationen der Indianer verwandt, wofür sie jährlich eine sehr bedeutende Summe Geldes baar ausbezahlt bekamen. Dies Freundschaftsverhältniß zu der Regierung war theilweise eine Ursache, weshalb die Delawaren bei den anderen Indianern in hohem Ansehen standen; der Hauptgrund lag aber in ihrer Persönlichkeit, in ihrem Charakter. Offenheit, Biederkeit und tiefes Gefühl für Freundschaft, aber auch unversöhnliche Rachsucht, Kühnheit und Tapferkeit bis zur Verzweiflung waren ihre vorherrschenden Eigenschaften. Auch die mächtigsten Nationen unter den Indianern wagten es nicht, zu Feindseligkeiten mit den Delawaren Veranlassung zu geben, und erkannten ihre große Ueberlegenheit als Krieger an. Die Delawaren waren sämmtlich vortreffliche Schützen, besaßen die besten Feuerwaffen, und waren ebenso gewandt zu Fuß, wie zu Pferde. Namentlich gegen die südlichen Indianer, welche mit den Weißen in noch keinerlei freundliche Beziehung getreten waren, und noch in ihrem ursprünglichen Naturzustande lebten, standen sie in großem Vortheile; denn jene führten durchaus keine Feuerwaffen, weil die Weißen ihnen dieselben nicht ausbesserten und ihnen keine Munition zukommen ließen.