Carl fuhr erschrocken empor, indem er zugleich seine Büchse ergriff, und blickte sich nach dem Sprecher um; da trat in kurzer Entfernung von ihm ein großer schöner Mann hinter einer Eiche hervor und winkte ihm freundlich zu, indem er sagte:
»Brauchst nicht zu dem Gewehre zu greifen, Du hübscher Knabe, denn wenn ich Dir hätte etwas zu Leide thun wollen, so würde ich Dich nicht angeredet haben. Du warst ja in meiner Gewalt und auch ich weiß die Büchse zu handhaben; aber Dein Schuß nach diesem Hirsch war ein Meisterschuß, und es jagen nicht viele Jäger in diesem Lande, die Dir denselben nachthun können. Wo lagert Deine Jagdgesellschaft? Ich bin ein Delaware und ein Freund der weißen Männer, führe mich zu ihnen, damit ich mit ihnen rauchen und reden kann.«
Carl hatte auf den ersten Blick erkannt, daß der Fremde ein Indianer sei, wenngleich dessen Erscheinung von der jener Wilden verschieden war, die er bisher gesehen hatte. Derselbe trug ein aus Wildleder verfertigtes, bunt gesticktes und zierlich befranztes Jagdhemd, welches ihm bis an die Kniee reichte, trug hirschlederne Gamaschen und Mokassins von demselben Material, und um seinen Kopf war ein buntes seidenes Tuch in Form eines Turbans gewunden. Unter demselben hing das glänzend schwarze Haar des Indianers über seine breiten Schultern herab, und um seinen braunrothen Nacken lag eine breite Perlenschnur, an welcher eine große silberne Medaille mit dem Bildniß des Präsidenten der Vereinigten Staaten bis auf seine nackte dunkelfarbige Brust reichte. Er war eine hohe schöne Mannsgestalt von schlankem aber muskulösen Bau, und die Formen seines männlichen Gesichts waren edel und ausdrucksvoll. Die Adlernase und die hohe Stirn zeugten von Willenskraft, Entschlossenheit und Muth, und in seinen großen dunklen Augen lag ernste Ruhe und tiefe Leidenschaftlichkeit zugleich. Dieselbe Ruhe lag auf seiner ganzen stolzen Erscheinung, und jede seiner Bewegungen schien von ihr beherrscht zu werden. Als er aber zu Carl sprach, hatten seine Züge einen freundlichen milden Ausdruck angenommen, der dem Knaben Vertrauen einflößte und die schreckhafte Ueberraschung, die sich seiner im ersten Augenblicke bemeistert hatte, verscheuchte.
»Wenn Du ein Delaware-Indianer bist, so habe ich keine Ursache, vor Dir besorgt zu sein; denn die Delawaren sind ja immer Freunde der Weißen gewesen, und haben gegen die Engländer mit großer Treue an ihrer Seite gefochten, als sie sich von deren Herrschaft befreiten. Daniel hat mir sehr viel Gutes von den Delawaren erzählt,« entgegnete Carl, indem er ohne Bangen dem Indianer die Hand hinreichte, die dieser zutraulich ergriff.
»Wer ist denn der Daniel, der so viel Gutes von den Delawaren gesagt hat?« fragte der Indianer.
»Er ist ein Neger, der sich als Freund bei meinem Onkel aufhält,« antwortete Carl.
»Und wo ist denn Dein Onkel? führe mich zu ihm,« fuhr der Indianer fort.
»Mein Onkel ist nicht hier, er wohnt am Bärfluß, ich bin allein hier.«
»Du allein hier?« fragte der Indianer mit einem Tone, als bezweifle er die Wahrheit von Carls Aussage.
»Ja, ganz allein. Der Prairiebrand hat mich hierhergetrieben und es ist ein Wunder, daß ich nicht dabei umgekommen bin. Mein armes Pferd habe ich verloren, doch habe ich mir ein wildes Pferd dafür gezähmt, welches mich hierhergetragen hat,« erwiederte Carl mit seiner natürlichen Offenherzigkeit.