Carl verfolgte seine Richtung durch den Wald, in der Hoffnung, Wasser zu finden, welches er um so sicherer glaubte, weil sich nach allen Seiten hin ungeheure Felsstücke aus dem Boden erhoben. Schon nach Verlauf einer halben Stunde gelangte er an die westliche Seite des Holzes, wo dasselbe sich an eine hügelige Prairie anlehnte, die, so weit das Auge reichte, mit frischem jungen Grase bedeckt war. Dieses Land mußte vor einigen Monaten von Indianern abgebrannt sein, wie denn überhaupt alle Prairiebrände durch die Wilden erzeugt werden. Wenn ein Indianerstamm eine Zeitlang an einem Orte verweilt hat und das Wildpret spärlicher wird, so zieht er weiter und benutzt den Augenblick, wo der Wind von daher weht, wohin er reisen will, um das Gras anzuzünden, damit er, wenn er nach einigen Monaten in diese Gegend zurückkehrt, hier frische Weide und Reichthum an Wild vorfindet.

An dem Saume des Waldes traf Carl denn auch auf ein herrliches klares Wasser, welches von einer felsigen Höhe zu seiner linken Seite herabkam. Er beschloß, hier zu rasten, sich und sein Pferd auszuruhen, und dann der Grenze der Feuerverwüstung bis zu deren Anfang nach Südost zu folgen. – Die Felsen erhoben sich in dem Walde in kurzer Entfernung von Carl, und er lenkte sein Pferd nach ihnen hin, indem er an dem rauschenden Wasser hinaufritt.

Je näher er den hoch übereinander aufgethürmten Steinmassen kam, um so mehr einzelne mächtige Felsblöcke lagen zwischen den Bäumen umher, so daß er endlich sein Roß in das Wasser selbst leiten mußte, um nach dessen Quellen gelangen zu können.

Ohne große Schwierigkeiten erreichte er den Fuß der hohen Felsenpartie, wo das Wasser aus einer tiefen Spalte in dem grauen Gestein lustig hervorsprudelte und durch einen kleinen Grasplatz rieselte, der ihm sein frisches üppiges Grün verdankte. Dies war ein herrlicher Weideplatz für den Rappen, so wie ein recht heimliches Versteck für ihn und seinen Reiter, deßhalb sah sich Carl nach einem passenden Ort um, wo er sein Lager aufschlagen wollte. Er war nur eine kurze Strecke an den steil aufstrebenden Felsen zwischen uralten immergrünen Eichen und umherliegendem Gestein hingeschritten, als er hinter einem dichten Lorbeergebüsch eine tiefe Spalte in der Felswand bemerkte, die sich nach unten sehr erweiterte und eine geräumige Höhle zu bilden schien. Als er seinen Rappen zu deren Eingang führte, fand er, daß sie weit in den Berg hineinführte und geräumig genug war, ihn und sein Pferd in sich aufzunehmen. Einen passenderen Platz für seine Rast hätte er sich gar nicht wünschen können; nur wollte er vorsichtig das Innere der Höhle untersuchen, ob auch kein Raubthier darin verborgen sei, denn es war ja die Schlafzeit der Bären. Er führte den Rappen von dem Eingange hinweg, befestigte ihn an einem Baum, und schritt dann mit der Büchse in der Hand in die Höhle hinein. Kaum aber war er eingetreten, als ein betäubendes Geklapper darin erschallte und Carl schnell wieder in den Eingang zurücksprang; denn er erkannte das warnende Zeichen der Klapperschlange, welches sie mit der Klapper an dem Ende ihres Schwanzes einem jeden Nahenden giebt, und er glaubte, daß wenigstens hundert dieser Thiere sich in der Höhle befinden müßten, um ein solches Getöse hervorzubringen. Er hatte aber in der Nähe des Forts schon so unzählig viele dieser Schlangen todtgeschlagen und wußte, daß sie einem Menschen in keiner Weise gefährlich werden können, wenn ihm nur ihre Gegenwart bekannt ist, da sie nur aus Nothwehr beißen und immer ängstlich vor dem Menschen fliehen. Carl bewaffnete sich daher mit einem tüchtigen langen Stock, und ging dann in die Höhle zurück. Die Schlangen hatten sich sämmtlich in das hinterste Ende derselben geflüchtet und sich zwischen losem Gestein verkrochen, das Tageslicht fiel aber von der Höhe der Felsspalte hinreichend auf sie herab, so daß Carl sie erkennen konnte. Als er sich ihnen nun näherte, hoben sie die Köpfe hoch empor und klapperten durch die schnelle zitternde Bewegung ihres Schwanzes; jeder Hieb des Knaben aber, den er nach einem der Köpfe führte, tödtete eine Schlange. Es waren deren, große und kleine zusammen, einige Dutzende; Carl warf sie mit dem Stock zur Höhle hinaus und untersuchte in derselben Alles genau, ob sich keines dieser widrigen Thiere noch irgendwo versteckt halte, er hatte sie aber sämmtlich getödtet. Nun befreite er sein Roß von Sattel und Zeug, trug Alles in die Höhle hinein, und band dann den Rappen auf dem nahen Grasplatz in die Weide. Er hatte einige köstliche Stücke Hirschfleisch mit hierhergebracht, welche er jetzt für seine Mahlzeit zubereitete, und zwar innerhalb der Höhle, wo er ein Feuer anzündete. Der Rauch desselben zog durch die hohe Spalte, wie durch einen Schornstein ab, und verschwand in den dichtbelaubten Kronen der Lebenseichen, die ihre ungeheuern Aeste rings um den Felsen ausbreiteten, so daß eine aufsteigende Rauchsäule Carls Gegenwart nicht an Wilde verrathen konnte, im Falle sich deren in der Umgegend aufhalten sollten. Von dem Eingange der Höhle aus konnte er nicht allein sein Pferd beobachten, sondern auch, wie von einer Festung herab, weithin durch den Wald blicken, und hielt während des ganzen Tages scharfe Wacht. Mit Ausnahme von einigen Rudeln Hirschen, die flüchtig vorüberzogen, gewahrte er aber weder Thiere, noch Indianer, und er wunderte sich, hier nicht einen größern Reichthum von Wildpret zu finden, da im Walde sowohl, als auch auf der nahen Prairie das Gras jung und üppig stand, und im Osten das Land auf so ungeheure Entfernungen kahl gebrannt war.

Als die Sonne sich neigte und der Rappe nicht mehr weiden wollte, sondern sich in dem Grase zum Ruhen niederlegte, führte ihn Carl in die Höhle und befestigte ihn dort an einem starken Holzpflock, den er mit dem Beile zurechtgehauen und in eine enge Spalte zwischen dem Gestein eingeschlagen hatte. Dann stellte er einige dicht belaubte Büsche vor die Höhle, damit der Eingang einem unberufenen fremden Auge verborgen bleiben möge, und nahm seine Waffen, um in der Nähe zu versuchen, ob er ein Stück Wild erlegen könne. Nochmals durchblickte er von der Höhe herab den Wald, und ging dann vorsichtig zwischen den Felsstücken hin, indem er fortwährend mit wachsamem Auge um sich spähete. Er traf nur wenig Wild an, und die einzelnen Hirsche und Antilopen, die er zu Gesicht bekam, waren außerordentlich scheu und flohen schon auf weite Entfernungen, wenn er sich ihnen nahen wollte. Er hatte in der Umgebung des Forts, wo er und Daniel doch so oft jagten, niemals das Wild so scheu gesehen, und erklärte sich dessen Wildheit hier durch den stattgehabten Prairiebrand, welcher die Thiere so in Flucht gesetzt haben mußte. Es war schon sehr düster geworden, als Carl an dem Wasser hinauf nach seiner Höhle zurückging, ohne daß es ihm gelungen war, eine Jagdbeute zu machen, und er erstieg die felsige Höhe im letzten Scheine des scheidenden Tageslichtes, da kam es ihm vor, als ob er in der Ferne einen Schuß gehört habe. Er blieb stehen und lauschte lange Zeit, es war aber Alles still, und er suchte sich zu überreden, daß er sich verhört habe, denn der Schuß konnte nur von einem Indianer herrühren, und die Gegenwart von Wilden, welche in dieser Gegend jagten, konnte auch die Ursache von dem scheuen Benehmen der Thiere sein.

Er beruhigte sich aber, als er durch die Büsche in die Höhle trat, denn in diesem Versteck war er zu gut verborgen, als daß ihn ein Indianer hätte auffinden können, und lange wollte er ja auch nicht hier verweilen. Wenn er hier nur einen Hirsch erlegte und dessen Fleisch trocknete, so hoffte er mit diesem Mundvorrath seine Rückreise nach dem Fort ausführen zu können, im Fall ihm die Jagd unterwegs keine neue Beute liefern sollte. Zu diesem Zweck wollte er am folgenden Morgen sein Jagdglück noch einmal versuchen.

Seinen Rappen fand Carl, wohlbehalten der Ruhe pflegend, auf dem Boden ausgestreckt, und das Thier hob nur zutraulich den Kopf empor, um seinen Herrn zu begrüßen. Carl klopfte ihm schmeichelnd den Hals, legte dann seine Waffen ab und zündete ein Feuer an, um sein Abendbrot zu bereiten. Sobald dieses aber geschehen war, löschte er das Feuer wieder aus, damit der helle Schein in der obern Felsspalte seine Gegenwart nicht etwa verrathen möge. Er hätte es gern während der Nacht unterhalten, denn es wurde sehr kühl und der Wind blies in die Höhle herein, seine Vorsicht aber untersagte es ihm, deßhalb hüllte er sich dicht in seine Büffelhaut und empfahl sich Gottes Schutz, während ihm die Müdigkeit die Augen zudrückte.

Der Morgen graute, als Carl aus einem ruhigen erquickenden ungestörten Schlafe erwachte und schnell emporsprang, damit er die Dämmerung noch zu der beabsichtigten Jagd benutzen könne. Mit der Büffelhaut um die Schultern und der Büchse in der Hand, trat er aus der Höhle auf einen der vorspringenden Felsen und durchspähete und überlauschte die nahe Umgebung, dann erfrischte er sich schnell bei dem sprudelnden Wasser, trug die Büffelhaut in sein Versteck zurück, und trat nun seine Wanderung in den Wald hinab an, von Stein zu Stein, lauschte auf jedes, auch das leiseste Geräusch, und achtete auf jede Bewegung, die ein leichter Luftzug in dem schwer bethauten Laub und in den üppigen Pflanzen um ihn her erzeugte. Wohl eine halbe Stunde lang war er in dem Walde hin- und hergeschlichen, ohne auch nur ein Stück Wild zu Gesicht zu bekommen, da warf die Sonne ihren ersten Blick durch die immergrünen Bäume, und in dem goldigen Lichte, welches auf eine frische grüne Grasfläche unter hohen Lebenseichen fiel, erkannte Carl die glänzend rothe Farbe eines sich äsenden Hirsches. Er schlich sich leichten Fußes schnell von Eiche zu Eiche, und hatte sich dem Thiere bis auf hundert Schritte genähert, als dieses plötzlich zusammenfuhr und mit weiten Sätzen davon sprang. Carl aber folgte ihm mit dem Rohre seiner Büchse, und es hatte nur wenige Sprünge gethan, als der Schuß des Knaben den Wald durchhallte und der Hirsch, tödtlich getroffen, zusammenstürzte. Freudig sprang Carl zu ihm hin, warf sich über ihn her, damit er ihm nicht entgehe, und gab ihm mit dem Jagdmesser den Todesstoß. Die Büchse hatte er neben sich in das Gras gelegt und knickte bei dem Hirsch, um ihn auszuweiden, da sagte eine Stimme ganz in seiner Nähe:

»Ei, ei, noch so jung und doch schon ein so guter Jäger?«