Die Sonne hatte den flachen dunklen Rand der Prairie erreicht und versank hinter demselben wie ein glühender Feuerball, während der Himmel über ihr sich blutroth färbte, und sein feuriger Wiederschein über die schwarze Steppe zitterte. Jetzt weigerte sich der Rappe, noch einen Schritt weiter zu gehen, und Carl sah es ein, daß es nicht böser Wille des Thieres, sondern vollständige Entkräftung war, die dasselbe an die Stelle fesselte. Er zog es mit Gewalt bis zu einem Mosquitobaume, befestigte es an dessen Stamm und nahm ihm seine Bürde ab. Wie gern hätte er ihm Gras weit hergeholt und ihm Wasser in seinem Hut zugetragen, aber wo sollte er es hernehmen? Ihn selbst peinigte der Durst, und doch würde er ihn gern ertragen haben, hätte er dem erschöpften Thiere nur helfen können. Dasselbe legte sich bald nieder, und Carl streckte sich, ohne ein Abendbrod genossen zu haben, neben ihm auf seiner Jaguarhaut aus, und deckte sich mit dem Büffelfell zu; denn das getrocknete Hirschfleisch hätte er nicht verzehren können, ohne erst seinen Mund mit einem Trunk Wasser zu erfrischen. Die Nacht breitete sich schnell über die Einöde aus, weder nah noch fern verrieth ein Laut die Gegenwart eines lebenden Wesens, und selbst die Lüfte schienen zur Ruhe gegangen zu sein, denn nicht der leiseste Hauch bewegte die reichen Locken Carls, der mit dem Kopf auf den Sattel zurückgesunken war und den Sternen sein Leid klagte, die so heiter blitzten und so freundlich auf ihn niederfunkelten.
Ein bleicher Lichtstreifen am östlichen Himmel zeigte sich über dem Rande der Steppe und verkündete den nahenden Tag, als Carl aus süßen wonnigen Träumen, wie sie nur die frische Jugend spendet, erwachte, und sich verwundert umschaute; denn er konnte im ersten Augenblick sich nicht besinnen, wo er eigentlich war. Die schwarze schwere Masse seines Rappen, den er neben sich durch die Dunkelheit erkannte, rief ihm seine Lage schnell ins Gedächtniß zurück, und er schaute nun besorgt und mitleidig auf das entkräftete Thier und rührte sich auf seinem Lager nicht, um seinen armen Leidensgefährten nicht in seiner Ruhe zu stören. Er lenkte aber seinen Blick zu den hellen Sternen über sich, faltete seine Hände und bat den Allmächtigen, ihm seinen fernern gnadenreichen Beistand zu verleihen.
Carls Vertrauen auf Gottes Schutz und Hülfe war von seiner frühesten Kindheit an unbedingt und unerschütterlich gewesen, und der augenscheinliche wunderbare Beistand des Höchsten in den vielen großen Gefahren, in welchen der Knabe sich trotz seiner Jugend schon befunden hatte, war an ihm nicht unbeachtet vorübergegangen, er hatte das Vertrauen nur tiefer in seinem dankbaren Herzen befestigt. Auch jetzt schaute er mit Zuversicht und unverzagt in die nächste Zukunft, und sagte sich, daß die Hand, die ihn schützend hierhergeleitet hatte, ihn auch ferner nicht verlassen würde.
Der Morgen zitterte über die Erde und der Tag warf bald sein helles, heiteres Licht auf die öde, ausgestorbene Wüste. Es that Carl leid, den Rappen in seiner Ruhe stören zu müssen, er wollte aber in der Kühle des Morgens den besten Ritt machen, und lieber in der Mittagshitze rasten. Der Hengst sprang rasch empor und schaute ganz erfrischt und munter um sich, ja, er widersetzte sich sogar ein wenig, als sein Herr ihm Sattel und Zeug auflegen wollte. Dies Zeichen von Stärkung war Carl jedoch sehr willkommen, und er wandte nur Güte an, um das Thier zur Weiterreise fertig zu machen. Dann schwang er sich auf dessen Rücken, und hatte seinen großen Spaß darüber, als der Hengst in Galopp fiel und mit ihm davonrennen wollte. Bald aber wurden Carl die Anstrengungen des Rappen doch zu bedenklich, und er faßte die Zügel mit beiden Händen, um ihn in seiner Gewalt zu behalten. Das Thier aber war kaum zu bändigen, hob die Nase immer hoch gegen den frischen Wind und drängte sich gewaltsam rechts aus der Richtung, in welcher sein Reiter es zu halten suchte. Diese auffallende Veränderung in dem Benehmen des Pferdes, und namentlich das hartnäckige Bestreben, etwas weiter nördlich zu gehen, fiel Carl auf, und er ließ ihm mehr Freiheit. Kaum fühlte das Roß aber die lockern Zügel, als es mit seinem Reiter dahin sauste, wie wenn es nie ermüdet gewesen wäre, so daß Carl seine Last hatte, nur einigermaßen noch die Herrschaft zu behaupten.
Der Lauf des Hengstes wurde immer wilder, immer flüchtiger und unbändiger, und sein Reiter konnte Nichts mehr thun, als sich nur im Sattel zu erhalten. In wenigen Minuten waren einige Meilen zurückgelegt, da erblickte Carl in der Ferne vor sich einen hellgrünen Streif, und nach ein paar Minuten später erkannte er deutlich zwei Pappeln, das sicherste Zeichen, daß Wasser sich in der Nähe befinde. Jetzt ward es ihm klar, weshalb das Thier so gewaltig nach dieser Richtung gestrebt hatte, denn der Wind wehte gerade von den Pappeln her, und das Pferd hatte das Wasser schon auf Meilen weit gewittert.
In sehr kurzer Zeit waren die Pappeln erreicht, welche an dem Ufer eines klaren, nach Nordost fließenden Baches standen. Noch ehe aber das Roß an das Ufer kam, hielt Carl es mit Gewalt an, sprang aus dem Sattel, nahm diesen von dem Rücken des Pferdes, und leitete dasselbe dann an dem Zügel nach dem Wasser, weil er voraussetzte, daß das Thier sich in den Bach hineinlegen würde. Dies geschah nun auch sofort, der Hengst warf sich in dem Bache nieder und wälzte sich von einer Seite zur andern; dann sprang er auf, schüttelte sich, stillte seinen Durst und wandte sich darauf nach dem frischen saftigen Grase an dem Ufer. Carl befestigte ihn mit dem Strick an eine der Pappeln, so daß er beide Ufer erreichen und darauf weiden konnte, und nachdem er nun selbst seinen großen Durst gelöscht hatte, ließ er sich in dem Grase nieder und verzehrte einige Stücke des getrockneten Fleisches.
Erquickt und gestärkt ruhte er mit dem Rücken an einem der Bäume, und sah während einiger Stunden mit Freude seinem Rappen zu, wie derselbe zwischen dem hohen, vom Feuer verwelkten schilfartigen Grase die zarten frischen Halme und Kräuter verzehrte, und sich daran labte. Endlich hatte sich das Thier gesättigt und die Ruhe schien ihm jetzt das Nothwendigste zu sein, denn es ließ sich im Grase nieder und streckte die Glieder darin aus. Auch Carl fühlte sich schläfrig und die Augen waren ihm zugefallen. Nach einer Weile aber schlug er sie wieder auf und ließ seinen Blick über die weite öde Fläche wandern, als wolle er sich überzeugen, daß er sich unbesorgt einem festen Schlafe hingeben könne.
Da traf sein Auge in der Ferne auf einen hellen Fleck, den er früher nicht bemerkt hatte. Er zog sein Fernglas hervor, und erkannte durch dasselbe einige zwanzig Antilopen, welche über die schwarze Ebene wanderten und wahrscheinlich, wie sein Rappe es gethan hatte, das Wasser aufsuchten. Ihre Richtung war aber weiter nach dem Bache hinauf, wo kein Busch, kein hohes Gras ein Annähern an dieselben möglich machte, und da Carl die große Neugierde dieser Thiere kannte, so hieb er schnell einen langen Stock von der Pappel, spitzte ihn unten zu, band sein Taschentuch an das obere Ende, und pflanzte diese Fahne einige fünfzig Schritt am Bache hinauf in dessen erhöhtes Ufer. Nun legte er sich hinter die Pappel und beobachtete die Antilopen durch sein Fernglas. Sie kamen unbekümmert und unaufmerksam immer näher, bis sie plötzlich stillstanden und sämmtlich die Köpfe emporrichteten. Sie blickten verwundert und neugierig nach der im Winde wehenden Fahne. Ein altes Thier setzte sich jetzt in Bewegung und schritt dem Rudel voran der Fahne zu, während die anderen sich zusammendrückten und der Alten folgten. Carl hielt immer noch das Glas auf sie gerichtet, bis sie sich in Trab setzten, dann griff er schnell nach der Büchse, hob sich hinter dem Baum auf ein Knie und machte sich zum Schusse bereit. Jetzt kamen die Antilopen im Galopp nach der Fahne herangesprungen, und als sie dieselbe bis auf fünfzig Schritte erreicht hatten, wandten sie sich im Kreis um sie und jagten direct auf die Pappeln zu. Da hob der Rappe seinen Kopf aus dem Grase empor, und die Antilopen sprangen erschrocken zur Seite. Carl aber hatte seine Büchse schon fest auf einen jungen Bock gerichtet und gab Feuer. Das Thier überschlug sich, und bemühte sich vergebens, wieder aufzuspringen, um seinen Gefährten zu folgen; es konnte nicht weiter, die Kugel war ihm am Herzen durchgegangen. Mit raschen Sprüngen hatte Carl den Bock erreicht und ihm den Todesstoß gegeben. Er schnitt schnell das beste Fleisch von ihm ab, um für einige Tage frisches Wildpret zu haben, und zündete darauf ein Feuer bei den Pappeln an, über welchem er sich ein Mittagsmahl aus den feistesten Stücken bereitete. Es schmeckte ihm ganz vortrefflich, er labte sich nochmals durch einen frischen Trunk, und dann streckte er sich im Grase aus, um sich vollends für die Weiterreise zu stärken.
Die Sonne begann sich schon zu neigen, als er erfrischt erwachte und seinen Rappen zum Aufstehen ermunterte. Derselbe schien auch neues Leben bekommen zu haben, und Carl hatte ziemlich viel Mühe, um ihn zu satteln. Endlich aber saß er wieder auf dem Rücken des Hengstes, und ließ ihn nun tüchtig austraben, indem er dem Bache hinauf folgte, da derselbe aus Südwest hergeflossen kam. Er beabsichtigte nämlich, so weit in dieser Richtung vorzudringen, wo das Feuer nicht mehr gewüthet hatte, und dann seinen Weg nach Osten einzuschlagen, wo er jedenfalls auf Ansiedelungen stoßen mußte. An diesem Wasser war sein Pferd vor Hunger und Durst gesichert, und es stand zu erwarten, daß er auch an seinen Ufern Wildpret antreffen werde. Er ritt noch spät in die Nacht hinein, schlief abermals an dem Rande des Baches, und folgte demselben während des ganzen nächsten Tages. Mit Sonnenuntergang erreichte er auf einer Höhe, wo wenige entlaubte Eichen standen, die Quellen des Baches, und schlug hier sein Nachtlager auf. Am folgenden Morgen glückte es Carl wieder, einen feisten Hirsch zu erlegen, wodurch sein Vorrath an frischem Fleisch ersetzt wurde.
Das Wasser war hier nun zu Ende, und der Knabe würde abermals mit Zweifeln über seine nächste Zukunft sein Pferd bestiegen haben, hätte er nicht von hier aus in der Ferne vor sich die blauen Umrisse eines über dem Prairierand aufsteigenden Waldes erkannt. Mit neuer Hoffnung, in jenem Walde endlich die Grenze der Verwüstung, die das Feuer angerichtet hatte, zu finden, verließ er die Quellen, und gab seinem Hengst die Zügel, damit er ihn schnellmöglichst aus dieser Einöde tragen möge. Der Rappe hatte sich sehr erholt, und begann durch seinen Uebermuth seinem Reiter oft viel zu schaffen zu machen, dieser aber kannte ein sehr gutes Mittel, um ihn zu bändigen: er ließ ihn nach Herzenslust laufen, und wenn er dann, etwas ermüdet, langsam gehen wollte, dann trieb er ihn mit den Sporen zum Galopp an, bis ihm der weiße Schaum auf den schwarzen Flanken stand. Nach einigen Stunden flüchtigen Rittes näherte sich Carl dem Walde, dessen grüner Schein von immergrünen Baum- und Straucharten zeugte, die sich in demselben befanden. Carls Hoffnung, hier die Grenze der Feuerverwüstung zu finden, wuchs mit jedem Schritte des Rappen, und sie wurde zur Wahrheit, als er um die Mittagszeit das Holz erreichte. Der Brand war bis an dessen Saum gedrungen, und war an ihm hin nach Nordwesten gezogen. Der Wald war ziemlich licht, nur einzeln zeigte sich hier und dort eine Dickung von immergrünen Lorbeer- und Myrthenarten in demselben, aber allenthalben unter den einzelnstehenden Bäumen befand sich frisches junges Gras, in welchem das Feuer keine Nahrung gefunden hatte.