Mit dem Neigen des Tages theilte sich das Gewölk, der blaue Himmel blickte hier und da hervor und die Sonne zeigte sich wieder. Sie warf im Scheiden ihre letzten Strahlen über die abgebrannte schwarze Fläche, und Carl sah verwundert nach ihr ihn, denn dort, wo sie versank, hatte er geglaubt, daß es Sonnenaufgang sein müsse. Er war demnach nach Westen geflohen, während er der festen Meinung gewesen, nach Osten dem Bärfluß zuzujagen. Es lagen nun drei bis vier Tagereisen zwischen ihm und seiner Heimath, und der Weg dorthin führte über eine öde Strecke, auf welcher kein Gras für sein Pferd mehr stand, und auf welcher es sehr ungewiß war, ob er für dasselbe und für sich Wasser antreffen werde, um den Durst zu stillen. Diesen Weg konnte er deßhalb nicht einschlagen, um das Fort zu erreichen; welche andere Richtung sollte er aber wählen? Er wußte, daß der rothe Fluß von Westen nach Osten strömte und daß er denselben in nördlicher Richtung treffen mußte; wie weit es aber zu dessen Ufern sei, das konnte er sich nicht beantworten. Das Feuer war von Südost gekommen und nach Nordwest gezogen, also nach dem rothen Flusse hin, darum hielt es Carl für das Rathsamste, seinen Weg nach Südwesten zu verfolgen, in der Hoffnung, dort am ersten auf Land zu stoßen, welches vom Feuer verschont geblieben war. Jedenfalls mußte er noch einige Tage hier verweilen, bis er das Pferd so weit gezähmt hatte, daß er es reiten konnte. Er legte ihm schon am folgenden Tage den Sattel einmal auf, legte ihm den Zaum an, und hing sich mit den Armen wiederholt auf seinen Rücken, welches das Thier zitternd und bebend duldete, theils, weil es noch sehr entkräftet war, theils aber auch, weil es die Schlinge noch immer an das Erdrosseln erinnerte. Außerdem aber schien es auch die Hülfe und die Wohlthaten seines Herrn anzuerkennen, und sich immer weniger vor ihm zu fürchten. Carl bereitete heute auch die Büffelhaut, wobei er sich mehrerer schweren Steine als Werkzeuge bediente, und wobei ihm der warme Sonnenschein sehr zu Hülfe kam.

Während Carl nun mit den Vorbereitungen zu seiner Weiterreise beschäftigt war, herrschte in dem Fort der größte Jammer über das schreckliche Schicksal, das ihn aller Vermuthung nach erreicht haben mußte. Daniel war an jenem Abend, als er Carl suchte und den Bären gefunden hatte, bei diesem während der Nacht liegen geblieben, und hatte am folgenden Morgen viele Meilen weit mit der größten Mühe die Fußtritte seines jungen Freundes und die des Falben verfolgt, bis dieselben seinen Blicken unbemerklich wurden und er nur noch auf gut Glück weiter ritt und nach einem Zeichen von Carl spähete. Plötzlich aber sah er die schwarzen Rauchwolken von Süden her aufsteigen und mehr und mehr nach Westen hinziehen. Der Gedanke, daß Carl in das Feuer gerathen sein könne, war ihm entsetzlich, und als er Nachmittags zufällig wieder die Spur des Falben erkannte, die nach Westen zeigte, da trieb ihn die Verzweiflung vorwärts. Er stieg vom Pferde ab, um die Fährte leichter verfolgen zu können, und gelangte dann auch wirklich auf ihr in die abgebrannte Prairie hinaus, wo er bald an den Huftritten des Falben erkannte, daß derselbe im Sturmlauf dahingeeilt war. Nicht lange aber konnte er ihnen folgen, weil die fliehenden Thierschaaren sie ausgetreten hatten.

Alle Hoffnung für die Rettung Carls war jetzt in der treuen Seele des Negers erstorben, denn nur zu gut wußte er es, daß derselbe dem, vom Sturm gejagten Feuer nicht hatte entfliehen können.

Mit blutendem Herzen schaute er lange Zeit über die endlose schwarze Fläche vor sich, und wandte sich dann unter Thränen zurück nach dem Eichenwald, wo er ohne Speise und ohne Trank die Nacht verbrachte. Als er aber am folgenden Tage ohne Carl nach dem Fort zurückkehrte, da brachen Turners sämmtlich in lautes Wehklagen aus, und Alle weinten und rangen die Hände über den Verlust des braven Knaben, der sich für ihr Wohl, für ihr Glück geopfert hatte. Der Bericht des Negers stellte es außer allen Zweifel, daß Carl in den Flammen des brennenden Grases seinen Tod gefunden habe, nachdem er aus dem Kampfe mit dem Bären siegreich hervorgegangen war. Auch in den Ansiedelungen an dem Choctawbache erregte die Kunde von Carls Schicksal großes Bedauern, namentlich bei Warwick; denn der alte Herr hatte in dem Knaben immer eine Hauptstütze der Niederlassung am Bärfluß erkannt.

Es war nun eine Woche verstrichen, seit Carl dem Flammentode entgangen war, und von Tag zu Tag hatte das gefangene wilde Pferd sich zutraulicher und williger gegen ihn gezeigt. Er hatte ihm jeden Morgen Sattel und Zaum aufgelegt, und das Thier erlaubte ihm nun schon, seinen Rücken zu besteigen, welches er recht häufig that und es dabei am Zügel hin- und herlenkte, ohne jedoch den Strick vom Baume zu lösen. Die in Verwesung übergehenden, umherliegenden todten Thiere mahnten ihn jetzt aber dringend, diesen Ort zu verlassen, und er beschloß eines Morgens nach dem Frühstück, einen Proberitt auf seinem Rappen zu machen. Er löste den Strick von dem Baume, stieg in den Sattel und lenkte das Pferd in weitem Kreise um den Sumpf über die kahle Fläche, und zu seiner großen Freude folgte das Thier geduldig dem Zügel, wenn es auch nur langsam mit seinem Reiter dahinschritt. Es war noch immer sehr matt, denn wenn Carl ihm auch hinreichend Gras zugetragen hatte, so konnte es sich doch nicht so davon erholen, als wenn es sich selbst die Nahrung gesucht hätte. Nachdem Carl wohl eine Stunde lang so umhergeritten war, lenkte er das Pferd nach dem Quell, damit es sich an dem frischen Trank erquicken möge, und dann ritt er an den Sumpfrand in das beste Gras, und ließ das Thier dort weiden.

Er verbrachte beinahe den ganzen Tag in dieser Weise mit der Pflege seines Rosses, welches sich denn auch zum ersten Male seit seiner Gefangennehmung wirklich nach Herzenslust sättigte und sich dann geduldig wieder an den Baum befestigen ließ.

Abschnitt 7.
Ritt durch die Wildniß. – Wasser. – Die Antilopen. – Die Grenze des Prairiebrandes. – Die Klapperschlangen. – Der Delawaren-Häuptling. – Das Lager der Indianer. – Der schwarze Panther. – Rückkehr in das Fort. – Indianerfreundschaft. – Der Frühling. – Die Bestürmung. – Letztes Mittel. – Die nahende Rache.

Am folgenden Morgen hatte Carl nun schon frühzeitig den Hengst gesattelt, hatte die Büffelhaut zusammengerollt und hinter den Sattel gebunden und das getrocknete Fleisch an demselben befestigt. Nachdem er selbst, so wie sein Pferd sich noch einmal an dem Quell gelabt hatten, bestieg er dasselbe und ritt in den Strahlen der aufsteigenden Sonne nach Südwesten davon. Die Hoffnung, die Seinigen bald wieder zu sehen, trieb ihn vorwärts, und der Gedanke, durch sein Erscheinen ihren Kummer, ihren Gram zu heilen, beseligte sein junges hochschlagendes Herz. Er trieb den Rappen zur Eile an, und ließ ihn häufig lange Strecken traben, nach Verlauf von einigen Stunden aber fand er schon aus, daß dessen Kräfte zu einem tüchtigen Ritt, wie er ihn auf dem Falben oft gemacht hatte, nicht ausreichten. Er mußte darum seiner Sehnsucht nach den Seinigen Zwang anthun und sich mit einem raschen Schritt des Thieres zufrieden stellen, wobei ihn die Ueberzeugung tröstete, daß nur die große Ermattung desselben ihn überhaupt in den Stand gesetzt habe, es seinem Willen so weit unterthänig zu machen. Die weite Fläche, über welche er seinen Weg richtete, gewährte einen schauerlichen trostlosen Anblick; wie in einem schwarzen Trauerkleide lag sie, wellenförmig auf- und niedersteigend um ihn ausgebreitet, nirgends war ein grüner Halm, ein grüner Baum zu sehen, hier und dort bezeichnete eine dünne aufsteigende Rauchsäule den trocknen Stamm einer abgestorbenen Mimose, welche Feuer gefangen hatte und nun so lange glühte und kohlte, bis selbst die Wurzeln in der Erde verbrannt waren, und in allen Richtungen sah man Schwärme von Geiern über todten Thieren schweben, die den Flammen des Prairiebrandes zum Opfer geworden waren. Links und rechts ritt Carl an gefallenen Büffeln, Bären, Hirschen und Antilopen vorüber, manch schönes Pferd sah er verendet liegen, und der todten Wölfe waren es unzählige, deren versengte Körper wie schwarze Steine über dem verbrannten Boden emporragten.

Vergebens spähete Carl unaufhörlich und sehnsüchtig in die Ferne, ob er nicht den freundlichen grünen Schein lebender Vegetation erkennen könne; das finstere Bild blieb unverändert. Die Sonne überschritt ihren Höhepunkt und neigte sich dem westlichen Horizont zu, und noch hatte Carl seinem Pferde nicht einen Augenblick Rast gegeben, immer noch hielt er an dem Glauben fest, er müsse einen grünen Punkt in der schwarzen Ferne entdecken.

Der Rappe war sehr erschöpft, und sein Reiter mußte ihn mit den Sporen antreiben, sollte er nicht stille stehen. Endlich aber half auch dieses Mittel nicht mehr, und Carl stieg ab, um dem Thiere die Last zu erleichtern. Er ging nun zu Fuße und zog sein Pferd an dem Zügel hinter sich her, denn die Hoffnung konnte er nicht aufgeben, Wasser zu finden.