Carl erfaßte die im Wasser vor ihm liegende Jaguarhaut, hielt aber zusammengepreßten Herzens seinen Blick immer noch auf seinen Falben geheftet; da sprang derselbe, wie von neuem Entsetzen ergriffen, aus dem Schilf heraus, erreichte mit verzweifelten Sätzen das trockene Ufer, und stob in die Finsterniß hinaus, womit die fallende Asche die Ferne bedeckte. Plötzlich wurde es hell, die ganze Luft erglühte, statt der schwarzen Asche wehte dieselbe brennend als Feuerregen über die Prairie, und Himmel und Erde schienen in Flammen zu stehen. Der Baum, unter welchem Carl verborgen lag, erbebte bis in seine Wurzeln, das Ufer schien über ihm einbrechen zu wollen, das Getöse betäubte sein Gehör, und links und rechts stürzten sich Büffel, Bären, Rosse, Hirsche, Antilopen, Wölfe, Jaguare und Panther übereinander hin von der Höhe hinab in den Sumpf hinein. Im Augenblick war derselbe, so weit Carls Blick reichte, mit wilden Thieren ausgefüllt, auf welche andere vom Ufer hinabsprangen und sich ihren Weg über deren Körper zu bahnen suchten. Der Kampf derselben war ein furchtbarer, verzweifelter, aber ein kurzer; denn Kopf an Kopf und Rippe an Rippe drängten sich Tausende von nachfolgenden Thieren über die Streitenden hin, und die Bahn für den Sturmlauf der großen Massen, die jetzt erst vor den Flammen herangebraust kamen, war geebnet: Alles, was säumte, was stürzte, ward unter den Füßen zermalmt.

Carl hatte beim ersten Erscheinen dieser furchtbaren Schaaren nach einem Revolver gegriffen, und hielt ihn fest in der Hand, die Thiere aber bemerkten ihn nicht, denn alle strebten weiter. Nur ein riesiger Panther wandte sich aus dem Getümmel der Höhle zu, um in ihr Schutz zu suchen. Er stutzte vor der gefleckten gelben Haut des Jaguars, welche Carl bis über die Brust heraufgezogen hatte, er erkannte in ihr den König dieser Wildniß und zögerte, zähnefletschend, sich ihm zu nahen. Carl hatte ihm aber den Revolver zwischen die glühenden Augen gerichtet und schoß ihm die Kugel durch den Schädel. Ohne Zucken sank das Raubthier vor Carls Füßen zusammen und der Krach des Schusses verhallte unbemerkt in dem Donnerdröhnen, womit die vorüberstürmenden Thierschaaren die Luft erfüllten. Unaufhaltsam und ununterbrochen zog Heerde auf Heerde in dicht gedrängten Reihen im buntesten Gemisch und in fliegendem Laufe zu Carls beiden Seiten vorüber, Freund und Feind nebeneinander, und hier und dort sah Carl eine Leopardenkatze, einen Lux auf dem zottigen Rücken eines kolossalen Büffels reiten.

Endlich wurden die Reihen lichter und die erschöpften Nachzügler stürzten mit Aufwand ihrer letzten Kräfte vorüber, um bald von den Flammen eingeholt und von ihnen vernichtet zu werden. Der Feuerregen war mit den Thieren weiter gezogen, der Himmel aber hatte sich in ein blendendes Gluthmeer verwandelt und der Sturm trug jetzt eine sengende Glühhitze heran. Carl warf noch einen Blick an dem Ufer empor, er sah die Flammenspitzen hoch über sich in der Luft ausgestreckt züngeln, warf sich in die Höhlung zurück und zog die nasse Jaguarhaut über den Kopf. Es waren Augenblicke zwischen Leben und Tod, er hielt den Mund dicht an die Erde, dennoch schien ihn die glühende Luft ersticken zu wollen, seine Gedanken verwirrten sich, und er hörte nur noch ein stürmisches Sausen und Brausen in der Luft. Es waren aber nur Augenblicke der Qual und der Betäubung, denn plötzlich wehte es kalt, ja eisig in die Höhle hinein; Carl warf die Jaguarhaut von sich, und verschwunden war Feuer und Gluth. Es war wieder Tag, Carl sah den hohen grauen Himmel wieder über sich, und sah vor sich die schwarzen Rauchwolken über den aufwirbelnden Flammensäulen vor dem Orkane nach Westen hin über die weite Ebene jagen. Er sprang aus seinem Versteck hervor auf das Ufer hinauf und blickte dem dahineilenden Grasbrande nach. Ein Bild des Todes, der Erstarrung umgab ihn. So weit sein Auge reichte, lag die, noch vor wenigen Minuten im Sturme wogende Prairie, eine schwarze kahle Fläche, ausgebreitet, und wohin er schaute, traf sein Blick auf versengte und verbrannte schwarze Thiergestalten, deren viele noch mit dem Tode rangen. Carl fiel auf seine Kniee, faltete seine Hände und dankte, zum Himmel aufsehend, dem Allmächtigen für seine wunderbare Rettung. Dann stand er auf und blickte auf die Verwüstung um sich; wohin sollte er sich wenden, um die lebende Welt wiederzufinden? Thränen traten ihm in die Augen, denn er dachte an die Angst, an die Sorgen der Seinigen, und fühlte sich so verlassen, so hülflos. Was mochte auch wohl aus seinem Falben geworden sein – derselbe war gewiß auch in den Flammen umgekommen! Hätte er ihn jetzt noch gehabt, dann wäre ihm nicht bange gewesen, der hätte ihn gewiß wieder nach dem Fort zurückgetragen. Carl schaute nach dem Platze, wo sein Pferd mit ihm zusammengestürzt war, und sah etwas weiter hin bei einem Mosquitobaum sich Etwas bewegen. Er ging näher und erkannte einen schwarzen Pferdekopf, der sich, wie es schien, aus einer Vertiefung erhob. Bald sah er das ganze Pferd, einen Rappen, der in einem steinigen trocknen Graben lag, wie sie häufig von schweren Gewitterregen in der Prairie erzeugt werden. Er trat nahe an das wilde Roß hinan, es war ein Rappenhengst von etwa vier Jahren, der aber Carl nicht zu bemerken schien und nur nach Luft schnappte. Er war aber nicht versengt, denn seine Mähnen hingen lang und glänzend an seinem Nacken, und über seine Stirn fielen lange Locken von seinem Kopf herab. Es war ein schönes Thier, nur sein Blick war nicht, wie er sein sollte, denn seine Augen waren mit Asche und Staub angefüllt. Die Vertiefung, in welcher das Roß lag, hatte dasselbe vor den schnell über ihn hineilenden Flammen geschützt; denn das Gras ward ja in wenigen Augenblicken von dem Feuer verzehrt, und der Sturm hatte dieses ja fliegend über die Erde hingetrieben.

Carl sprang rasch nach seiner Höhle zurück, zog den Strick seines Falben hervor und eilte damit zu dem wilden Pferde. Er befestigte denselben um dessen Hals, und band dann das andere Ende fest an den nahestehenden Baum. Das Thier war so erschöpft, daß es sich Alles ruhig gefallen ließ, auch selbst, daß Carl mit ihm sprach und ihm Kopf und Hals mit der Hand klopfte. Nun ging er wieder nach seinem Versteck, um dem Thiere Wasser zu bringen. Da er aber in dem Hut nur zu wenig herbeitragen konnte, so nahm er die Jaguarhaut, faßte ihre vier Enden und die Seiten zusammen, versenkte sie in den Quell, und hob sie dann mit Wasser gefüllt empor. Nun trug er sie vorsichtig zu dem Pferde, und goß demselben das Wasser über den Kopf. Das Thier erschrack gewaltig und sprang auf die Füße, es war aber zu schwach, um das Ufer zu erklimmen. Carl wiederholte die Uebergießung noch einigemale, und zuletzt gelang es dem Pferde, aus der Vertiefung auf die versengte Erde bei dem Baume zu springen. Carl verkürzte nun den Strick, so daß das Thier den Graben nicht wieder erreichen konnte, und er sah zu seiner Freude, wie es sich nach und nach erholte. Daniel hatte ihm oft erzählt, daß man wilde Pferde leicht dadurch bändigen könne, wenn man ihnen mit dem Lasso den Hals für einige Augenblicke zuschnüre und ihnen dann die Schlinge wieder löse. Er holte schnell den Lasso, den er am Sattel trug, und legte dem Rappen die Schlinge um den Hals, damit er im Stande sein würde, ihn zu bändigen, wenn er mit der Rückkehr seiner Kräfte böse werden sollte. Noch aber war das Thier ganz geduldig und ließ Alles mit sich thun.

Carl holte nun einen Hut voll Wasser und drückte ihn dem Pferde unter das Maul, so daß dasselbe in das Wasser kam. Das Thier schreckte mit dem Kopfe zurück, leckte aber doch seine Lippen ab, schnaubte laut aus den Nüstern und zeigte, daß ihm die Erfrischung wohlgethan habe. Sein Durst mußte schrecklich sein, denn als Carl sein Verfahren wiederholte und ihm abermals das Wasser unter das Maul hielt, trank es gierig den ganzen Hut leer. Carl brachte ihm so viel Wasser, bis es nicht mehr trinken wollte, und wusch ihm dann die Augen aus. Im Anfang erbebte das Pferd jedesmal, wenn der Knabe sich ihm nahte, bald aber sah es ihn nicht mehr so scheu an und ließ ihn, ohne zu erschrecken, bei sich kommen. Er holte nun von dem Ufer des Sumpfes frisches Gras und reichte es dem Thiere, dasselbe wollte aber noch kein Futter annehmen, worauf Carl das Gras an dem Baumstamme niederlegte.

Er hatte nun wieder ein Pferd, ob er es aber zum Reiten würde benutzen können, das war noch die Frage; versuchen wollte er es jedoch jedenfalls. Jetzt mußte er aber auch an sich selbst denken, denn sein eigener Magen verlangte nach Speise. Wegen Nahrung brauchte er nun freilich nicht in Verlegenheit zu sein, denn es lagen ja Hunderte von getödteten Thieren ganz in seiner Nähe. Er ging nach dem Ufer des Sumpfes, der mit todten Körpern vollständig ausgefüllt war und fand an dem Rande desselben einen jungen Hirsch, den die fliehenden Heere niedergetreten hatten. Carl schnitt das zarteste Wildpret aus ihm heraus, zündete ein Feuer neben dem alten Mosquitobaume an, denn trockenes Holz lag in Menge unter demselben, und bereitete nun sein Mittagsessen. Das Quellwasser war herrlich und stillte seinen Durst. Er hatte aber auch an die nächste Zukunft zu denken, denn mehrere Tage mußte er jedenfalls hier verweilen, ehe er das Pferd würde reiten können. Zeigte sich die Sonne wieder, so stand zu erwarten, daß die vielen Thierkörper schnell in Verwesung übergehen würden, wo er dann deren Fleisch nicht mehr benutzen konnte, und auf diesem öden abgebrannten Lande durfte er wohl nicht hoffen, ein lebendes Thier erscheinen zu sehen. Er zerschnitt darum das Fleisch des Hirsches in sehr dünne Streifen und trocknete es über einem rauchenden Kohlenfeuer.

Der Sturm hatte sehr nachgelassen, der Himmel hatte sich aber um so finsterer überwölkt und drohte mit Regen. Die Nacht brach herein, Carl reichte seinem Pferde nochmals Wasser, trug ihm dann einen Arm voll Gras hin und legte sich auf den versengten Erdboden bei dem Feuer nieder, nachdem er dieses mit einigen starken Stücken Holz versehen hatte. Obgleich seine Kleidung wieder getrocknet war und er das Feuer während der Nacht unterhielt, so fror ihn doch sehr, denn er besaß nichts, um sich darin einzuhüllen und konnte auch die Jaguarhaut nicht unter sich legen, weil dieselbe noch naß war. Er beschloß darum, am folgenden Morgen einem der Büffel, welche todt im Schilfe lagen, die Haut abzunehmen und sie für seinen Gebrauch, so gut er konnte, zuzubereiten, denn dies hatte er von Daniel gründlich gelernt. Als der Tag graute, erwachte Carl aus einem mehrstündigen festen Schlaf und richtete seinen ersten Blick nach dem Rappenhengst hin. Derselbe hatte sich schon erhoben und verzehrte das letzte Gras, welches Carl ihm am Abend vorher zugetragen hatte. Als aber dieser sich ihm nahete, sprang er entsetzt zurück, bäumte sich und riß mit aller Gewalt an dem Seil, womit er an dem Baume befestigt war. Carl suchte das Pferd mit guten Worten zur Ruhe zu sprechen, es schnaubte ihm aber gewaltig entgegen und stierte ihn scheu und geängstigt an, und als er ihm einen Hut voll Wasser holte, drängte es sich von ihm zurück und geberdete sich wild und unbändig. Jetzt ergriff Carl den langen Lasso, dessen Schlinge der Hengst um den Nacken trug und zog dieselbe zu. Das Roß bäumte und sträubte sich gegen die Gewalt, die ihm angethan wurde, aber der Athem ward ihm genommen und es stürzte, an allen Gliedern zitternd, zu Boden. Carl löste nun schnell die Schlinge, um das Pferd vor dem Ersticken zu bewahren, und suchte dasselbe durch Liebkosungen zu beruhigen; kaum aber athmete das Thier wieder, als es aufsprang und noch wilder, noch wüthender tobte. Carl jedoch zog abermals die Schlinge zu, wieder stürzte der Hengst zusammen, und diesmal ließ sein Bändiger ihn länger dulden und es dauerte geraume Zeit, ehe das Thier sich erholte, nachdem die Schlinge wieder geöffnet war.

Es schien jetzt die Uebermacht seines Herrn anzuerkennen, denn es duldete nun, daß derselbe sich ihm näherte und ihm wie früher mit der Hand das glatte Haar strich. Sein Zittern und Beben zeigte aber, daß seine Angst sehr groß war, wenn es sich auch nicht mehr zu widersetzen wagte. Das Wasser, welches Carl ihm reichte, wollte es nicht trinken, doch es verzehrte das Gras, welches er ihm reichlich zutrug.

Nachdem Carl nun selbst etwas gebratenes Fleisch und einen frischen Trunk aus dem Quell zu sich genommen hatte, begab er sich in das hohe grüne Schilf zu einem todten jungen Büffel, von welchem er sich die Haut aneignen wollte. Es lag ein alter Büffel und ein Pferd auf dem jungen Thiere, welche beide Carl nur mit großer Anstrengung zur Seite ziehen konnte, um zu jenem zu gelangen.

Nach langer Arbeit aber setzte er es doch durch, und nahm dem Thiere die Haut ab. Sie war groß genug, um sich darin vom Kopf bis zu den Füßen einzuhüllen, und war doch nicht so unhandlich und schwer, wie die eines ausgewachsenen Büffels. Carl spaltete nun mit dem Beil, welches er am Sattel trug, mehreren der umherliegenden Thiere die Köpfe, nahm das Gehirn aus denselben und strich die ganze Haut damit an, worauf er sie zusammenfaltete und sie mit Steinen und Stücken Holz beschwerte, um sie am folgenden Tage zuzubereiten. Sein Pferd verzehrte heute alles Gras, welches er ihm reichte, verstand sich aber erst gegen Abend dazu, Wasser aus dem Hut zu trinken.