Links und rechts jagte es an fliehenden Hirschen, an einzelnen Büffeln, an wilden Pferden vorüber, und soweit Carls Auge reichte, belebte sich die Grasfläche in jedem Augenblicke mehr mit Thieren der Wildniß, die alle vor dem Orkane dahin jagten. Carl suchte sein Pferd zu beruhigen, um ihm auf die Dauer die Kraft zu erhalten, er sprach zu ihm und klopfte mit der Hand seinen festen Hals; die Aufregung des Thieres schien sich aber immer mehr zu steigern und seine Sprünge immer weiter, immer flüchtiger zu werden. Carl blickte zurück nach dem rasch aufsteigenden schwarzen Gewölk, und sah, wie unter demselben die weiteste Ferne der flachen Prairie sich mehr und mehr mit bewegten dunkeln Massen bedeckte. Diese Massen waren die fliehenden vierfüßigen Bewohner dieser Wildniß, die das Feuer von weit her vor sich hingetrieben hatte, und die jetzt in gedrängten Reihen in wilder Flucht ihre Rettung suchten. Einen Trost fühlte Carl in dem Hinblick auf seinen Falben, den, daß derselbe den Lauf ebenso lange aushalten würde, als eines jener Tausende von Thieren, die ihm folgten; denn ließen seine Kräfte früher nach, so wäre der Tod unter den Füßen jener Massen unvermeidlich gewesen. Dahin jagte Carl Scharnhorst mit dem Sturme um die Wette, Hügel auf, Hügel ab; vergebens aber spähete er nach dem Walde des Bärflusses, sein Blick schweifte rundum nur über eine endlose Grasfläche. Immer eiliger, immer drohender zogen die Rauchwolken am Himmel empor und rollten sich in schwarzen schweren Massen über einander an demselben hin; schon jagten sie sich, wie in wildem Kampfe über Carls Haupt, mit ihrem Weiterzuge nahm das Tageslicht mehr und mehr ab, und ein Düster, wie das hereinbrechender Nacht, legte sich auf die im Sturme wogende weite Grasfläche. Plötzlich zog ein röthlicher Schein über das schwarze rollende Gewölk, und als Carl sich umwandte, sah er im Halbzirkel hinter sich die Flammen des brennenden Grases über dem äußersten Rande der Prairie emporlodern. Sie schlugen hoch und wild zum Himmel auf und beleuchteten mit ihrem glühendrothen Scheine das wogende Thiergewirre, das sie im Todeslaufe vor sich hertrieben. Die ganze Fläche hinter Carl schien zu leben, und wie ferner Donner drang es von dort her zu seinem Ohr. Die Rauchwolken hatten den ganzen Himmel überzogen, sie schienen rundum auf dem Rande der Prairie zu liegen, und die durch sie erzeugte schwarze Nacht wurde nur durch das glühende Feuerlicht der immer höher in der Ferne hinter Carl aufsteigenden Flammen verscheucht. Fort ging es mit des Sturmes Rasen über viele, viele Meilen weite Strecken, immer noch gleich flüchtig trug der brave Falbe seinen Reiter weit vor den heranstürmenden Thiermassen hin, und nur einzelne der schnellsten Bewohner dieser Steppen, Hirsche, Antilopen und wilde Pferde begleiteten ihn zu beiden Seiten auf der verzweifelten Flucht. Alles rannte in blinder Verwirrung durcheinander hin, Alles in seiner Schnelligkeit Rettung suchend, Alles vor dem furchtbaren Elemente fliehend, dessen Flammen, vom Orkan getragen, über das Grasmeer wirbelten und in ihrer Gluth verzehrten, was ihrem Bereich verfiel.

Nicht weit von Carl jagte ein Trupp wilder Pferde; an ihrer Spitze befanden sich viele Füllen, welche, wie es schien, durch die Alten zur Eile angetrieben wurden, denn diese rannten hinter ihnen hin und her, und ließen sie nicht zurückbleiben. Zwei der Füllen aber stürzten plötzlich zusammen, und während die Heerde an ihnen vorübersauste, blieben ihre Mütter bei ihnen zurück, stießen sie mit dem Kopf, scharrten an ihnen mit den Vorderfüßen und suchten sie auf alle Weise zum Aufstehen zu bewegen; es war aber umsonst, die Kleinen konnten sich nicht wieder erheben. Nochmals versuchten es die Stuten, sie aufzutreiben, dann aber sahen sie mit entsetztem Blick nach den Flammen zurück, und jagten der Heerde nach. Bald darauf brach ein mächtiger Hirsch vor Carl zusammen, er sprang wieder auf und suchte sich auf den Füßen zu erhalten, sank aber immer wieder nieder, und als Carl an ihm vorüberjagte, hob das erschöpfte Thier den Kopf empor und schaute ihn an, als ob es seine Hülfe erflehen wolle.

Hier stürzte ein Pferd, dort eine Antilope, da ein Hirsch, ein Büffel; ihre Kameraden aber flohen davon und überließen sie ihrem Schicksale.

Noch hatte des Falben Schnelligkeit nicht nachgelassen, Angst und Entsetzen trieben ihn vorwärts, und die Verzweiflung gab seinen Gliedern immer noch neue Kräfte. Dennoch fühlte Carl, daß die Bewegungen des edlen Thieres härter und weniger leicht wurden, und mit Schrecken hörte er durch das Heulen und Brausen des Orkans die mühsamen schweren Athemzüge des treuen Rosses. Bald aber wurden auch dessen Sprünge kürzer, seine Glieder hoben sich nicht mehr hoch über das trockne harte Gras, sie theilten mühsam dessen verworrene Halme, und Erschöpfung zeigte sich in seiner verminderten Schnelligkeit. Augenscheinlich kamen die Flammen und die heranstürmenden Heere der wilden Thiere jetzt Carl näher, und mit Entsetzen schaute er bald rückwärts in die, zwar noch ferne auflodernde Gluth, bald in die düstere Weite vor sich. – Wo – wie – sollte er Rettung finden, Rettung für sich und für sein ihm so theures Pferd!

In der Ferne, nur in der weiten Ferne konnte er sie suchen; ein Wald – ein Wasser – klang es mit verzweifelndem Verlangen durch Carls Seele, und mit schmerzlichem Zucken stach er beide Sporen in die von Schweiß triefenden Flanken des ermüdeten lieben Rosses. Hoch schnellte das Thier sich wieder über das Gras hinaus und ließ in fliegender Carriere abermals eine Meile hinter sich zurück; um so schneller aber sanken seine Kräfte, und um so mühsamer wurden seine Anstrengungen, sein Athmen. Der kürzeste Aufenthalt aber war sicherer, unvermeidlicher Tod; vorwärts, war die Losung, und abermals trieb Carl den Falben zu wilder Flucht an, und nochmals folgte das treue Thier der Aufforderung seines Reiters. Es sauste hinab in ein schmales Thal und hatte die nächste Höhe mit letzter Anstrengung erreicht, da stürzte es mit seinem Reiter zusammen und wandte seinen Kopf mit einem Blick nach ihm hin, als wolle es Abschied von ihm nehmen. Mit Entsetzen sprang Carl empor, und schlang seine Arme um den Hals des geliebten Thieres; wie konnte er ihm helfen – wie konnte er sich selbst retten?

Er sah zurück in die zum Himmel auflodernden, im Fluge heranziehenden Flammen, sah die schwarzen Thiergestalten im Sturmlauf näher kommen, und hörte den Donner, womit sie den Boden unter sich erdröhnen ließen. Hier durfte er nicht weilen; noch einen kurzen Abschied dem Falben, und mit der Büchse in der Hand rannte Carl über die Höhe davon. Er hatte aber kaum vierzig Schritte zurückgelegt, als er hinter einem niedrigen Gebüschstreifen in einer Vertiefung ein sumpfiges Wasser gewahrte, welches in kurzer Entfernung bei einem alten kolossalen Mosquitobaum seinen Anfang zu haben schien. Carl lief zu dem Baume hin, der hoch auf dem Ufer stand und sich über das Wasser neigte, welches tief unter seinen Wurzeln als klarer Quell hervorkam und nach dem Sumpfstreifen hinfloß. Der gütige Gott hatte ihn zu seiner Rettung hierhergeführt, das fühlte Carl mit dankerfülltem Herzen, und mit gläubiger Zuversicht auf seinen fernem Beistand warf er noch einen Blick in die Vertiefung unter den Wurzeln des Baumes, und rannte dann mit fliegenden Sprüngen zu seinem Pferde zurück. In wenigen Augenblicken hatte er die Gurte des Sattels gelöst, denselben von dem Pferde herabgezogen, den Strick, den dasselbe um den Hals trug, so wie den Zaum von ihm genommen, und trug Alles in Eile in die Aushöhlung, welche sich unter dem Baume in dem Ufer befand. Jetzt erinnerte er sich, daß Daniel ihm gesagt hatte, man müsse bei einem Prairiebrand selbst das Gras, wo es niedrig stehe, anzünden, um einen Platz zu gewinnen, wo dann das heranziehende Flammenmeer keine Nahrung mehr finden würde; da dachte er aber an seinen Falben, sollte er selbst dem treuen Thiere den Tod bereiten? Unmöglich, das konnte er nicht, und wenn er selbst ein Opfer des Feuers werden sollte. Er riß schnell seinen Hut vom Kopfe, füllte ihn an dem Quell, rannte damit zu dem erschöpften Pferde, und goß demselben das Wasser über den Kopf. Das erschreckte Thier raffte sich auf, stürzte wankend vorwärts und erreichte den Sumpf, in welchem es abermals zusammenbrach.

»Gottlob!« rief Carl aus, als er das Wasser aus dem hohen schilfartigen frischen Grase über dem Thiere aufspritzen sah; denn möglicherweise blieb dasselbe dort von der schnell über ihm hinziehenden Gluth verschont. Da hörte er aber wieder den Donner der heranstürmenden Thiere, und sah schon im Geiste, wie dieselben seinen armen Liebling unter ihren Füßen zermalmen würden. Es stand aber nicht in seiner Macht, mehr für das Roß zu thun, und die unter ihm dröhnende Erde mahnte ihn, auf seine eigene Sicherheit bedacht zu sein. Er sprang nach dem Baume zurück und in die Vertiefung unter demselben in das Wasser hinein. Er legte sich darin nieder, so daß seine Kleidung ganz durchnäßt wurde, sein Gepäck und seine Waffen schob er unter den Wurzeln des Baumes tief in das Ufer hinein, indem er schnell mit dem Messer und mit den Händen die Höhle noch vergrößerte. Dann tauchte er die Jaguarhaut in den Quell, um sich damit zu überdecken, sobald das Feuer sich nahe; denn Daniel hatte ihm erzählt, daß sich die Indianer bei einem Prairiebrande wohl in eine frische Büffelhaut einwickelten, um sich gegen das Feuer zu schützen.

Das Ufer war ziemlich hoch, das Gras an dessen Abhang und um das Wasser konnte nicht brennen, da es noch grün war, und die Büsche, die auf dem Ufer standen, gewährten gleichfalls noch Schutz. Auch vor den fliehenden Thierschaaren war er sicher, und seine ganze Besorgniß, seine Angst war nur noch dem lieben Falben zugewandt. Derselbe hatte sich aber wieder etwas erhoben und streckte seinen Kopf empor, als wolle er über das Ufer hin nach dem dumpfen Getöse spähen, welches schnell näher kam und von Minute zu Minute lauter und dröhnender mit dem Brausen des Orkans die Luft erfüllte.

Jetzt verfinsterte sich die Luft, ein dichter schwarzer Aschenregen wehte über die sumpfige Vertiefung und raubte Carl jeden Blick in die Ferne, nur den Falben konnte er noch erkennen, weil der Sturm die Asche hoch über denselben hinauswehte. Zugleich meldete das Erzittern der Erde das Nahen der wilden fliehenden Thierschaaren an, und der Donner ihrer Tritte, die Schreckenstöne ihres Gebrülls, ihres Geheuls mischten sich mit den furchtbaren betäubenden Accorden des Sturmes.