Dann legte Carl sein Jagdgeräth ab, breitete seine Jaguarhaut unter einer alten Eiche aus, und ließ sich darauf nieder, um nun der Ruhe zu pflegen, die ihm so sehr nöthig war. Madame Turner hatte ihm am frühen Morgen, wie sie immer zu thun pflegte, wenn Carl auf die Jagd gehen wollte, ein Stück Brod und etwas Fleisch in die Jagdtasche gesteckt, dies holte er jetzt hervor und stillte seinen Hunger damit, der sich auch nun fühlbar gemacht hatte.

Carl meinte, so gut habe ihm noch niemals eine Mahlzeit geschmeckt, er fühlte sich dabei so froh und so beglückt im Herzen, denn er dachte an seine geretteten Brüder und an den Jubel, den ihre Rückkehr nach der überstandenen Gefahr im Fort erzeugt haben mußte. Freilich wußte er, daß Turners sehr besorgt um ihn sein würden, er hatte ihnen ja aber sagen lassen, daß er vielleicht spät nach Hause kommen könne und mit dem ersten Tageslicht wollte er ja auch seinen Rückweg nach dem Fort antreten.

Wo hinaus aber lag das Fort? – darüber war Carl mit sich nicht eins, er tröstete sich aber damit, daß Morgen die Sonne scheinen würde und er nur ihrem Aufgange entgegenzureiten brauche, um an den Bärfluß zu gelangen; denn derselbe floß ja von Süden nach Norden in den rothen Fluß.

Dieserhalb beruhigt, und mit dem beseligenden Bewußtsein, eine gute That vollbracht zu haben, sank er bald auf seinen Sattel zurück und verfiel in einen süßen, stärkenden Schlaf.

Der Wind nahm von Stunde zu Stunde an Heftigkeit zu, er pfiff und heulte durch die alten Eichen, schüttelte ihre gewaltigen Aeste und warf ihr trockenes Holz von ihnen auf die Erde nieder; Carl hörte nicht, was um ihn her vorging und fühlte nicht, wie der Wind in seinen reichen Locken wühlte, er schlief den Schlaf der Guten und träumte von seinen Brüdern. Kaum aber graute der Tag, als er erwachte und sich verwundert umblickte, denn im ersten Augenblick wußte er nicht, wo er war.

Der Falbe wieherte laut auf, als er die Bewegung seines Herrn sah, und Carl ermunterte sich schnell und sprang zu dem Pferde, um dasselbe auf einen andern Weideplatz zu führen. Zugleich hörte er etwas weiter an dem Wasser hinunter den kollernden Ruf von wilden Truthühnern, womit sie den Morgen begrüßten. Carl hatte nichts mehr zum Essen bei sich, deshalb ergriff er seine Büchse und sprang schnell in das Buschwerk dem Rufe der Truthühner nach. Er gelangte an die letzten Büsche, als er wohl fünfzig dieser kolossalen Vögel aus demselben hervor und unter den Eichen hinrennen sah.

Ihr Lauf war so flüchtig, wie der eines Pferdes, doch Carl hatte schnell einen der größten Hähne unter ihnen gewählt und sandte ihm seine Kugel nach. Sie traf, der Vogel stürzte, mit den Flügeln um sich schlagend, zusammen, und Carl trug ihn eilig nach seinem Lagerplatz. Dort zündete er sogleich ein Feuer an, schnitt die besten fettesten Stücke Fleisch von der Brust des Vogels, spießte sie an einen Stock und pflanzte sie vor der Feuergluth zum Braten auf. Das Frühstück war bald bereitet und schmeckte Carl vortrefflich, als er es aber beendet, eilte er, sich zum Nachhauseritt fertig zu machen, denn er wußte, wie sehr man nach seiner Rückkehr verlangen würde.

Der Falbe hatte sich in dem fetten wilden Roggen tüchtig etwas zu Gute gethan, er wurde rasch gesattelt und Carl schwang sich auf ihn hinauf, mit dem freudigen Gedanken daran, welcher Jubel ihn im Fort empfangen würde. Die Sonne war nicht erschienen, der hohe Himmel war mit einem hellen einfarbigen Grau überzogen und der Wind blies mit einer solchen Gewalt durch die Bäume, daß ihre Aeste wild umherschlugen und knarrten und krachten. Carl beschloß nun, auf der Fährte des Falben seinen Rückweg nach dem Bären zu suchen, denn von dort aus konnte es ihm dann nicht mehr schwer werden, sich nach Hause zu finden. Das niedergetretene Gras hatte sich aber während der Nacht in den Huftritten wieder aufgerichtet, der Wind hatte die Halme über denselben vereinigt, und es war unmöglich, sie noch zu erkennen. Carl blickte verlegen um sich, denn er wußte wirklich nicht, wohinaus er reiten sollte. Die Richtung, von woher er am Abend zuvor den Falben zuerst erblickt hatte, glaubte er jedoch zu erkennen und hiernach wählte er seinen Weg; denn geritten mußte werden. Er setzte sein Pferd in Trab und ließ seine Blicke über den Boden schweifen, in der Hoffnung, doch wohl einmal des Falben Spur vom vergangenen Tage zu finden; doch es gelang ihm nicht, so aufmerksam er auch war. Wie hätte dies auch geschehen können, er ritt ja ganz in der entgegengesetzten Richtung von der, welcher er zu folgen glaubte; er ritt nach Westen, und das Fort lag hinter ihm in Osten. Als er nun glaubte, in die Nähe des Bären zu kommen, strengte er seine ganze Sehkraft an, um ihn zu entdecken, aber vergebens; er ritt und ritt stundenlang in gleicher Richtung vorwärts, vom Bären sah er nichts, und plötzlich befand er sich an dem Rande des Eichenwaldes, wo derselbe sich an die Prairie anlehnte. Mit aller Zuversicht, daß er sich auf dem rechten Wege nach dem Bärflusse befinde, ritt er in das hohe trockene Gras hinaus, dessen lange Halme der Sturm in einander verwirrt hatte. Das Gehen wurde dem Pferde mitunter in den Vertiefungen der Prairie beschwerlich, weil dort das Gras ihm bis an den Sattel reichte, auf den Höhen aber munterte Carl es zur Eile auf, und willig folgte das Thier dem Wunsche seines Reiters. Jetzt stieg eine Waldinsel vor Carls Blick empor, und er bewillkommnete sie als das Wäldchen, welches seinen Brüdern Rettung gebracht hatte; nun war er sicher, daß er ohne Schwierigkeit seinen Weg nach dem Fort finden würde. Er kam näher und näher und immer mehr überzeugte er sich, daß es dasselbe kleine Gehölz sei, in dessen Nähe er sich gestern von seinen Brüdern getrennt hatte. Auch selbst, als er dasselbe erreichte, glaubte er noch, die einzelnen Bäume zu erkennen, und daß er von der Spur des Bären nichts mehr sah, war ja bei diesem Sturm nicht zu verwundern. Er ritt getrost weiter, mußte aber seinen Hut tief auf den Kopf drücken, damit ihm derselbe nicht davon flog. Der Wind steigerte sich mehr und mehr, bis er um die Mittagszeit als entfesselter Orkan von Süden her über die unabsehbare Grasfläche brauste. Vergebens suchte Carls Blick in der Ferne den Wald des Bärflusses zu entdecken, der seiner Berechnung nach schon sichtbar sein mußte, und ein unheimliches Gefühl der Ungewißheit über die eingeschlagene Richtung drängte sich ihm unwillkürlich auf. Es fiel ihm jetzt auch auf, daß er ungewöhnlich viele Thiere auf der Prairie in Bewegung sah, und zwar mit einer Unruhe, die er früher nie so allgemein an ihnen bemerkt hatte. Namentlich kamen deren immer mehr von Süden mit dem Sturme herangezogen und schienen sich weniger um Carl zu kümmern, als sonst. Er hatte eine Zeitlang verwundert dem Winde entgegen geblickt, als er plötzlich einen dunklen Streif über dem fernen Horizont gewahrte. Er hielt denselben im ersten Augenblick für aufsteigendes Gewölk, dann aber kam er ihm nicht mehr wie gewöhnliche Wolken vor, es war ein glatter langer Strich, der sich schnell über den äußersten Rand der Prairie erhob und immer schwärzer von Farbe wurde. »Das ist kein Gewölk; was aber kann es sein, das mit dem Sturm dort heranzieht?« dachte Carl, und sah in weitester Ferne noch immer mehr Thiere heranjagen. Da fuhr es ihm wie ein Blitzstrahl durch die Gedanken: »Wenn es ein Prairiebrand wäre!« Kaum hatte er es gedacht, so stand auch die Gewißheit in ihm darüber fest, denn das Bild, welches Daniel ihm so oft von diesem Schreckensereigniß gegeben hatte, stimmte vollkommen mit dem überein, welches er jetzt vor Augen hatte.

Der schwarze Strich waren Rauchwolken, die schon beinahe um den dritten Theil des Horizonts sichtbar wurden, und sich weiter und weiter hinter Carl ausdehnten.

Zugleich änderte der Sturm seine Richtung und kam mehr von Osten hergezogen. Noch lebte die Hoffnung in Carl, daß seine Richtung ihn nach dem Bärflusse führe, wenn auch viel weiter nach dessen Mündung in den rothen Fluß, als das Fort lag. Hier war keinenfalls seines Bleibens, und nur die Flucht konnte ihn und sein Roß von einem grausigen Untergange in den Flammen des brennenden Grases retten. Auch der Falbe schien jetzt die drohende Gefahr, die mit jenen Rauchwolken aufstieg, zu ahnen, denn er sah schnaubend nach ihnen hin und drängte sich in das Gebiß, um davoneilen zu dürfen. Kaum aber hatte Carl ihm die Zügel gegeben, so flog das Thier mit ihm davon, als wolle es den Sturmwind hinter sich zurücklassen.