Der Himmel hatte sich mit grauem Gewölk überzogen und ein heftiger Wind war von Süden her aufgesprungen, als der Neger den Wald erreichte, unter dessen Laubdach das immer dort herrschende Düster schon durch den einbrechenden Abend vermehrt wurde. Dennoch konnte Daniel von seinem Pferde herab die Fährten des Falben und des Bären erkennen, wenn er ihnen auch mehr Aufmerksamkeit schenken mußte, als in dem hohen Grase der Prairie, wo die zerrissenen und niedergedrückten Halme dieselben auf weithin bezeichneten. Er mußte seiner Eile, seiner Sehnsucht aber Gewalt anthun und im Schritt reiten, um nur die Fährten nicht zu verlieren. Bald aber wurde es so düster, daß er dieselben vom Sattel herab nicht mehr erkennen konnte, weshalb er abstieg und sein Pferd führte. Mit schwerem Herzen ging er von Baum zu Baum und suchte den Gedanken zu bekämpfen, daß er plötzlich den Fleck erreichen würde, auf welchem sein junger Freund ein Opfer seines edlen Herzens geworden – und durch das fürchterliche Thier gemordet war. Er mußte der zunehmenden Dunkelheit wegen gebückt gehen, um die Fußtapfen des Bären erkennen zu können, schritt aber immer noch mit möglichster Eile vorwärts, als er plötzlich aufsah und sein Blick auf das getödtete Ungethüm fiel.
»Gerettet, gerettet, mein junger Herr ist gerettet!« schrie der Neger laut zum Himmel auf und hob seine Hände gefaltet empor, dann zog er sein Pferd im Trabe hinter sich her zu dem Bären, bei dem er niederfiel, um sich zu überzeugen, daß er durch Carls Kugeln getödtet sei. Bei seiner Herzensfreude jubelte er hell auf, ließ seinen gellenden Jagdruf durch den Wald ertönen und feuerte die beiden Rohre seiner Büchse ab. Antwort wurde ihm keine andere gegeben, als die, welche eine Eule ihm klagend zurief; der Neger aber lachte lustig auf und sagte: »Du lügst, ich habe bessere Kunde von meinem jungen Herrn!«
Carl war schon zu weit von Daniel entfernt, als daß er dessen Schüsse hätte hören können.
Er war während des ganzen Nachmittags den Huftritten seines Rosses unermüdlich gefolgt, bald rechts, bald links, bald vorwärts, bald rückwärts, so daß er zuletzt gar nicht mehr wußte, in welcher Richtung er gehe, denn die Sonne hatte sich versteckt, und seinen Compaß hatte er unglücklicherweise zu Hause gelassen. Es war ihm aber im Augenblick auch ganz einerlei, wohinaus er ginge, denn er stand ja immer noch auf der Fährte seines Falben, und das war der beste Wegweiser, den er jetzt sich wünschen konnte. Lange Zeit hatte die Fährte deutlich gezeigt, daß das Pferd flüchtig gewesen war, dann aber hatte es sich in Trab gesetzt, und nun erschienen die Fußtritte im Schritt. Es war um dieselbe Zeit, als Daniel den Bären fand, daß Carl nur noch mühsam die Fährte seines Rosses erkennen konnte, und mit traurigem, verzweifelnden Herzen blickte er zu dem grauen Himmel auf, weil er befürchtete, daß ein schwerer Regen jedes Kennzeichen von dem Wege verwischen würde, welchen der Falbe eingeschlagen hatte. An sich selbst dachte er noch gar nicht, er fühlte keine Müdigkeit, keinen Hunger, keinen Durst; das heiße Verlangen, sein braves Pferd wiederzufinden, erdrückte jedes andere Gefühl in ihm. Jetzt wurde er irre in der Fährte, es war zu dunkel, um sie noch zu erkennen; er beschloß daher, hier unter einer alten Eiche zu schlafen und am folgenden Morgen sein Suchen wieder zu beginnen.
Er stellte seine Büchse an den Baum und war im Begriff, seine Jagdtasche abzulegen, als er in der Ferne unter den Eichen eine Bewegung bemerkt zu haben glaubte. Er fuhr zusammen, denn die Hoffnung, die ihn bis hierher begleitet hatte, erwachte in dem Augenblick wieder mit aller Stärke. Er verwandte keinen Blick von jenem Fleck zwischen den schwarzen Stämmen, und da bewegte es sich abermals. Schnell hatte er die Büchse ergriffen und sprang von Baum zu Baum, jedoch vorsichtig dem sich bewegenden Gegenstand zu, der vor seinem Blick immer heller erschien, bis er plötzlich die gefleckte Jaguarhaut auf der unbestimmten Form seines Falben erkannte.
»Falber, Falber!« schrie er dem Pferde zu, um sich ihm zeitig zu erkennen zu geben, damit das geängstigte Thier nicht etwa die Flucht vor ihm ergreifen möge, und ging nun mit liebkosenden, zutraulichen Worten näher und näher zu ihm hinan.
Das Pferd hatte ihn bald erkannt, wieherte ihm freudig entgegen, und als Carl mit den Worten zu ihm trat: »Ja, Falber, ehrlicher Falber, freuest Du Dich denn, daß ich wieder bei Dir bin?« da wieherte das Thier abermals und legte seinen Kopf auf die Schulter seines jungen Herrn.
Carl war im Begriff, dem Pferde Sattel und Zeug abzunehmen, da erkannte er weiterhin unter den Eichen einen Gebüschstreifen, und er zog es vor, dort sein Nachtlager aufzuschlagen, weil er in dem Dickicht weniger leicht gesehen werden konnte, und die Dunkelheit ihn noch nicht genug verbarg. Er führte sein Pferd nach dem Gebüsch hin und fand in demselben zu seiner größten Freude ein frisches Quellwasser, welches wahrscheinlich den Falben herbeigelockt hatte; denn derselbe war schon dabei gewesen, wie dessen Huftritte in dem weichen Boden zeigten.
Für Carl war diese Entdeckung eine große Wohlthat, denn jetzt, da sein Verlangen nach dem Pferde gestillt war, fühlte er seine Erschöpfung und einen brennenden Durst.
Er warf sich an den Quell nieder, und als er sich nach Herzenslust daran gelabt hatte, nahm er dem Falben Sattel und Zaum ab und band ihn mit dem Seil, welches derselbe zu diesem Zwecke um den Hals trug, an ein junges Bäumchen, damit er noch in dem üppig grünen wilden Roggen weiden könne, der zwischen den Büschen den Boden bedeckte.