»Ich muß fort,« sagte er, heftig bewegt; »die Delawaren dürfen mich nicht sehen; sollten sie nach mir fragen, so sagen Sie, ich hätte Sie verlassen, um wieder auf See zu gehen.«
»Daniel, um Gottes willen, Daniel, Du wolltest uns verlassen – das ist unmöglich, Du darfst nicht fort – bester Daniel, bleibe bei uns – was soll ohne Dich aus uns werden!« riefen Turners durcheinander und schlangen ihre Arme um den Neger; doch dieser wand sich mit den Worten von ihnen los: »Ich muß fort, um Ihretwillen und um meiner selbst; wenn Carl nicht zu viel über mich geredet hat, so werden die Delawaren sich nicht lange aufhalten, und dann komme ich zu Ihnen zurück, ich bleibe im Walde. Sagen Sie nur dem Häuptling, wenn er nach mir fragt, ich sei wieder auf See gegangen.«
Mit diesen Worten sprang Daniel davon, eilte nach dem Kanoe, und verschwand bald darauf an der andern Seite des Flusses in dem Walde.
Turners standen sprachlos; das Glück und der Schmerz hatten sie gleich gewaltig ergriffen, und Thränen der Freude und des Leids füllten zugleich ihre Augen. Das Glück aber war für den Augenblick stärker; sie sahen den Reiterzug nahen, und mit ihm den todtgeglaubten Liebling ihres Herzens ihren Armen entgegeneilen. Näher und näher kamen die Reiter, schneller und stürmischer schlugen die Herzen der Turners, und sehnsüchtiger und verlangender breiteten sie die Arme nach dem geliebten Wiederkehrenden aus. Da sprengte von der Spitze der nahenden Schaar Carl Scharnhorst auf seinem Rappenhengst heran über das wogende Gras, und sauste unter jauchzenden Freudenrufen am Hügel herauf seinen Lieben zu. Er warf sich vom Pferde und Turners in die Arme. Es war ein Augenblick höchster Seligkeit, welche die Wiedervereinten überwältigend durchbebte, die keine Worte, die nur Thränen, heiße Freudenthränen hatten, um ihren Gefühlen Ausdruck zu geben, ihren übervollen Herzen Luft zu machen.
»Wo ist Daniel?« rief Carl plötzlich, wie aus einem Rausche erwachend, und blickte sich erschrocken nach den Indianern um, die jetzt den Fuß der Höhe erreicht hatten und von ihren Pferden stiegen.
»Er ist fort, in den Wald; wir sollen sagen, er sei wieder auf See gegangen,« antwortete Turner rasch.
»Gottlob, dann wird Alles gut gehen!« sagte Carl und wandte sich schnell dem Häuptling zu, der jetzt auf der Höhe mit feierlichem Ernst herangeschritten kam. Carl ergriff seine Hand und führte ihn zu den Seinigen, indem er ihn denselben als seinen liebevollen hülfreichen Freund vorstellte. Turners hießen den Indianer mit so stürmischer Herzlichkeit willkommen, daß derselbe tief ergriffen ward, und mit augenscheinlicher Freude die Danksagungen, die Liebkosungen der beglückten Familie hinnahm. Sie ließen ihm kaum Zeit, seinen Leuten zuzurufen, daß sie weiter am Fluß hinauf ihr Lager aufschlagen möchten, und zogen ihn, von ihren Armen umschlungen, in das Fort hinein, um ihm dort wieder und wieder ihre Dankgefühle darzuthun.
Dem Häuptling waren solche stürmische Ausdrücke menschlicher Gefühle eben so fremd wie überraschend, denn der Indianer zeigt niemals in seiner äußern Erscheinung, was in seinem Innern vorgeht; im höchsten Schmerz, im höchsten Glück liegt dieselbe stolze Ruhe auf seinen Zügen. Diese Kundgebungen der Freude und der Dankbarkeit Turners aber rissen ihn aus seiner äußern Theilnahmlosigkeit, seine Züge erheiterten sich, Freude, herzinnige Freude strahlte aus seinen Blicken, – und immer wieder drückte er Turner und dessen Gattin die Hände, und nahm die Kinder in seine Arme. Es dauerte lange, ehe der Sturm des unverhofften Glücks der Wiedervereinten verwogte; dann aber mußte Carl ausführliche Mittheilung über seine Schicksale und über seine Rettung machen. Alle lauschten seiner Erzählung mit der größten Theilnahme, manches »Gottlob« drang von den Lippen der Hörer, manch dankbarer Blick wurde von ihnen zum Himmel gesandt, und manche Thräne entfiel ihren Augen. Als er seinen Bericht aber beendet hatte, da ging der Knabe abermals aus einer Umarmung in die andere, und der Häuptling wiederholte die Worte: »Warum mußtest Du unter den Weißen, und nicht unter den Delawaren geboren werden!«
Bis jetzt war des Negers noch nicht erwähnt worden und Turners vermieden absichtlich jedes Wort, welches das Gespräch hätte auf denselben lenken können. Madame Turner und Julie entfernten sich, um ihren Gast auf das Beste zu bewirthen, und Turner und Carl unterhielten ihn, indem sie ihm ihre sämmtlichen Waffen zeigten, und ihm deren Vorzüge vor den, in diesem Lande gewöhnlich benutzten langen einfachen Büchsen auseindersetzten. Das Abendessen war für diese Wildniß ein ausgezeichnetes zu nennen. Madame Turner hatte dabei alle ihre Kochkunst aufgeboten und das Beste ihrer Vorräthe dazu verwandt. Auch war das gute Porzellan dabei aufgetragen, alles Silberzeug auf den Tisch gebracht und derselbe herrlich mit Blumen geschmückt. Dem Häuptling entging es nicht, daß Alles dies nur ihm zu Ehren geschah; denn er war schon oft von Grenzansiedlern bewirthet worden, wo es immer viel einfacher hergegangen war.
Die Aufmerksamkeiten und Herzlichkeiten Turners machten ihm Freude und er meinte, daß die Europäer mehr Gefühl für Freundschaft und Dankbarkeit hätten, als die Amerikaner.