Inventa es Mater Salvatoris Virgo Dei Genetrix, quem totus non capit orbis in tua se clausit viscera, factus homo.

Ich neigte den Kopf, alle Bekenntnisse der Trennung und dieser schmerzlichen Zeit im aufgewühlten Herzen bewegend, und dachte: „Ich kann Dein Gesicht nicht zu mir hertragen, Mutter, so viele Jahre liegen zwischen gestern und heute; aber aus jeder Landschaft noch, die ich beschreite, blickt Deine Güte, aus jedem Sturme spricht Deine Stimme zu mir. Mein Geist ist dem Deinen nahe. Meine Seele bettet sich in das Tal Deiner Wangen, sie wandert in den Falten Deines Gesichtes einher wie der Wanderer, der in den Schluchten der Berge verirrt ist, und findet nie ein Ende. Ich bin ertrunken in Deinen Augen. Wie die Welle über den Schlummernden am Grunde der Wasser, so gleitet über mich Deiner Liebe Lächeln.“

Arabische Knaben erhoben die helle Stimme zum Gesang. Die Seele, des schwebenden Schrittes entwöhnt, stürzte in sich zusammen. Neben mir knieten zwei gefangene Engländer in ihrem lehmfarbenen, sauber gebürsteten Waffenrock; ich blickte auf die Leidenslinie ihrer jungen Gesichter, und wie ich sie so an meiner Seite sah, die Kette des Skapuliers über die Schultern gehängt, die sie beschützt hatte vor Krankheit und Tod, vor den Gefahren der Schlacht, in dunkler Gefangenschaft, wie sie fern von der Heimat, die liebliche Heiterkeit englischer Dörfer vor Augen, die Gesichter betend hinter der mageren Hand verbargen, wurde die Stimme des Brudertums so laut in mir, daß es mir Mühe machte, die Tränen zurückzuhalten.

Laudemus omnes in Domino diem festum celebrantes sub honore beatae Mariae Virginis.

Als ich wieder aufsah zu dem palmengeschmückten Bilde, fand ich ihr Gesicht zum zweitenmale verändert, als blickten alle, die in dieser Kirche versammelt waren, arabische, armenische und chaldäische Christen, griechische Kaufleute, deutsche Offiziere, verwundete, kranke und gefangene Soldaten, Frauen, Kinder und Greise mit mir empor zu der Mutter des Menschengeschlechts, die die gesegnete Frucht ihres Leibes umklammert hielt, sie liebevoll hinter dem schützenden Mantel zu bergen. Und ich sah Leid, Kummer, Zorn und Verzweiflung in den Lichtern ihrer Augen stehen, zwei spitze, schwertheiße Flammen. Da erkannte ich die Menschheit, die von Schmerzen zerrissen und fluchbeladen mit mir in diesem Raume kniete, eine stumme, untröstliche Gemeinde, die gekommen war, an ihrem Bilde um Vergebung zu bitten.

Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!

Dumpf tönte das Aufschlagen der Hände gegen die Brust.

Da aber klang in unendlicher Versöhnung ihre erlösende Stimme aus der Höhe herab: „Ich habe Frucht getragen wie ein Weinstock, ich gab von mir süßen Geruch. Ich bin die Mutter der schönen Liebe, der Furcht, der Erkenntnis und heiliger Hoffnung. In mir ist Gnade jeglichen Weges, jeglicher Wahrheit. Kommt zu mir alle, die ihr mein begehrt, an meinen Brüsten werdet ihr gesättigt werden. Mein Geist ist süßer denn Honig, meine Erbschaft köstlicher denn Honig und Honigseim. Mein Andenken bleibt in ewige Geschlechter. Die mich essen, werden noch hungern, und die mich trinken, werden nach mir durstig sein.“

Alleluia, alleluia. Per te, Dei Genetrix, nobis est vita perdita data: quae de coelo suscepisti prolem et mundo genuisti Salvatorem. Alleluia.

Die silbernen Schellen erklangen, der Priester küßte das goldgeschmückte Buch, Weihrauchwolken erhoben sich zum Gewölbe der Kirche. Eine süße Wehmut stieg auf in meiner Brust, und aus ewigen Gründen hörte ich eine Stimme sagen: „Lege von Dir den Rock, der mit Schmutz und Eiter bedeckt ist. Laß liegen den Kranken auf seinem Bett, auf seiner Bahre den Verwundeten, den Sterbenden in seinem Blut. Auch Du bist berufen, ein Jünger zu sein, auf Erden das Reich Deiner Mutter aufzurichten, ein Baumeister der Liebe unter den Völkern und eine leise Stimme der Zukunft. Hatte ich nicht in Dein Herz die Gabe der Liebe gelegt, die Gewalt der Rede, die ich Dir geschenkt hatte? Hättest Du nicht aufstehen sollen, Deine Hände gegen den Mund zu legen, sei es auch gegen eine Welt kalter Gerechtigkeit, um zu sterben unter dem Hasse der Menge, ein Narr des Edelmutes, eine Heldenstimme der Unvernunft? Du aber gingst hin, verschlossest den lebendigen Strom des Gewissens, weigertest Speise und Trank Deinen Worten, die hinter dem Gehege Deiner Zähne dahinstarben wie gefangene Tiere. Du Knecht der Stummheit! Du Verbrecher des Schweigens! Du Dieb der Wahrhaftigkeit!“