Regina mundi dignissima et mater perpetua intercede pro nostra pace et salute.

Aber zum dritten Male aufschauend erblickte ich hinter dem palmengeschmückten Bilde den Leib des Gekreuzigten, mit Blut bedeckt, die Hände von Nägeln zerschlagen, und erkannte in ihm das Bild dieser Erde, die, in Kriegen verstümmelt und von grenzenlosem Elend verzerrt, sich einen Leichnam zum Sinnbild ihrer höchsten Verehrung gemacht hat. Sie drängten hinzu mit gierig geöffneten Lippen, ich sah, daß ihre Seele ein reißendes Tier war, die verschlang das Kind Deiner Liebe, das Du geboren hast, die trank von dem heiligen Blute des Bruders und wurde trunken davon. Ihre Nahrung war der Leib eines Toten.

Accipite et manducate, hoc est enim corpus meum, quod pro vobis tradetur.

Und von grenzenlosem Schmerze erfaßt, drängte ich hinaus, ein Betäubter, den ein Stein vor den Kopf getroffen. Noch auf der Straße, inmitten der Menge, die um die Tische der Bazare war, unter Handwerkern, Kaufleuten, unter Juden und Mohammedanern, Christen, Bettlern und Soldaten, während durch die offene Tür die Orgel in den Lärm des Marktes klang, schrie es auf in mir: „O Du erhabene Mutter des Menschengeschlechts — sie beten Dich an, aber sie durchbohren Dir das Herz! Wer soll uns erlösen, wenn Du es nicht bist, Mutter? Aus Deinem Schoße wachsen die Kinder der Welt. Stehe auf aus den tausend Müttern der Erde, erhebe Dich aus den Millionen Herzen, die gelitten haben! Verschließe den Schoß, der so viele Leben geboren hat, laß versiegen den Quell Deiner Brüste! Stehe auf aus den volkreichen Städten Deutschlands; aus den Kathedralen von Frankreich, aus der Finsternis englischer Fabriken erhebe Deine Stimme! Aus den Wäldern Indiens, aus den Zelten arabischer Wüsten, den verschneiten Hütten russischer Dörfer beginne den Klagegesang. Aus der toten Verlassenheit anatolischer Felsenhöhlen, aus dem traurigen Wohnzimmer der Witwe, die in ihrem hölzernen Käfig dahinsiecht, aus der steinernen Klippe am Hang sizilianischer Felsen, wo die Stimme des Meeres in das Singen der Wiege klingt, laß Deinen Ruf laut werden, halte nicht länger zurück das Gewitter Deines Zorns und der Verzweiflung! Hebe Dich auf aus den Tiefen der Trauer und Einsamkeit, lege Deine Hände vor das Antlitz des Todes, und laß den Lärm der Schlachten verstummen, daß die Welt rein werde von den Greueln des Blutes. Denn Deine Kinder sind schwach und untreu ihres Gelübdes. Sie lernten es wohl, das eiserne Rohr zu führen, aus dem die teuflische Kugel fliegt, aber untüchtig sind sie und feige für die Arbeit des Brudertums. Sie achteten Deiner nicht, gingen hin und verrieten das Wort Deiner Liebe. O gib Brot und Speise denen, die hungern, gib einen Vater den Kindern wieder, nicht länger laß einsam sein den Schlaf des Weibes. Aus ihren weißen Betten steigen die Gebete der Kinder zu Dir auf, und aus den Gräbern noch blühen die Hände der Toten. Denn Dir gehört alle Herrlichkeit der Erde, Mutter, alle Kraft der Liebe, alle Barmherzigkeit!

Qui audit te non confitetur et qui operantur in te non peccabunt. Qui elucidant te, vitam aeternam habebunt. Ave Maria!“

An Carl Hauptmann

Kriegslazarett Kasim Pascha,
den 3. September 1916.

Welchen Balsam haben Ihre Worte in meine Wunden getan! Wohl weiß ich, daß jeder Brief ein Pfeil ist, der in das Ungewisse fliegt, von dem wir nicht ahnen, in welchem Lande, zu welcher Stunde er niederfällt; der Ihre aber traf mich mitten im Herzen. Mir ist, als erwachte ich für Augenblicke aus tiefem Schlaf. Daß es noch eine lichtere Landschaft gibt, als die flache Ebene dieses Daches, wo ich meinen Tisch zwischen die Betten gestellt habe, und die flackernde Kerze, die von dem Atem der Kranken bewegt scheint, um Ihnen zu schreiben; wo ich im Schlafkleid unter dem hellen Mond seltsame Wache vor dem Tode halte, der unsichtbar in den Adern der Menschen umhergeht, der jeden Tag mit weißem Gesicht glühend am Himmel heraufsteigt und seine seltsamen Inseln, Kamel-, Pferde- und Stierleichen, die aufgelösten Leiber toter Soldaten mitten durch den Strom der Stadt treibt, daß wir nie vergessen, daß wir auch hier in den Laufgräben des Krieges schlafen.

Wenn ich zurückdenke an das Leben, das ich einstmals geführt habe, an die stille Tafelrunde der Geister, die diese Zeit so lange hungernd von ihrer Mahlzeit scheuchte, so befällt mich oft eine stille Angst, daß dies alles nur ein merkwürdiger Traum war, der niemals Wahrheit besessen. Daß ich nie ein anderes Zimmer bewohnte als diesen einäugigen Raum, dessen Scheiben mit Papier verklebt sind, in dessen Winkel an einer aufgespannten Schnur meine Wäsche und meine Kleider hängen, in der die Koffer geschlossen und die Teppiche in Ballen gepackt liegen, als gelte es, jede Stunde des Aufbruchs gewärtig zu sein. Hat es auch für mich Wandernden einmal Heimat gegeben? Wann geschah es, daß ich auf etwas anderes blickte als gleißende Backsteinbauten oder in das sandige Auge der Wüste? Der stille Gleichmut des Landes hat seine tröstende Hand auch auf mich gelegt. Die Flamme des Zornes ist herabgebrannt, ich habe lächeln gelernt, was mich noch gestern in Empörung versetzte, begreife ich mit ergebener Anmut. Wie oft muß ich an meinen arabischen Diener denken, der jede Frage mit einem „Warum“ beantwortet. „Ist das Essen fertig?“ — „Warum soll es nicht fertig sein?“ — „Hast du meine Stiefel geputzt? Ist Reis, sind Tomaten da?“ — „Warum nicht, Sahib?“ Und wenn ich ihn darnach fragte, würde er nicht antworten: „Warum sollst du in Deutschland sein? Kannst du mir sagen, weshalb diese Erde besser sein sollte, als sie es ist? ...“ Aluan wird 17 Jahre alt, ist zum zweiten Male verheiratet und hat zwei Kinder auf dem Friedhof liegen. Seit ich in den Tagen meiner Krankheit an seinem feindlichen Unbegreifen so oft in hilflose Verzweiflung geriet, hatte ich nie geglaubt, daß wir einander menschlich so nahe kämen. Wir beide haben manches von einander gelernt.

Einmal besuchte ich ihn im Hause seines Schwiegervaters in Kazimen, lag die heißen Stunden des Mittags in seiner ländlichen Hütte auf der besten buntgedruckten Matratze, die er auf dem Erdboden ausgebreitet hatte, und deren Muster ich noch immer auf der Rückseite meines Hemdes trage. An der Wand hingen die kostbaren Frauenkleider aus grüner und roter Seide, und während ich schlief, kamen Kälber und Eselinnen, mit kauenden Mäulern, und berochen mit großen Augen den Gast. Bei dieser Gelegenheit sah ich auch Aluans starke und wohlgebaute Frau, zu der er jede Nacht eine Stunde weit von Bagdad nach Kazimen läuft, um erst im Morgengrauen wiederzukehren.