Zuweilen fahre ich mit ihm nach der Insel hinaus, um zu baden. Hinter der Stadt bildet der Strom eine breite Sandbank, auf der Fellachen ihr Gemüse bauen. In meinem zeltüberdachten Boote versteckt, die persische Mütze auf dem Kopf, gleite ich heimlich aus der Stadt, denn ich bin ein scheuer Fremdling unter den Leuten des eigenen Volkes geworden. Dann breite ich meinen Teppich auf den Sand der Insel, ziehe mein baumwollenes arabisches Überkleid an, lese im Homer, im Herodot, im Goethe oder der Bibel, die meine nie versagenden Tröster sind; denn ich bin nun ganz zurückgekehrt zu den ewigen Menschheitswerken, die jenseits alles Ruhmes und Streites dieser Zeit liegen. Neben mir, auf den Fersen sitzend, hockt Aluan, und nachdem er lange geschwiegen hat, lächelt er nachdenklich. „Ja, siehst du, Sahib,“ sagt er zu mir, „das ist der Unterschied. Ich habe eine Frau und kein Essen. Du hast Essen und keine Frau.“ Auch hier spricht die Stimme des Menschlichen zu mir, und mit leiser Rührung betrachte ich die sanfte Neigung seines Kopfes, wenn er mir zuhört, oder die zärtliche Geste, mit der er nach einem Zipfel meines Kleides hascht, seine Lippen darauf zu drücken und mir für eine Kupfermünze zu danken.
Aber ich habe noch andere Brüder, die heimkehrend in den Stunden des Abends auf mich warten. Hinter der Brücke am Wasser liegt die kleine Moschee. In den Nächten des Ramadan bin ich der Gast der alten Mollahs. Hier ist Munir, der Erleuchtete, ich sitze zu seinen Füßen und lausche auf seine Stimme. Einmal fragen sie mich nach meinem Namen. Ich sage ihnen, wie ich heiße; seitdem rufen sie mich „Tarik“. Wir lesen einander Gedichte in arabischer und deutscher Sprache vor, und obwohl keiner des anderen Worte versteht, hören wir doch einander zu und sind voll Andacht.
Mein arabischer Diener, die alten Gelehrten im Schatten der Moschee und Pater Joseph, mit dem ich das Dach meines Hauses teile, sind nun meine einzigen Freunde geblieben, vielleicht noch ein sterbender Hund, den ich am Wasser, krank und mit Wunden bedeckt, zwischen dem Lärm der Bootsführer und Wasserträger ganz in sich versunken, die geheimnisvolle Arbeit des Todes verrichten sehe. Aber die Stunden sind selten, da ich in ihrer Mitte bin. Ich habe aufgehört, mir selbst zu gehören, in eine Reihe inhaltsloser Tage gedrängt, ein bodenloses Gefäß, das leer wurde, noch ehe wir es zu füllen begannen. Nicht immer ohne Bitterkeit trage ich diese Stunden und die Demütigungen, die mit meiner Arbeit verbunden sind; denn auch hier gilt nur, wer zu töten berufen ist, und ein liebender Menschenpfleger ist im Grunde eine verächtliche Gestalt. Möchte mir nur die Liebe derer bewahrt bleiben, denen ich, meiner selbst kaum mächtig, die letzte Kraft meiner Hände reiche.
Während ich diese Zeilen schreibe, blicke ich vom Dach in den Hof auf die lange Reihe ihrer Betten hinab, wo sie, ihrer Decken entblößt, nebeneinander liegen, das eine Knie in die Höhe gezogen, als stiegen sie noch im Schlaf eine unendlich mühsame Treppe hinauf. Und ich höre wieder die Stimmen der deutschen Soldaten, die, heimgekehrt aus der Wüste, mir von den bitteren Mühen ihres Lebens erzählen, wie sie hier, am „Hintern der Erde“, von Hunger, Krankheit und Heimweh zernagt, der letzten Hilfe, des Beistandes ihrer Offiziere beraubt, die sie ohne Grund in der Glut der Mittagsstunden in der sommerlichen Wüste Schanzen werfen ließen, in einer „türkischen Fremdenlegion“ dienten. Noch gestern saß ich an dem Bett eines sterbenden Offiziers, in dessen letzten Träumen das bittere Gefühl versagter Freundschaft umging, die Scham und der Vorwurf gegen die Kameraden, die, Verbrecher aus Ehrgeiz und Niedertracht, ihren Untergebenen die Liebe verweigerten, die sie ihnen schuldig waren. Nun tönt aus dem Schatten der Mauer die Stimme eines jungen Soldaten, der seinen türkischen Wärter ruft: „Mustapha, Musta — pha!“ leise und kläglich, als riefe er seine Mutter. Ich blicke auf und schaue den schwarzen Strom hinunter, in dem die letzten Lichter der Stadt sich spiegeln, blicke in das Wunder der fallenden Sterne, die wie glühende Geißeln über den nächtlichen Himmel peitschen, die herabsickern, langsam fallende Schneeflocken, silberne Tränen. Jetzt blitzen sie auf, gewaltige lichthelle Kugeln, die eine unsichtbare Hand über die Erde hinabwirft, zu schauen, ob der Krieg noch immer nicht das verwüstete Lager entweihter Unschuld verließ. Sie verlöschen, und wieder wird Nacht. Aus dem Dunkel des Flusses aber tönt die leise Stimme eines arabischen Fischers, der in seinem Boote schlafend den Strom hinabtreibt:
Die große Palme und der kleine Schößling sind dahingegangen,
Ich blieb allein zurück.
Mitten in all das kommt Ihr Brief, und ich fahre empor wie ein Schlafwandelnder. Freude! Freude! Aber auch Kummer erfaßt mich. Ich sehe die frischgelöschte Tinte Ihres Namens darunter, als wäre ich eben in der Winterstille durch den Schnee der Berge herabgekommen, trete in das abendliche Zimmer und sehe, wie Sie vom Tische aufstehen und aufhören zu schreiben. Wie ich zu lesen anfange, erkenne ich verwundert, daß ich selber es bin, an den diese Worte gerichtet wurden. Werde ich wirklich noch einmal diese Stube schauen? Wann wird der Tag kommen, da mir und Euch allen die Worte geschenkt sind: „Hier gebe ich Dir Armin Wegner zurück.“ Wie anders wird die Gestalt sein und die Seele, die wieder unter die Augen der Freunde tritt. Ihr werdet die ersten weißen Haare auf dem Haupte der Jugend schauen. Denn es ist ein Weg ohne Heimkehr, den wir beschreiten, an dem wir wohnen wie die abgeschiedenen Seelen der Babylonier, deren Nahrung der Staub ist, und die von ihm zurückkehren, tun es nicht ungestraft. Andere Augen sind es, mit denen sie schauen; sie bleiben gezeichnet für den kommenden Tag.
Dennoch glühen unter der Asche dieser Tage purpurne Flammen, die zuweilen urplötzlich hervorbrechen, vor deren geheimer Gewalt ich erschrecke, als wenn sie mich selber vernichten müßten! Ein unbändiges Verlangen ergreift mich, die Schritte hinaus zu setzen, in welche Höhen und Abgründe sie auch führen mögen, fort! fort! verkleidet in das Gewand eines Beduinen, bettelnd, mit Aussatz bedeckt, und sei es auch, um in der Wüste zu sterben. Aber schon höre ich die Schritte der Häscher im Hof, die mir das Blut in den Adern erkalten lassen. Wohin? Wohin? ... Einst sagte mir ein arabischer Wahrsager, den ich im Staub der Straße um meine Zukunft befragte, indem er die Würfel auf eine messingne Schale legte, in die das Zeichen des Widders und des Steinbocks gegraben war: „Was du im Herzen trägst, wird in Erfüllung gehen.“ Aber was ist es, das ich im Herzen trage: Tod, Leben, Ruhm oder Untergang, Glück oder Verbrechen? Auch der Gram ist nur eine Stufe der Lust; hinter den härtesten Leiden noch gilt es zu jubilieren wie eine Lerche. Nur eines weiß ich, daß mit mir die Liebe ist, daß sie mich weiter begleiten wird, und sei es auch zu den Abenteuern und Ländern, die jenseits dieses Lebens liegen. „Friede sei mit Dir!“ rufen mir die Araber zu, denen ich des Nachts in den dunklen Gassen begegne; mit mir aber geht der Unfriede, mit meinem friedlichen Herzen die Unrast, die mich durch alle Schmerzen der Erde von der Hölle bis zu den Sternen treibt, immer duldend und immer voll Neugier.
Ihr Armin, genannt Tarik, das ist „der des Weges Schreitende“.