Als ich wieder hinaustrete, schlägt mir die Nacht kalt entgegen. Ich gehe vorsichtig zwischen den schlafenden Menschen und Tieren hindurch, die zusammengekauert am Boden liegen. Ermüdet setze ich mich auf den Leib des toten Esels, der am Nachmittag gestorben ist. Bis hierher schleppte er die blutgeschwollenen Glieder, aber als die Maultiere, von ihrer Traglast befreit, den wunden Rücken im Staube wälzten, erhob er sich nicht wieder. Und ich denke an den Weg zurück, den wir alle gewandert sind, denke an meine Toten und wie sie mich ständig begleiten. Wenn ich am Tage in der hellen Sonne hinter der Karawane herschreite, winkt mir ihr Gepäck vom Rücken der Maultiere herab. Dunkel leuchtet ihr Name auf den hellen Kisten, dem traurigen Rest ihrer Habe, den ich mit mir zurück in die Heimat trage, als ginge ich wie der Gläubige hinter dem Leichnam her, den er in heiliger Erde bestatten will, ihren geliebten Schatten in Deutschland zu begraben. Des Abends am Feuerloch ist mir, als müßte ich wie in früheren Tagen mit ihnen die Mahlzeit teilen. Ich blicke in ihr Gesicht: „Bist du es, alter Freund und Wüstengefährte? Willst du Brot? Magst du Tee?“ ... Ich fühle ihre Nähe, die mich umgibt, die stille Gemeinschaft derer, denen wir nicht mehr weh tun können. Ich schlafe in ihrem Schatten.
Fröstelnd lehne ich mich über den aufgetriebenen Leib des toten Tieres, mit der Hand seinen Hals liebkosend, der noch eine leichte Wärme trägt. Wieder steigt jener freundliche Gedanke des Friedens vor mir herauf, und während ich einsam in der unergründlichen Weite sitze, ist mir, als könnte ich deutlich auf das künftige Europa hinabsehen, wie auf ein heiteres Gebäude, das sich mit freundlichen Zimmern und Gärten vor mir ausbreitet. —
Zwei Uhr nachts. Es ist Zeit zum Wecken. Ich reiße den Kutschern die Mäntel fort, die sich zitternd zwischen ihren Futtersäcken erheben. Nun habe ich noch eine Stunde Ruhe, aber die Fledermäuse, die im Gebälk flattern, lassen mich nicht einschlafen. Bald gehe ich hinter der Karawane her. Vor mir raucht die unabsehbare Ebene. Und wieder denke ich: o sie liebten dich nicht, du grauer einsamer Boden, alle, die ihren flüchtigen Namen an die zerbröckelnde Wand dieser Herberge schrieben. Sie dachten: Deutschland, oder England, oder Schweden ... irgendwo dort hinten an eine geliebte und menschenbelebte Scholle, zogen vorüber und fluchten dir. Ich aber fühle deine grenzenlose Weite in meinem Herzen. Fühle in mir deine Sonne, deinen Wind, deine Sterne. Fühle, wie mit jedem Schritt meine Seele lebendiger und froher wird, als wanderte ich vom Tode zurück in das Leben.
Abu Herera, den 11. Oktober.
Der letzte Leichnam? Als wir in die verlassene Karawanserei treten, die von Unrat und üblen Gerüchen erfüllt ist, liegt er in der offenen Tür. Die ausgehungerte Gestalt eines zwölfjährigen armenischen Knaben. Mit strohblondem Haar, den Leib bis auf die Knochen abgemagert, Hände und Füße wie Keulen. Nur der linke Arm steckt noch in Lumpen. Als ich an den Fluß trete, finde ich viele Gräber, zahllose alte Feuerstellen. Ist dieses das Ende einer furchtbaren und grausamen Jagd?
Wieder tritt jener Auszug eines vertriebenen Volkes vor meine Augen, durch dessen schmerzliche Lager ich im vergangenen Jahr mit erschrockener Seele geirrt bin. Bald begegnen wir den ersten Flüchtlingen. Die Ränder aller Wege sind mit ihren Knochen besät, die grell in der Sonne bleichen. In Maden treffen wir das erste Lager. Kinder und Frauen umdrängen unsern Wagen, schlagen sich wund um ein Stück Brot oder eine leere Melonenschale. In Tibini haben sie einen kleinen Basar errichtet. Bäcker, Fleischer und Schuster sitzen in der grellen Sonne unter den ausgespannten Lumpen eines zerrissenen Tuches auf dem nackten Steinboden und bieten ihre Ware aus. Einen türkischen Offizier sah ich beim Garkoch ein gebratenes Stück Fleisch kaufen, und nicht ohne Bewunderung dachte ich: sie haben dich in den Tod getrieben, du aber bietest deinem Mörder für einen Metalik noch in der Wüste ein Stück Fleisch an!
Bei Rakka, in einem völlig verwahrlosten schmutzigen Lager, traf ich einen dreizehnjährigen Knaben. Er hatte seine Mutter und seinen Bruder verloren, nur sein Vater lebte. Er hieß Manuel. Einen weißen Lappen gegen die Sonne um den Kopf gebunden, lief er, auf auf einem Kuhhorn blasend, lachend zwischen den Haufen der Hungernden, Kranken und Sterbenden umher, die reglos dalagen oder, dem Wahnsinn nahe, ihren Kot als Speise verzehrten. Seine wohlgebaute, noch kräftige Gestalt, sein offenes Gesicht gefielen mir. Ich wollte ihn in unsern Wagen nehmen, um ihn mit nach Deutschland zu bringen. Seine geraden Augen leuchteten dunkel zu mir auf. (Meine Mutter, dachte ich einen Augenblick, ich will dir einen neuen Sohn schenken!) Ich ließ mich zu seinem Vater führen, einem Händler aus Alexandrette, den sie zum Wächter des Lagers gemacht hatten, weil er lesen und schreiben konnte. Aber obwohl sein Gesicht sich vor Freude verklärte, war er so müde und abgestumpft, und seine Angst vor den Gendarmen, die Furcht um das eigene Leben waren so groß, daß er keinen Ausweg finden konnte.
Da ging ich selbst zu dem arabischen Aufseher. Ich saß zwei Stunden auf seiner Matte und bot ihm den Rest meiner Barschaft an. Aber sie wollten ihn nicht freigeben. Ich versprach, in Aleppo bei Hakki Bey, dem Leiter der Ansiedlungen, für ihn zu bitten. Wieder und wieder drückte ich ihre Hände, ich sagte: ich werde in Deutschland an Euch denken. Manuel begleitete mich bis an den Ausgang des Lagers. Er wollte versuchen, in der kommenden Nacht unserer Karawane nachzulaufen. Aber ich glaube nicht, daß es ihm gelingen wird, unter den Flintenschüssen der Gendarmen zu entfliehen.
Mes kene, den 15. Oktober.
Als es Abend wird, sitze ich mit dem Priester Père Arslan Dadschad in der offenen Tür seines Zeltes, und sie erzählen mir von ihren Leiden. Von den 800 Familien der Stadt, mit denen sie auszogen, von den vielen Tausenden, die er in der Wüste begraben hat, darunter dreiundzwanzig Priester und einen Bischof. Ihre Blicke schreien mich an. „Du bist doch ein Deutscher“, sagen sie, „und mit den Türken verbündet ... so ist es also wahr, daß ihr selbst es gewollt habt!“ Ich schlage die Augen herab. Was kann ich ihnen erwidern, um sie Lügen zu strafen? Aus einer Tasche seines Gewandes, in einen zerlumpten Fetzen gehüllt, holt der Priester sein Christuskreuz, und als er es andächtig mit Küssen bedeckt, kann ich, von Rührung ergriffen, mich nicht enthalten, es gleichfalls an die Lippen zu führen, dieses Kreuz, das der Zeuge so vielen menschlichen Kummers und Leidens gewesen ist.